Boomer | Was nach sich ziehen wir Linken gekämpft! Und jetzt? Diese Welt ekelt mich an

Fast jeden Morgen um sechs Uhr schaltet sich bei mir automatisch das Radio ein, DLF-Info ersetzt für Menschen meiner Branche einen Teil der morgendlichen Zeitungslektüre. Vor ein paar Jahren war das noch ganz unterhaltsam, tagesaktuelle Interviews, von unerschrockenen, manchmal frechen journalistischen Kolleg:innen geführt. Das hat sich geändert.

Nach einer halben Stunde drücke ich jetzt auf den Pausenknopf. Nicht nur, weil ich den Namen Trump nicht mehr hören kann, sondern weil mich der Ekel ins Badezimmer treibt oder in wirres Gedöse, bei dem Gewaltfantasien keine geringe Rolle spielen.

Von toxischen Männern, über Rechte im Osten bis Krieg

Was ich alleine in diesem Jahr schon zu hören bekam! Von toxischen Männern, die glauben, sich einfach nehmen zu können, was ihnen nicht gehört. Von Rechtsradikalen, die sich in den Ostländern festzecken, während der Innenminister drastische Maßnahmen gegen den „gefährlichen Linksterrorismus“ vorbereitet.

Vom aufflackernden Krieg in Syrien, wohin die CSU Flüchtlinge zurückschicken will. Von zigtausend frierenden Menschen in Kiew oder von Davos, wo Klimafragen oder Menschenrechte überhaupt keine Rolle mehr spielen. Und von China, das ich gerade bereist habe und das auf jeder Welle zu einem Hochsicherheitsrisiko für Europa hochgequatscht wird.

Egal, was ich höre, es dreht mir den Magen um, ich halte es nicht mehr aus. Gar nicht zu reden von der Suada über den dürren Ast, auf dem das wachstumsschwache Deutschland sitzt, weil die sozialen Betriebskosten für das Land angeblich zu hoch sind und durchgreifende Sozialreformen doch nun endlich und dringend nötig seien. Wie eine Jukebox, in die man ein Zehncentstück hineinwirft und die dann immer wieder die gleiche Leier spielt.

Für mich als Journalistin das Schlimmste: Die Phalanx der Interviewerinnen und Moderatoren stimmt nicht nur willig ein, sondern treibt die Kiste munter an, wenn sie von sinkendem Wohlstand redet und nie fragt: Wohlstand eigentlich für wen? Wie lange lassen wir uns eigentlich noch einreden, Grundsicherungsempfangende und Aktienhalter säßen in einem Boot?

Früher Kriegsdienstverweigerer, heute Soldat an Kampfdrohnen

Ich weiß nicht, wie sich das alles für die jüngere Generation anfühlt, die noch ein Leben vor sich hat, mit Kindern, die auf diesem Planeten irgendwie überleben wollen. Wenn ich es mit jungen Menschen zu tun habe, stelle ich fest, dass sie zum Rückzug neigen, und das hat sicher nicht nur mit ihren Corona-Erfahrungen zu tun.

Wenn ich aber mit Gleichaltrigen in geselliger Runde zusammensitze, kommt nicht mehr sofort die Rede auf die zu pflegenden Eltern – „die haben es hinter sich!“, sagen wir dann –, sondern auf unsere derzeitige ungute Gefühlsmischung: Sie bewegt sich zwischen Wut, Frust und Ohnmacht angesichts der politischen Lage. Manche sind Mitstreiter:innen in politischen Bewegungen, andere in Parteien aktiv, wieder andere nur irgendwie linksgestrickte interessierte Zeitgenossen.

Aber allen geht es ähnlich wie mir: Sie schalten häufiger den Fernseher aus, wenn die immer gleichen Nasen erzählen, dass Europa „aufrüsten“ müsse, dass die Kriegsindustrie nun endlich ihre Auftragsbücher abarbeite und die Zahl der Menschen, die mal in den Krieg ziehen sollten, „zum Glück“ steige.

