Washington Post: Wir wollen keine Konsumenten – wir wollen Leser

Als die „Washington Post“ vergangene Woche verkündete, ein Drittel ihrer Mitarbeiter zu entlassen, wurde schnell deutlich, welche absurden Zustände das zur Folge hat: Nicht nur sperrte man kurz vor den Olympischen Spielen das Sportressort zu, auch die Korrespondenten, die aus der Ukraine, der Türkei, Indien und dem Nahen Osten berichteten, verloren kurzerhand ihre Jobs. Eine Zeitung, die in ihrem Namen die Hauptstadt der mächtigsten Nation der Erde trägt, verzichtet darauf, sich über den Rest des Globus zu informieren.

Weniger beachtet, aber ähnlich folgenschwer ist eine weitere Entscheidung. Sie bezieht sich auf die Berichterstattung über die Welt des geschriebenen Worts: Künftig gibt es in der „Washington Post“ kein Ressort mehr, das sich mit Büchern befasst. Die zuständigen Redakteure für „Fiction“ und „Nonfiction“ mussten ihre Posten räumen. Die auf der Homepage noch aufrufbare Sachbuchseite ist seit dem 6. Februar verwaist. In der Sektion Literatur lautet die womöglich letzte Überschrift: „Fantasy and sci-fi books for anyone who feels lost right now“.

Nicht nur die „Washington Post“ schafft die Buchkritiken ab

Das ist keine Kleinigkeit: Die „Washington Post“ gehörte zu den wenigen amerikanischen Zeitungen, die dem Rezensionswesen noch einen eigenen Platz einräumen. „Book World“, wie das Ressort hieß, galt als eine der letzten breit aufgestellten und intellektuell anspruchsvollen Kritikseiten auf dem amerikanischen Markt. Viele andere Zeitungen haben in den vergangenen Jahren ihre Buchbeilagen eingedampft oder abgeschafft, die Zahl der Fachredakteure ausgedünnt oder auf das Schreiben von Empfehlungslisten angesetzt. Sicher gibt es noch die großartigen „Reviews of Books“, die etwa in Los Angeles und New York erscheinen, aber diese richten sich nach innen, an eine bereits bücherlesende und oftmals sogar ­bücherschreibende Leserschaft. Übrig bleibt vor allem die „New York Times“, die sich weiterhin damit brüstet, Literatur und Sachbuch einem allgemeinen Publikum zu vermitteln.

Was bedeutet dieser Schwund, den die „Washington Post“ nur mit besonderer Radikalität vollzogen hat, für den Journalismus, die bürgerliche Öffentlichkeit, die amerikanische Gesellschaft insgesamt? Im „New Yorker“ hat sich eine der gefeuerten Kritikerinnen jetzt zu Wort gemeldet. Becca Rothfeld war seit März 2023 für Sachbuchkritiken bei „Book World“ zuständig. Sie schrieb über alle mög­lichen Themen, über naheliegende ebenso wie abseitige, unbekannte ­Titel.

Die Aufgabe ihres Ressorts, schreibt sie rückblickend, bestand darin, beim Leser für etwas zu Interesse zu wecken, „von dem er noch gar nicht weiß, dass es ihn interessieren könnte“. Gerade ein Ressort, das sich der Buchkritik widmet, verkörpere den Anspruch, der jede allgemeine Zeitung auszeichne: „nicht bestehende Geschmäcker zu bedienen, sondern sie herauszufordern“. Redakteure, soll das heißen, sind keine Dienstleister, sie liefern keine bestellte Ware ab; sie schreiben als „aufgeklärte Generalisten in einer Ära des Zielgruppenmarketings“ unter der Annahme, dass es eine „Reihe von Gegenständen gibt, über die ein gebildeter Leser nun mal Bescheid wissen muss“.

Ein Konsument will fertige Waren, ein Leser will überrascht werden

Diesen publizistischen Idealismus konfrontiert Rothfeld mit den Statements ihrer Vorgesetzten. „Wir müssen“, so begründete etwa der Chefredakteur der „Washington Post“, Matt Murray, den von ihm mitverantworteten Kahlschlag, „die Konsumenten dort treffen, wo sie stehen“. Alle Texte müssten etwas anbieten, „was bei den Kunden Anklang findet“. Schon die Kategorien sind hier völlig andere: Rothfeld spricht von einer Leserschaft, die man im Zweifelsfall für nobler halten muss, als sie tatsächlich ist; Murray dagegen spricht von einem zahlenden Käuferstamm. „Ein Konsument“, so Rothfeld, „ist jemand, dessen bereits bestehende Vorlieben man zu befriedigen versucht; ein Leser ist jemand, von dem man hofft, ihn zu überzeugen, zu überraschen“.

Romane, Gedichte, wissenschaft­liche Neuerscheinungen scheinen für die Chefetage der „Washington Post“ nicht mehr ins Geschäftsmodell zu passen. Das klingt ironisch, bedenkt man, dass das Vermögen von Jeff Bezos, der die Zeitung 2013 gekauft hatte, auf dem Verkauf von Büchern ­beruht.

Widersprüchlich ist das nicht unbedingt: Ebenso wie Amazon versucht, den kuratierten Überblick zu ersetzen, den eine Buchhandlung bietet, um jeden Kunden algorithmisch zum nächsten passenden Kaufklick zu treiben, will die „Washington Post“ ihre Leser offenbar von allen Büchern fernhalten, deren Thematisierung nicht sowieso erwartet wird. Künftig, so heißt es in der Redaktion, werde das Meinungsressort den Buchmarkt abdecken.

Source: faz.net