Billigflieger: Easyjet hadert mit Deutschland

Die Fluggesellschaft Easyjet dämpft Hoffnungen, dass die für den Sommer geplante Senkung der Luftverkehrsteuer kurzfristig zu einer Ausweitung des Flugangebots führen wird. Die schwarz-rote Koalition hatte sich im Grundsatz auf eine Rücknahme der Steuererhöhung aus dem Frühjahr 2024 verständigt, da Deutschland im europäischen Vergleich bei der Erholung des Verkehrs nach der Pandemie hinterherhinkt.

„Eine Senkung der Luftverkehrsteuer ist angekündigt, aber noch nicht umgesetzt. Zum Sommer können wir kaum noch darauf reagieren“, sagte der Easyjet-Deutschland-Chef Stephan Erler im Gespräch mit der F.A.Z. „Fluggesellschaften haben einen Planungshorizont von neun bis 18 Monaten, intern reden wir gerade über den Sommer 2027.“

Er gibt zu bedenken, dass die Steuersenkung von 15,53 Euro je Ticket um etwa drei Euro nur dazu führe, dass der Satz fünf Euro über dem bis Anfang 2020 geltenden Wert bleibe. Airlines beklagen auch, dass Abgaben für Lotsen und Kon­trollen höher sind als anderswo. „Uns als Airline ist es gleich, ob die Luftverkehrsteuer abgeschafft wird oder ob andere Abgaben sinken. Wichtig ist eine spürbar geringere Gesamtlast. Das ist nicht nur für Easyjet wichtig. Durch mehr Verkehr werden auch Flughäfen effizienter“, sagt er.

„Wir mussten entscheiden“

Easyjet will seine Flotte von zuletzt 356 Flugzeugen bis 2028 auf rund 400 vergrößern. Perspektivisch soll sich der Gewinn von einer halben Milliarde Pfund verdoppeln. Doch hiesige Expansionspläne bleiben klein. An der einzigen deutschen Basis in Berlin werden elf Flieger eingesetzt, es waren mal mehr als 30.

Andernorts kommen zwar neue Strecken hinzu, die von im Ausland stationierten Flugzeugen bedient werden – aber nicht alle Strecken, über die Easyjet schon mal gesprochen hat. „Da eine spürbare Entlastung fehlt, mussten wir entscheiden. Von Edinburgh und Nizza schicken wir Flugzeuge nun nicht nach Düsseldorf, sondern zu anderen Zielen“, räumt Erler ein. „Das ist nicht das, was ich als Deutschland-Verantwortlicher gern sehe.“

Das Unternehmen agiere aber in acht Ländern mit eigenen Basen. „Die stehen im Wettbewerb darum, wo Flugzeuge profitabel eingesetzt werden können. Das gilt auch für unsere rund 300 bestellten Flugzeuge, die nicht nur ältere ersetzen, sondern auch die Flotte vergrößern sollen.“ Theoretisch könnte Easyjet von allen Basen in Südeuropa Flugzeuge nach Deutschland schicken. „Die Lust auf Reisen ist hierzulande groß“, sagt Erler. In Deutschland sei man aber weit vom dor­tigen Niveau der Standortkosten entfernt.

Option für freie Nebensitze in der Prüfung

Einen Wandel sieht Erler in der Frage, wie viel Service und Annehmlichkeiten auch sogenannte Billigflieger ihren Passagieren bieten sollen. „Auch im Low-Cost-Segment spielt es eine Rolle, dass Fliegen für den Passagier angenehm ist“, sagt er. In dem Segment hat Easyjet nach seinen Angaben schon „den freundlichsten Service an Bord“ und erlaube die größten Hand­gepäckstücke.

Darüber hinaus sei einiges in Prüfung. „Wir analysieren stets Marktchancen und die Wünsche von Kunden, wie beispielsweise freie Mittelsitze oder In­ternet. Entschieden ist aber nichts.“ Der Billigflieger Wizzair hat die Aufpreisoption, dass der Nachbarplatz leer bleibt, auf ersten Strecken eingeführt und vermarktet dies als „Wizz Class“.

Mit Blick auf Internetzugänge während des Flugs ist Easyjet momentan eher auf einem Kurs mit Ryanair . „Internet an Bord ist sicher von Geschäftsreisende während einer Sieben-Stunden-Atlantikquerung ge­wünscht, ob es auf kürzeren Strecken dafür eine Zahlungsbereitschaft gibt, ist unklar“, sagt Erler. Ähnlich hatte Ryanair-Chef Michael O’Leary argumentiert – mit schärferen Worten. Die Aussage, der Starlink-Dienst von Elon Musk verursache zu hohe Kosten, hatte O’Leary ein Scharmützel mit Musk eingebracht. Musk ließ gar im Netz abstimmen, ob er Ryanair kaufen solle – was ohne den Verlust europäischer Flugrechte kaum möglich wäre.

„Wir bekommen Anfragen von hochwertigen Hotels“

Anders als Ryanair hat Easyjet damit begonnen, eigene Flüge zusammen mit Hotelzimmern als Pauschalreisen anzubieten. Das war ein Projekt des bis 2024 amtierenden Easyjet-Chefs Johan Lundgren, der vom Reisekonzern TUI kam und Easyjet in Großbritannien in das Spitzenquartett der Reiseveranstalter führte. Un­ter dem aktuellen Vorstandschef Kenton Jarvis, ebenfalls ein ehemaliger TUI-Manager, soll das Geschäft nun in anderen Ländern ausbaut werden.

In Deutschland hat aber auch die Lufthansa-Tochtergesellschaft Eurowings einen Pauschalreiseanbieter gegründet. „Dass andere Fluggesellschaften wie wir mit Easyjet Holidays auch zum Anbieter kompletter Reisen werden, macht mir keine Angst“, sagt Erler. „Das stellt eher eine Herausforderung für Reiseveranstalter dar, die sowohl Hotels als auch Flüge einkaufen müssen. Wir bekommen Anfragen von hochwertigen Hotels in den Urlaubszielen, die wollen, wir dass wir deren Gäste dorthin fliegen.“

Eine Herausforderung für Easyjet bleiben ausgebaute Verbindungen zwischen Italien und Deutschland. Im Zuge des Einstiegs der Deutschen Lufthansa bei der italienischen ITA hatte Easyjet Flugrechte übernommen. Um EU-Auflagen zu erfüllen, hatte Lufthansa für einen Wettbewerber auf Strecken vom Mailänder Flughafen Linate und von Rom aus sorgen müssen, Easyjet muss die Strecken nun mindestens drei Jahre lang bedienen.

Dass der Easyjet-Gewinn im Herbstquartal 2025 gesunken war, hatte Vorstandschef Jarvis auch damit begründet, dass der Anlauf dieser Flüge schwieriger als erwartet war. „Es bedarf einiger Zeit, um unsere neuen Italien-Strecken warmzufliegen“, sagt Erler. „Wir sind aber angetreten, weil wir gute Marktchancen für uns sehen. Es geht nicht bloß darum, mit niedrigeren Preisen gegen Lufthansa zu fliegen.“