Im Reich dieser Pinguine – eine Kreuzfahrt ans Ende dieser Welt
Zuerst ist es nur ein fernes Rufen. Ein Gackern, ein Schreien, fast überdeckt von der rauschenden Brandung und dem Pfeifen des Windes. Es treibt vom Strand der breiten Bucht herüber. Dahinter schwarze Berge, mit Schnee bedeckt, ihre zackigen Gipfel wie lauter kleine Matterhörner. Die „Silver Wind“ lässt rasselnd den Anker fallen. Dann verstummen die Motoren.
Das Expeditionsschiff liegt still im Wasser, nicht weit vom Ufer, das Rufen wird lauter. Ein einziger Blick durch das Fernglas genügt: Pinguine! Nicht Hunderte, sondern Hunderttausende.
Vor sechs Tagen hatte das Schiff der Reederei Silversea im chilenischen Hafen Puerto Williams abgelegt, unten an der Spitze Südamerikas. Sein Ziel ist die antarktische Halbinsel, der nördlichste Ausläufer des siebten Kontinents. Doch die Route führt nicht direkt durch die stürmische Drake-Passage, sondern in einem weiten östlichen Bogen über die Falklandinseln und Südgeorgien. Fast 2000 Seemeilen Umweg.
Der Abstecher hat einen Grund: Die 198 Gäste an Bord sind Naturliebhaber und Vogelfreunde. Sie haben Ferngläser dabei und Kameras mit armlangen Objektiven. Sie wollen Robben sehen und Wale, Albatrosse, Sturmvögel und Seeschwalben. Vor allem aber Pinguine.
Schon auf den Falklands begegnen sie ersten Kolonien. Später, in der Antarktis, Dutzenden weiteren. Doch nichts bereitet sie auf Südgeorgien vor, dessen schwarze Gipfel die Anfangsszene einrahmen. Der zu Großbritannien gehörende Archipel im Südpolarmeer ist ein Ort von überwältigendem Artenreichtum. Eine Serengeti aus Eis, Felsen und Federn.
Begleitet werden die Passagiere von einem 22-köpfigen Team aus Biologen, Geologen und Gletscherkundlern. Einer von ihnen ist der renommierte britische Seevogelexperte Peter Harrison, seit gut 40 Jahren auf der Spur der Pinguine. Harrison und seine Kollegen halten Vorträge, erklären Zusammenhänge, organisieren Landgänge. Diese sind aufwendig, denn feste Anlegestellen gibt es kaum.
Der Transfer vom Schiff erfolgt in Zodiacs, robuste Schlauchboote mit Außenbordmotor. Nach jedem Besuch müssen Stiefel und Kleidung gründlich gereinigt werden, damit sie für den nächsten Ausflug sauber sind. Der Schutz des fragilen Ökosystems ist oberstes Gebot.
Was die Passagiere an Land erwartet, rechtfertigt jede Mühe. Robbenkolonien, See-Elefanten von der Größe kleiner Geländewagen, tausende brütende Vögel. Und immer wieder Pinguine. In solchen Zahlen, in solcher Nähe, mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass sie alles andere überstrahlen. Sie werden zu den Hauptdarstellern der Reise, dominieren die Erinnerung, füllen die Speicherkarten und räumen beim schiffseigenen Fotowettbewerb am Schluss alle vorderen Plätze ab.
Warum ist das so, wieso üben gerade Pinguine eine solche Faszination aus, was macht sie zu den berühmtesten Bewohnern des eisigen Südens? Fünf Gründe.
Mit Frack und Schnabel
Der Pinguin ist nicht das beliebteste Tier der Welt. Hunde und Katzen liegen in Umfragen vorn. Aber für ein Wildtier, das zudem ziemlich weit weg lebt, ist er erstaunlich populär. Er tanzt und singt in Animationsfilmen, stolpert durch Komödien, verkauft Kühltruhen und Computer-Betriebssysteme. Man sieht ihn auf Schokoriegeln und Kinderpyjamas. Die Falklands nutzen ihn als Stempel im Pass, ein britischer Verlag, Penguin Books, seit über 90 Jahren als Maskottchen.
