Krimi | Kühle Rhythmen in den Trümmern: Robert Bracks Jazz-Krimi „Die nackte Haut“

Die Dialoge sitzen, die Handlung hat weniger Fett als ein Junkie: Der Schriftsteller Robert Brack bringt den Jazz ins St. Pauli der frühen Fünfziger und verneigt sich nebenbei vor der großen Pianistin Jutta Hipp


Der Roman ist auch eine Hommage an die Pianistin und Jazzpionierin Jutta Hipp. Sie machte in New York Karriere

Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images


An diesem ungemütlichen Novemberabend 2023 auf St. Pauli fällt eine Entscheidung. Ronald Gutberlet, der als Robert Brack seit bald vier Jahrzehnten Krimis schreibt, stellt in der kleinen Galerie Wohl oder Übel einen unvollendeten Roman vor. Mehr als zehn Jahre hat er daran gearbeitet, jetzt will er vom Publikum wissen: Hat es sich gelohnt? Soll ich weitermachen? Die Antwort lautete nachdrücklich Ja, und gut zwei Jahre später liegt der Jazzkrimi Die nackte Haut vor, der auf St. Pauli spielt. Natürlich auf St. Pauli.

Wobei, ganz so selbstverständlich ist es dann doch nicht. Denn St. Pauli ist vieles – Rotlichtbezirk, Party-Paradies, kurzfristige Heimat der Beatles –, aber eines war es nie: ein Zentrum der Jazzmusik. Weder heute noch im Jahr 1951, in dem der Roman angesiedelt ist. Robert Brack weiß das natürlich, er ist ein Kenner der Geschichte des Viertels, hat lange Jahre auf dem Gelände der St.-Pauli-Kirche geschrieben. Die Mehrzahl von Bracks Krimis spielt in der Vergangenheit, immer wieder auch auf St. Pauli. Man könnte sagen, er schreibe historische Hamburg-Krimis, wenn das nicht so scheußlich klingen würde, nach Nostalgie, nach der Stadt als Kulisse, nach Krimi als Form, in die man beliebige Inhalte gießen kann.

Brack hingegen ist ein Auskenner, Spezialist für die Geschichte Hamburgs ebenso wie für klassisches Noir, und sein Wissen trägt er in seine Romane, die ähnlich knapp und lakonisch ausfallen wie die seiner oft französischen Vorbilder. Brack ist auch Jazz-Enthusiast, deshalb wollte er dieses Buch unbedingt schreiben. Im Zentrum der Geschichte steht die Pianistin Martha Kiesler, die nach Jahren in New York zurück nach Deutschland kommt und auf St. Pauli strandet, das noch schwer gezeichnet ist von den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Wo vieles in Trümmern liegt, gibt es Chancen, und so ist Marthas alter Freund Jack gerade dabei, einen Jazzclub zu eröffnen, das Bohemia.

Die Geschichte wird nicht gut ausgehen

Keinen dieser altbackenen Schuppen, in denen Dixieland gespielt wird und mit Glück mal Swing, sondern einen schicken Laden nach dem Vorbild der New Yorker Clubs in der 52nd Street, der Wiege von Bepop und Cool Jazz. Dort spielten Miles Davis, Charlie Parker – und Martha Kiesler. Klar, dass sie die Attraktion des Bohemia werden soll. Martha findet eine Band und in dem amerikanischen Kontrabassisten Paul auch einen potenziellen Liebhaber.

Doch Paul ist, ähnlich wie der Stadtteil, dessen Name so ähnlich klingt wie sein eigener, kein Heiliger. Am Kontrabass mag er ein Gott sein, abseits der Bühne ist er nur ein armer Sünder und ein Junkie. Und ein Magnet für finstere Figuren. Die Unzuverlässigkeit ihres Bassisten ist nicht das einzige Problem für Martha, auch das Bohemia ist in Gefahr: Trotz des Erfolgs gibt es Menschen, die mehr Interesse an dem wertvollen Grundstück als an Musik haben.

Es kommt zu Schlägereien und Brandanschlägen. Dahinter scheint Winkler zu stecken, eine Figur, in der man Kiez-Spekulanten wie Willi Bartels erkennen könnte, der als „König von St. Pauli“ das Viertel jahrzehntelang prägte. Die Geschichte – Brack verrät es gleich im ersten Absatz – wird nicht gut ausgehen.

Robert Bracks Roman ist eine wirklich großartige Lektüre

Aber was Die nackte Haut zu einer wirklich großartigen Lektüre macht, sind ohnehin weniger die Krimielemente als vielmehr die Liebe zum Jazz, die den Roman dominiert. Inhaltlich und stilistisch. Über Musik zu schreiben sei wie über Architektur zu tanzen, soll der Musiker Frank Zappa mal gesagt haben, Robert Brack beweist mit seinem Buch das Gegenteil. Er schreibt mit der Eleganz und Dringlichkeit, in der Marthas Finger über die Tasten fliegen. Die Dialoge sitzen, die Handlung hat weniger Fett als ein Heroinsüchtiger.

Wenn Brack Marthas Auftritte beschreibt, wie sie bei aller Kunstfertigkeit von ihren Stimmungen abhängig ist, wie sie, wenn sie gut drauf ist, jeden verzaubert, dann entwickelt der Roman einen ganz eigenen, unwiderstehlichen Sound. Martha, die Musikerin zwischen Behauptungswillen und Verzweiflung, ist zwar eine Erfindung Bracks, basiert aber auf einer historischen Figur. Im Jahr 1955 brach die Pianistin und Jazzpionierin Jutta Hipp nach New York auf, erspielte sich in den Clubs einen Ruf, nahm Alben für das legendäre Plattenlabel Blue Note auf – und zog sich plötzlich komplett aus der Szene zurück.

Ob im realen New York oder in Robert Bracks Hamburg, für Frauen war kaum Platz in der Jazzwelt der 1950er-Jahre – außer als Sängerinnen. Inzwischen bekommt die 2003 gestorbene Hipp die Aufmerksamkeit, die sie zu Lebzeiten verdient hätte. Ihre Alben werden neu aufgelegt, eine Biografie erschien 2023, aktuell zeigt Arte eine Dokumentation. Die schönste Hommage an Jutta Hipp aber ist dieser Roman. Schade nur, dass es nie etwas wurde mit dem Jazz und St. Pauli.

Die nackte Haut Robert Brack Edition Nautilus 2026, 216 S., 18 €