Cortina d’Ampezzo: Das Bergdorf dieser Gegensätze

Der Werbespruch für den „Brave club“ klingt verheißungsvoll: „Was im Brave passiert, bleibt im Brave“. Telefone sind am Eingang abzugeben. 50 Euro kostet der Eintritt, ein Drink wie etwa ein „Strudel by the glass“ oder ein „Bloody Mountain“ inklusive. Wer will, kann dort bis in die frühen Morgenstunden tanzen.

Der Klub gehört zum 200 Jahre alten Hotel Ancora im Herzen von Cortina d’Ampezzo. Der italienische Unternehmer und Stilist Renzo Rosso, Gründer der Modemarke Diesel und Eigner von Firmen wie Jil Sander, hat den Betrieb vor fünf Jahren gekauft und gründlich modernisiert. Jetzt lassen sich öfter Stars und Sternchen hier blicken, der Rapper Snoop Dog etwa anlässlich der gerade stattfindenden Olympischen Spiele. Sonst stellen nur die italienischen Zeitungen jeden Winter die Frage, wer in Cortina ist und wer nicht. Nun aber hat der Ort eine internationale Dimension bekommen.

In der Großstadt Mailand gehen die Spiele eher unter

Die Winterspiele dieses Jahres sind mehr denn je verteilt auf Sportstätten, die teilweise Hunderte Kilometer voneinander entfernt liegen. Unter den sechs Austragungsorten sticht Cortina d’Ampezzo am stärksten heraus, ist es doch nicht nur der größte der reinen Wintersportorte, sondern auch der bekannteste. In der Großstadt Mailand gehen die Spiele eher unter. In Cortina dagegen gibt es in diesen Tagen kein anderes Thema.

Mit rund 5500 permanenten Einwohner ist der Ort eigentlich nur ein größeres Dorf. Betten gibt es hier freilich für 13.000 Menschen. Derzeit wimmelt es in der Kleinstadt nur so von Sportlern, Funktionären und Zuschauern. Seit der Eröffnungsfeier am vergangenen Freitag pilgern die Menschen in der Fußgängerzone über den Corso Italia zum Olympischen Feuer vor der Basilica dei Santi Filippo e Giacomo.

Sie bevölkern die Luxusboutiquen von Dior bis Prada und ziehen vorbei am Hotel Ancora und am Hotel de la Poste. In der Herberge mit dem französischen Namen stieg früher nicht nur Hemingway ab, sondern auch Liz Taylor, Henry Fonda oder die Familie Krupp. „Wir sind sehr zufrieden. Durch die Winterspiele bekommen wir jetzt schon Buchungen für 2028, das gab es früher nicht“, berichtet der 58-jährige Gherardo Manaigo, der das Hotel mit seinen 73 Zimmern in sechster Generation führt.

Weniger Buchungen im Umland von Cortina

Nicht alle Geschäftsleute sind allerdings hellauf begeistert: „Derzeit haben wir ein anderes Publikum als sonst“, berichtet eine Verkäuferin in einem nahegelegenen Kunsthandwerksladen. Sie meint damit Touristen, die sich etwa nicht eine Übernachtung im Grand Hotel Savoia leisten können, wo die Suite schon außerhalb der olympischen Tage 3800 Euro pro Nacht kostet.

Derzeit sind viele Wintersportfans unterwegs – teilweise auch in Wohnmobilen, die in Cortina eigentlich verpönt sind. Viele der skifahrenden Stammgäste bleiben dagegen fern, weil sie glaubten, alle Pisten seien von den Wettbewerben blockiert. Auch in den umliegenden Orten berichten Anbieter von geringeren Buchungen, denn die Leute befürchteten Überfüllung und Chaos.

„Wir müssen das Narrativ ändern und klar machen, dass es keine Unannehmlichkeiten gibt“, appelliert Roberto Padrin, der Präsident der Provinz Belluno, zu der Cortina gehört. Der Olympia-Ort ist für Autos ohne Sondergenehmigung zwar gesperrt worden, doch nicht der gesamte Verkehr in der Gegend. „Es fließt, das Gebiet ist zugänglich“, betont Padrin.