Oft genügt seine Silhouette, und alles ist klar: positive Emotionen, ein Lächeln beim Betrachter. Kindchenschema, aber mit Frack und Schnabel. Vielleicht wäre ein Bundespinguin der bessere Bundesadler? Also ein Vogel, der dauernd Minusgraden und Gegenwind ausgesetzt ist und doch stets Haltung bewahrt.
Der aufrechte Gang erscheint den Menschen vertraut, macht ihn fast zu einem verwandten Wesen. „Was auf Erden schleicht, das soll euch eine Scheu sein“, warnt die Bibel. Der Pinguin schleicht nicht, kriecht nicht. Er watschelt auf zwei Füßen. Manchmal rutscht er auch auf dem Bauch, aus Versehen oder weil es schneller geht. Dann steht er wieder auf.
Vom Menschen lässt er sich nicht beeindrucken – er beäugt die Kreuzfahrer, die ihn in seinem Zuhause in der Antarktis besuchen, nur stumm und interessiert. Sein unbewegter Blick hat fast etwas Kontemplatives. Dann watschelt er wieder davon. „Wer keine Pinguine mag“, bringt es Seevogelexperte Peter Harrison auf den Punkt, „sollte zum Arzt gehen.“
Der Traum vom Fliegen
Aber ist er überhaupt ein Vogel? Oder ein Fisch, der wie ein Esel schreit? Diese Vorstellung hielt sich lange. Die ersten Europäer, die Pinguine sahen, waren wahrscheinlich portugiesische Seefahrer im späten 15. Jahrhundert vor Südafrika. Ferdinand Magellan stieß 1520 in Patagonien auf „schwarze Gänse“, die allerdings die heute nach ihm benannten Magellan-Pinguine waren. Richtig lag der Weltumsegler mit der Zuordnung zum Vogelreich.
Keinen Zweifel lässt Experte Peter Harrison aufkommen: Wo Federn sind, ist ein Vogel, auch wenn er nicht fliegt. Pinguine haben Federn, alle 18 Arten. Die äußeren, vorne weiß und hinten schwarz, sind kurz und steif, fast schuppenartig angelegt. Darunter liegt eine zweite Schicht, die Luft einschließt und vor dem Auskühlen schützt, an Land und vor allem im Meer. Denn dort befindet sich ihr Jagdrevier. Fisch und Krill, kleine Krebstiere, sind ihre Beute.
Ihre Schwimmkünste sind vorzüglich. Harrison begeistert das Kreuzfahrt-Publikum mit Details: Um besser abzutauchen, schlucken Pinguine Steinchen als Ballast, die sie später wieder hervorwürgen. Manche Arten tauchen bis zu 500 Meter tief und mehr als eine halbe Stunde lang.
Sieht man, wie sie sich vor Südgeorgien oder dem antarktischen Festland im Meer bewegen, glaubt man, ein anderes Tier vor sich zu haben: kein unbeholfenes Watscheln mehr, sondern pfeilschnelle Eleganz, bis zu 35 Stundenkilometer schnell.
Tauchen Pinguine in voller Reisegeschwindigkeit auf und schießen über die Meeresoberfläche, wirkt es für Sekunden fast, als könnten sie fliegen. Noch schneller sind Orcas und Seeleoparden. Und das ist ein Problem für die Watschelvögel: Sie stehen auf ihrem Speiseplan.
Adelige Pinguine
Pinguine kommen nicht nur in Eis und Schnee der Antarktis vor. Dort leben und brüten lediglich vier der 18 Arten: Kaiser-, Adélie-, Esel- und Zügelpinguine. Weiteren elf Arten begegnet man drumherum auf den Inseln im subpolaren Meer. Man findet sie auch in Neuseeland, wo sie vermutlich ihren Ursprung haben, in Australien und in Südafrika. Und sogar auf den Galápagos-Inseln. Dort, unter äquatorialer Sonne, lässt es sich der Galápagos-Pinguin gut gehen, der einzige, der auf der Nordhalbkugel brütet.