Auf der Grünen Woche, erzählt mir ein Lehrer, der mit seiner Klasse dort war, spielten Schulabgänger inzwischen Soldat an Kampfdrohnen. Was soll uns das sagen, die wir mal zu Hunderttausenden, nicht alle unbedingt radikalpazifistisch gestimmt, im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert haben oder im Osten Schwerter zu Pflugscharen schmieden wollten?

Wir reiben uns die Augen, wenn wir hören, dass sich ehemalige Kriegsdienstverweigerer jetzt sogar freiwillig zur Bundeswehr melden. Waren wir allesamt naive Träumer, als wir uns eine multilaterale, halbwegs befriedete Welt vorstellten, in der alle ihr Auskommen hätten? Nein, natürlich wussten wir, dass überall Stellvertreterkriege tobten und Menschen verhungerten. Aber das heutige Szenario, bei dem sich nach Wildwestmanier der Stärkste wieder einfach alles unter den Nagel reißt, glaubten wir als überwunden.

Wir waren selbstverständlich Teil der Anti-AKW-Bewegung

Irgendwann Anfang der 1970er-Jahre stand ich auf einer Brücke über dem Hochrhein, unter mir trieben Tausende verendete Fische mit aufgetriebenen Bäuchen in der Giftkloake. Es war ein Anblick, den ich mein Leben lang nicht vergessen habe. Im Biounterricht erfuhren wir – selten damals noch – über toxische Stoffe, die sich, von der Pharmaindustrie in Basel und Mannheim eingeleitet, stromabwärts sammelten. Wir lernten, dass das FCKW in unseren Deo-Spraydosen die Ozonschicht zerstört und das Klima schädigt.

Man war selbstverständlich gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl und Teil der Anti-AKW-Bewegung. Der Rhein ist heute sauberer, FCKW verboten und das AKW nie gebaut worden – auch wenn es um das Klima viel schlechter steht als damals und das Waldsterben, das uns auch umtrieb, mehr als nur eine gefühlte Tatsache ist. Wir haben den Nato-Doppelbeschluss nicht verhindert, so wenig wie spätere Bewegungen die fatalen Auswirkungen der Globalisierung.

Zur Erfahrung dieser Generation gehört es aber, dass es Fortschritte gab, immer dann, wenn wir uns bewegten. Längst wäre der Atommüll in einem unsicheren Endlager gelandet, wenn sich die Mutigen nicht an Eisenbahnschienen gekettet hätten. Es gäbe keine Umweltindustrie, hätten querdenkende Ingenieur:innen in einer Zeit, als damit noch keine Profite zu machen waren, nicht ihre findigen Köpfe eingesetzt. Klimakonferenzen ohne den gewaltigen Schub der weltweiten Bewegung: undenkbar.

Empowerment nennt man diese Formen der Selbstermächtigung im politischen Jargon. Rückschläge, Enttäuschungen, manchmal auch Ohnmachtsgefühle auf der Rückfahrt von der Demo.

Heute nur politischer Widerwille ohne Energie

Doch nun mündet der Widerwille, der mich erfasst hat, in Lähmung, die Wut generiert keine Energie. Wenn ich Politiker über faule Arbeitnehmer:innen, Lifestyle-Teilzeitarbeit oder Karenztage schwadronieren höre, denke ich an meine Eltern, die mit ihren Gewerkschaften die Lohnfortzahlung für Arbeiter erkämpft haben, eine lange und zähe Auseinandersetzung.

Noch länger hat es gedauert, durchzusetzen, dass Frauen nicht Besitz gewalttätiger Männer sind und sie in der Ehe keine Sexdienste erbringen müssen. Ein Freund, der sein Leben lang solcherart Überzeugungsarbeit leistet, erzählt vom Frust, der ihn ergreift, wenn er erlebt, dass Gewalt wieder zur selbstverständlichen politischen Auseinandersetzungsform geworden ist und Männer wie Trump oder Putin überwunden geglaubte Männerbilder revitalisieren.