Große Unternehmen hoffen auf mehr Export

Der Großteil der Geschäftswelt in Cortina steht klar hinter den Spielen. Der wahrscheinlich jahrelang wirkende Marketingeffekt gilt als enorm. „Mit der Olympiade sind wir der Konkurrenz einen großen Schritt voraus. Wir stehen im Wettbewerb mit St. Moritz, Gstaad, Megève und Courchevel“, berichtet der Hoteleigner Manaigo. Die großen internationalen Unternehmen Italiens bestätigen das.

In der vergangenen Woche gelobten auf einer Präsentation die Vorstandsvorsitzenden des Schuhherstellers Tecnica (Marken wie Nordica und Lowa), des Fitnessgeräte-Anbieters Technogym und des Modeherstellers Moncler ihre Unterstützung. „Cortina muss das Aspen von Europa werden“, forderte ein Manager. Solche Werbung hilft auch der Warenausfuhr. Italien war im vergangenen Jahr Europas zweitgrößter Exporteur von Skiausrüstungen nach Österreich, bei Skischuhen sogar die Nummer eins.

Elsa Zardini: Präsidentin der Vereinigung der Ladiner
Elsa Zardini: Präsidentin der Vereinigung der LadinerReuters

Cortina ist freilich nicht nur das Zentrum von Schickeria, Luxus und Ferienhäusern gut bezahlter Manager. Der Ort hat viele Gesichter, und eins davon ist das des Traditionserhalts. Unweit des schicken Hotels Ancona wohnt Elisa Zardini. Sie ist eine aufgeweckte Dame im Alter von 70 Jahren, die sich gerne in traditioneller Tracht mit Pelzhut zeigt. „Wir freuen uns über die Spiele, wir stellen uns aber auch Fragen über die Folgen“, sagt sie. Die Schulden, die Cortina d’Ampezzo für die Winterspiele 1956 aufnehmen musste, seien erst 1995 vollständig getilgt worden.

„Wir müssen auch aufpassen, dass wir hier nicht von Touristen überflutet werden. An einigen Stellen ist das heute schon der Fall“, mahnt sie und beklagt, dass das Leben im Ort sehr teuer geworden sei. Zardini ist Präsidentin einer Vereinigung der ladinischen Volksgruppe. Deren Wurzeln reichen viele Jahrhunderte zurück; Brauchtum und ihre rätoromanische Sprache pflegen die Ladiner bis heute.

Ladiner streben Richtung Südtirol

Früher lebten sie in großer Abgeschiedenheit, heute sind sie ein fester Bestandteil Italiens, doch nicht alle fühlen sich wohl dabei. 2007 sprach sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung von Cortina und zweier Nachbargemeinden in einer Volksabstimmung dafür aus, die Region Venetien zu verlassen und sich stattdessen der Region Trentino-Südtirol anzuschließen, die in Italien mehr Autonomie genießt.

Alter Groll spielte dabei eine Rolle, zumal die Gemeinden in der Zeit des Faschismus gegen ihren Willen der Region Venetien zugeschlagen wurden. Zudem winkten in Trentino-Südtirol bessere finanzielle Bedingungen und ein stärkerer Schutz ihrer Identität. „Die Venetier verstehen uns nicht, sie kommen aus der Ebene, wir sind ein Bergvolk“, klagt Zardini. Doch mit Verweis auf verfassungsrechtliche Gründe wurde der Mehrheitswunsch der „Ampezzaner“ nie umgesetzt.

Uralte Genossenschaften gegen die Vereinnahmung

Gleichzeitig legt sich die Region Venetien schon aber auch für Cortina ins Zeug. Die Idee der Tourismusmanager lautet, die Dolomiten mit den nahegelegenen Prosecco-Hügeln von Conegliano und Valdobbiadene in der Vermarktung zu verbinden. Beide Gebiete stehen als Unesco-Welterbe unter besonderem Schutz. Und nach Venedig ist es dann auch nicht mehr weit, es liegt nur gut 150 Kilometer südlich von Cortina.