Sofern man von Zoo-Pinguinen absieht. Am berühmtesten sind die im Zoo von Edinburgh. Norwegische Walfischer schenkten dem Tiergarten 1913 drei lebende Königspinguine, die ersten, die weltweit in einem Gehege zu betrachten waren.
Aus dieser unverhofften Gabe entstand eine Tradition, wie sie nur zwischen Monarchie, Militär und Selbstironie entstehen kann: Einer der Pinguine aus Edinburgh gehört zur Leibgarde des Königs von Norwegen. Er trägt einen Namen, einen Adelstitel und wird regelmäßig befördert. Der aktuelle Amtsinhaber heißt Sir Nils Olav III., bekleidet den Rang eines Generalmajors ehrenhalber und trägt bei offiziellen Anlässen eine Schulterklappe mit Krone und zwei Sternen. Er ist damit der ranghöchste Pinguin der Welt.
Anmutig, aber geruchsintensiv
Die Norweger hatten ein gutes Gespür: Nils Olav und seine Verwandten sind unter allen Arten die schönsten. Elegant, wohlproportioniert und, sofern sie nicht in der Mauser stecken, von makelloser Erscheinung. Man könnte sagen, der Königspinguin ist der George Clooney der Spheniscidae. So nennt man Pinguine zoologisch. Der griechische Name bedeutet „kleiner Keil“, ein Hinweis auf ihre Stromlinienform.
Die dezenten Streifen in Gold und Orange an Hals und Brust verleihen dem Königspinguin Rang und Würde, mit fast 90 Zentimetern Körpergröße ist er der zweitgrößte Pinguin der Welt. Nur der Kaiserpinguin überragt ihn mit bis zu 120 Zentimetern Scheitelhöhe, wirkt aber nicht so ausgewogen in den Proportionen.
Um dem Kaiserpinguin zu begegnen, muss man außerdem ins antarktische Festland vordringen. Dort brütet er entgegen aller Logik im tiefsten polaren Winter. Der Kaiserpinguin imponiert, doch der Königspinguin gefällt.
Pinguine können auch exaltiert sein. Die Felsenpinguine zum Beispiel, die sich auf dieser Reise auf den Falklandinseln zeigen. Kleine Gestalten von kaum einem halben Meter Höhe, doch mit gelben Federbüscheln über den Augen, als hätten sie sich für ein modisches Statement entschieden. Sie watscheln nicht, sie hüpfen. Meist zu zweit oder zu dritt, von Stein zu Stein, mit jener zielstrebigen Unruhe, die man von Jugendgruppen kennt, die unterwegs sind, ohne genau zu wissen, wohin.
Noch eine Spur überdrehter wirkt der Goldschopfpinguin. Seine langen, gelben Kopffedern sehen aus, als hätte jemand bei der Blondierung die Geduld verloren. Im Englischen heißt er Macaroni Penguin. Der Name stammt aus dem 18. Jahrhundert, als man in England junge Männer der Oberschicht, frisch zurück von ihrer Grand Tour durch Italien, „Macaronis“ nannte. Sie galten als extravagant, modisch überambitioniert und leicht suspekt.
Egal, wie anmutig sie einzeln wirken: Ihre Kolonien sind Ballungsräume voller Lärm und Gestank – darauf muss man auf jeder Antarktis-Kreuzfahrt gefasst sein. Es riecht nach Fisch und Exkrementen, hier und da liegen Kadaver. Ein Eindruck, den die Tierdokumentationen im Fernsehen nicht vermitteln können. Zur Ehrenrettung der Pinguine sei aber auf die Robben verwiesen: In Fragen des Körpergeruchs spielen Seehund, Walross & Co. in einer eigenen Liga, sie stinken noch heftiger.
Neugierig und zutraulich
Man sieht auf Aufnahmen alter Polarexpeditionen Kaiserpinguine in Reih und Glied hinter den Forschern hermarschieren, als gehörten sie dazu – ohne Auftrag, aber mit Ausdauer. Auf der „Silver Wind“ hängt ein Foto, auf dem Adéliepinguine ein improvisiertes Fußballspiel auf dem Eis kaperten: kleine, schwankende Gestalten, die das Feld der Männer stürmten – wie Ersatzspieler, die zu lange auf der Bank sitzen mussten.