Bei manchen meiner Freunde macht sich auch Zynismus breit, der, wie man weiß, von verwundeten Seelen rührt. Eine alarmierende Mitteilung der Caritas informiert über extrem steigende Suizidraten bei Menschen über 65. Ich hoffe inständig, dass ich an keinem solchen Grab stehen muss.

Vielleicht haben wir uns ja auch nur zu wichtig genommen mit dem, was wir zu bewegen vermeinten. Vielleicht ist es lediglich die narzisstische Kränkung, die uns umtreibt. Vielleicht waren wir viel weniger (selbst-)wirksam, als wir glaubten, der Zukunft unseren Stempel aufzudrücken. Einen anderen.

Denn als Frauenbewegte, die darum kämpften, dass Frauen überhaupt wahrgenommen werden, haben wir sicher nicht daran gedacht, unsereins in DAX-Vorstände zu hieven oder mit religiösem Eifer darum zu streiten, wie das Genus sprachlich korrekt darzustellen sei. Die Zuversicht jedoch, dass die Dinge besser werden würden, war der nicht abzuwürgende Motor, der uns in Bewegung versetzte. Das hat sich geändert.

Waren wir jemals mehr als ein paar „Hansel“?

Und ja, ich höre jetzt schon die Frage: Wer ist denn dieses „Wir“, das ich hier aufrufe? Abgesehen von den paar Hanseln, die mir auf der langen Strecke nicht abhandengekommen sind? Es stimmt schon, nicht erst durch Corona gab es Fahnenflüchtige, die in ein mir nicht verständliches Lager wechselten. Der Ukraine- und Gaza-Krieg und anderes dünnen die Reihen aus, auch das ist eine neue Erfahrung.

Gleichzeitig werde ich fast täglich von Campact aufgefordert, für irgendein wichtiges Anliegen Geld zu spenden. Ist diese Art diversifizierten Protests über bequeme Onlineplattformen nicht überholt? Manchmal fühle ich mich erinnert an die vielen Soli-Komitees, denen ich in den 1970er-Jahren angehörte, nur dass man da mit dem Körper präsent sein musste. Was braucht es heute, um sich dem, was passiert, wirkungsvoll entgegenzusetzen?

Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich wie so oft nach dem Sinn. Warum tagtäglich gegen den erwartbaren „Umbau“ des Sozialstaats anschreiben, der für Geringverdiener, Alte und Kranke fatal werden wird? Warum anrennen gegen die unentwegte, auf allen Ebenen stattfindende Vernützlichung des Menschen? Nicht nur durch Lohnarbeit, auch sein Körper ist Begehrlichkeiten ausgesetzt. Warum wollen Menschen, die die AfD wählen, einfach nicht verstehen, dass für die meisten von dort kein Heil erwachsen kann, selbst wenn ihnen die NS-Vergangenheit egal ist?

Was bleibt uns auch sonst übrig?

Hat die Aufklärungsarbeit, deren Teil ich irgendwie auch bin, so wenig bewirkt? Wäre es egal gewesen, wenn ich mich dort verdingt hätte, was wir einmal die „bürgerliche Presse“ genannt haben, mit entsprechenden Rentenansprüchen, die der journalistische Mainstream in Aussicht stellt?

Aber immer, wenn mich der Zweifel zu überwältigen droht, sage ich mir: Pfeif darauf, kümmere dich nicht um das „Erbe“, mach weiter und freu dich der kleinen Pflänzchen, die ja doch überall blühen. Wenn Menschen gegen Mietwucher auf die Straße gehen, sich in Krankenhausinitiativen zusammenschließen oder für den Erhalt eines kleinen Tieres kämpfen, dem das Vernützlichungsregime die Daseinsberechtigung abspricht.

Was bleibt uns auch sonst übrig, als sich zu stemmen gegen den Krieg und eine Politik, die von „Werten“ schwadroniert, sie aber selbst tagtäglich mit Füßen tritt?