Nicht umsonst werden in dem Skiort gerade acht größere Hotels renoviert. „In den vergangenen sechzig Jahren ist hier einiges vernachlässigt worden, doch nun machen wir einen Sprung nach vorne“, sagt Stefano Longo, der Präsident der „Stiftung Cortina“, die vor allem die Sportförderung ausbauen will. Sport, Kultur und Gastronomie – das sei das Gesamtpaket, das die Region zu bieten habe.

Stefano Gaspari: Chef der Naturgenossenschaft „Regole“
Stefano Gaspari: Chef der Naturgenossenschaft „Regole“Foto privat

Wem in Cortina solche Entwicklungspläne zu ehrgeizig sind, der kann sich mit einem uralten Bollwerk gegen die Modernität trösten: Die „Regole d’Ampezzo“ ist eine Gemeinschaft zur kollektiven Selbstverwaltung von Wäldern und Weiden, in der die alteingesessenen ladinischen Familien ihren Zusammenhalt pflegen. Direkt gegenüber des Hotels Ancona haben sie ihren Sitz in einem dreistöckigen Gebäude mit der ladinischen Aufschrift „Ciasa de ra Regoles“, Haus der Gemeinderegeln.

Unter ihrer Verwaltung steht das Gebiet von mehr als 15.000 Hektar um Cortina herum, zudem der Naturpark der Dolomiten von d‘Ampezzo. „Unser Eigentum beruht auf Vorschriften, die mehr als 1000 Jahre zurückreichen“, berichtet der Präsident Stefano Gaspari, ein pensionierter Bankangesteller. Niemand darf ein Stück Land verkaufen, ein Skiliftbetreiber darf es allenfalls mieten. Den Vertrieb von Berghütten vergibt die Organisation mit ihren fast 40 Angestellten nur nach strenger Prüfung. Wälder und Wege hält sie instand.

„Wir garantieren die nachhaltige Nutzung unseres Tals und unserer Berge“, sagt Gaspari. Nach den Vorschriften der „Regole“ erhält jedes Mitglied umsonst jedes Jahr so viel Holz, wie für die Winterbeheizung nötig ist. Der Fortbestand der uralten Regeln ist ihnen heilig: Frauen dürfen nur Mitglied sein, wenn sie keinen Bruder haben. Und wenn sie einen Mann außerhalb Cortinas heiraten, verlieren sie ihre Rechte. Man arbeite derzeit an einer Erneuerung dieser Gleichstellungsfragen, räumt der 66-jährige Präsident Gaspari, doch ein Ergebnis lässt auf sich warten.

Genossenschaft muss Gewinne lokal investieren

Über Olympia gab es innerhalb der Organisation Debatten, berichtet er, doch sie seien keine militanten Umweltschützer. Als ausgebildeter Skilehrer, der zudem mit dem italienischen Skeleton-Olympiaathleten Mattia Gaspari verwandt ist, will er ohnehin kein Gegner der Spiele sein.

Eigentum in Gemeinschaft – diesen Ansatz verfolgen die alteingesessenen Familien von Cortina zudem in ihrer mehr als 130 Jahre alten Genossenschaft, die im Ort ein Kaufhaus mit Restaurant und Bar, mehrere andere Einzelhandelsgeschäfte sowie ein Hotel ihr Eigen nennt. 180 Angestellte hat die Kooperative, die in der Hochsaison auf 220 anwachsen; der Umsatz liegt nach früheren Angaben bei rund 30 Millionen Euro.

Laut Satzung muss die Genossenschaft ihre Gewinne in der Gegend reinvestieren, daher hat sie ihre Fühler ausgestreckt. Früher, als Cortina noch zu Österreich-Ungarn gehörte, hieß die Genossenschaft „Consumverein Ampezzo“. Viel bewegte Geschichte also, doch die Kooperative werde so geführt, „wie es die heutige Zeit verlangt“, sagte der Präsident Paolo Ghezze vor den Spielen – ein Motto, das laut der Ampezzaner auch für ganz Cortina gelten soll.