So ähnlich ist es auch auf dieser Tour: Fast jedes Mal, wenn das Schiff seine Schlauchboote an Land schickt, taucht am Strand eine Begrüßungsdelegation auf. Es hätte nicht gewundert, wenn die Pinguine bei der Abfahrt den Besuchern hinterhergewinkt hätten, als sei auch das Teil ihres Rituals.
Woher stammt diese pinguinische Neugier? Ist es Langeweile, wie eine der Passagierinnen vermutet? Oder erinnert der Mensch die Pinguine an sich selbst, aufrecht gehend und fröstelnd? „Es hat einen anderen Grund“, erklärt Vogelexperte Harrison. Ausgewachsene Pinguine kennen an Land keine Feinde. Deshalb sind sie arglos und zutraulich, machen sich nichts daraus, wenn doppelt so große Wesen durch ihre Kolonien schreiten.
Umso wichtiger ist, dass die Besucher die Regeln der IAATO beachten, dem Zusammenschluss von Reiseveranstaltern für verantwortungsvollen Tourismus in der Antarktis. Die Tiere dürfen nicht berührt oder gefüttert werden, ein Mindestabstand von fünf Metern ist einzuhalten, das Fotografieren darf sie nicht stören oder erschrecken. Das Expeditionsteam der „Silver Wind“ achtet genau darauf, dass sich jeder Gast daran hält.
Für die frühen Polarforscher waren die arglosen Pinguine leichte Beute und ihre Eier und Küken für die auf den Schiffen mitgebrachten Ratten ein gefundenes Fressen. Südgeorgien war jahrzehntelang von Ratten verseucht. Es hat lange gedauert, die Insel wieder nagerfrei zu bekommen, damit sich die Vogelpopulation erholen konnte. Heute leben und brüten hier wieder Millionen von Pinguinen, allein mehr als eine Million Paare von Königspinguinen, fast 95 Prozent der Weltpopulation.
„Doch nun setzt ihnen die Vogelgrippe zu, eingeschleppt von Zugvögeln“, sagt Harrison. Auch die Folgen des Klimawandels bekämen sie zu spüren: Meeresströmungen, die sich veränderten, Gletscher und Meereis, die schrumpften, ein Nahrungsangebot, das Jahr für Jahr knapper werde. Und so endet die Reise mit einer Horizonterweiterung: Die Welt der Pinguine ist großartig und gefährdet zugleich. Ihre Zukunft entscheidet sich nicht im Eis, sondern bei uns.
Tipps und Informationen:
Antarktistouren: Auf einem eisklassifizierten Expeditionsschiff wie der „Silver Wind“ sind tägliche Zodiac-Fahrten zu Pinguinkolonien, Gletschern und Eisbergen zentraler Bestandteil der Reise. Experten informieren über Landschaft und Tierwelt. Das, und die hohen logistischen Kosten für Fahrten in einer der entlegensten Regionen der Welt, machen solche Reisen teuer. Man sollte darauf achten, dass der Anbieter sich den Regeln des verantwortungsvollen Reisens der International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO) verschrieben hat. Die Liste der Mitglieder findet sich unter iaato.org.
Kreuzfahrtanbieter: Die „Silver Wind“ und zwei Schwesterschiffe sind 2026 und 2027 wieder in der Antarktis unterwegs. Zehntägige Reisen all-inclusive in der Außenkabine (ohne Langstreckenflüge) kosten ab 9100 Euro pro Person, 18-tägige Reisen inklusive Falklands und Südgeorgien ab 18.880 Euro (silversea.com). Ähnliche Reisen bieten HX Expeditions, 15 Tage ab 9257 Euro (travelhx.com/de-de) und Hapag Lloyd-Cruises, 14 Tage ab 12.540 Euro (hl-cruises.com). Die Saison für Antarktis-Reisen ist der Südsommer von November bis März.
Pinguinschutz: Wer die Pinguinforschung unterstützen will, kann eine Patenschaft beim britischen WWF übernehmen: support.wwf.org.uk/adopt-a-penguin
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Silversea. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Source: welt.de