Amerika-Roman: Das klingt vor allem sehr kühn

Als es noch möglich war, ganze Länder zu verkaufen und zu kaufen, ohne deren Bevölkerung zu fragen, erwarb Präsident Thomas Jefferson 1803 von Frankreich die Kolonie Louisiana, rund ein Viertel des heutigen US-Staatsgebietes, für 15 Millionen Dollar. Im Jahr darauf entsandte Jefferson einen Trupp Männer, der das Gebiet bis zur Westküste der Vereinigten Staaten erkunden sollte: Die nach ihren Anführern „Lewis-und-Clark-Expedition“ genannte Unternehmung gehört zu den frühen Mythen der amerikanischen Geschichte.

Auf ihren Spuren wandelt nun Christoph Nußbaumeders fiktiver Ich-Erzähler, der junge deutsche Pfarrer Johannes Gottstein. Seine Expedition wird allerdings von einem reichen Privatier finanziert und geleitet, der das sagenumwobene „American Incognitum“ bei den Indianervölkern des Westens finden will, ein Mammut, dessen Knochenfunde ein gigantisches Tier verheißen. Der genuine Dramatiker Nußbaumeder, dessen Debütroman „Die Unverhofften“ (2020) vielfach akklamiert wurde, nutzt die abenteuerliche Reise des zusammengewürfelten Dutzends, um Fragen von heute – Demokratie und Rassismus, menschliche Hybris, Ausbeutung der Natur und Artensterben – vor einer historischen Folie zu verhandeln.

Eissturm und Krankheit, Mississippi-Durchquerung und Lakota-Begegnung

Auf 448 Seiten beschreibt der Autor die Fährnisse und Wechselfälle der Reise, Eissturm und Krankheit, Mississippi-Durchquerung und Lakota-Begegnung, mit derselben erschöpfenden Gründlichkeit, mit der sein entlaufener Pfarrer allerlei theologische und philosophische Lektüren referiert. „Die Langeweile, die in manchem Buche herrscht, gereicht ihm zum Heil; die Kritik, die schon ihren Speer erhoben hatte, schläft ein, bevor sie ihn geschleudert hat“, befand Marie von Ebner-Eschenbach. Allein hier ist es das fortwährende Ärgernis der Sprache, das die Kritikerin wach- und die Verletzungsgefahr für den Urheber aufrecht hält. Der Roman liest sich über weite Strecken (und deren gibt es auf dem Marsch gen Westen viele) wie die von einer untrainierten KI besorgte Übersetzung aus einer Fremdsprache, schwankend zwischen hochgestochener Fehlleistung und ungenierter Banalität.

Christoph Nußbaumeder: „Das Herz von allem“. Roman.
Christoph Nußbaumeder: „Das Herz von allem“. Roman.Rowohlt Berlin

Offenkundig konnte Nußbaumeder sich bei der Wahl der Form nicht zwischen einem archaisierenden Deutsch der Pionierzeit und dem Jargon der Gegenwart entscheiden und versucht es mit einer gewaltsamen Vermählung. Da erscheint das Volk der Lakota als eines, mit dem man „gut kooperieren“ könne, und der Illuminat Gottstein als ein Mann Gottes, „der in der Lage war, wirklich kritisch zu denken“, weshalb er mit Kant über die Frage „im Clinch“ lag, ob dem eigenen Gewissen oder der Obrigkeit der Vorrang gebühre. Und daneben stehen Sätze wie: „Der sensenschwingende Schnitter hatte seinen Lebensfaden durchtrennt.“ Oder: „Die Kälte war ein stumpfer Säbel, der allen an den Muskeln sägte.“ Ein Mann hat ein Feuer, „welches nur die Brust eines Jungspunds zu beleben pflegt“, ein anderer hat „Ruhe in mein Herz gegossen“.

Liebe macht wahrheitsfähig

Dem verstiegenen Stilwillen des Autors erscheint keine Klippe zu hoch, aber auch keine Sentenz zu seicht. „Liebe macht wahrheitsfähig“, predigt der Priester einem Verliebten. Ein Indianer hat krumme Beine, „was davon zeugte, dass er in einen Pferdesattel hineingeboren war“. Der Finanzier des Ganzen bleibt zuversichtlich, keine kritische Frage „vermochte den leisesten Wellenschlag auf seinem bergseetiefen Glauben hervorzurufen“. Schließlich glaubt er „an die Idee, dass es möglich ist, der Welt das Gute überzuhelfen und sie mit großen Idealen zu behufen“! Die begreifliche Antwort des Erzählers: „Das klingt vor allem sehr kühn.“

Beim Durchqueren des schier unüberschaubaren Stilblütenmeers stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Lektorat. Wie kann so etwas in einem seriösen Verlag passieren? Die Rezensentin ist geneigt, den Autor nicht freizusprechen, handelt es sich doch keineswegs um einzelne Ausrutscher. Wäre Nußbaumeder nicht im bayerischen Eggenfelden geboren, könnte man seine hochgradige idiomatische Verwirrtheit („Zwar tauschten die beiden keine Zuneigungen vor uns aus“) und semantischen Fehlgriffe auf späten Spracherwerb zurückführen. So aber steht man ratlos vor einem Schriftsteller, der seinem Werkzeug, der Sprache, entfremdet ist, jedenfalls an einer Wortfindungsstörung leidet. Wer „ein leidliches ‚Oh mein Gott‘!“ schreibt, wenn er ein gequältes meint, oder „die anfälligen Dinge“, wenn es um die anfallenden geht, der sollte wissen, dass in der Kunst knapp daneben total verkehrt ist. Mitunter verrät das Sprachunglück auch ein Realiendefizit: Wenn der Erzähler behauptet, Pferde „schlugen lautstark an“ oder sie würden „keuchen“ und „klagen“, während sie Flöße mit Mann und Wagen schwimmend über den Mississippi ziehen (!), mangelt es seinem Autor wohl an Vertrautheit mit seinem Gegenstand.

Ob sich hinter dem Dickicht der Arabesken und Worthülsen vielleicht psychologisches Feingefühl oder manch kluger Gedanke verbirgt? Mag sein, aber was nicht in den Sätzen ist, ist auch nicht im Buch. So wirken die Figuren wie aus Buntpapier geschnitten, die Bösen bleiben böse, die Guten gut, die Schwachen schwach. „Das Herz von allem, was existiert“, schlägt für die Lakota in den Pahá Sápa, den Black Hills im heutigen South Dakota. Dass der Erzähler dort erkennt, dass das Ungeheuer, das sie suchen, die Menschen selbst sind, dass er die Fast­ausrottung der Bisons ebenso vorausahnt wie die Fastausrottung verfolgter Menschenrassen, kommt nicht wirklich überraschend.

Wer einen „packenden Abenteuer­roman“ (Klappentext) sucht, ist mit Karl May besser dran: samt edlen Häuptlingen, christlichen Gefühlen, Naturverbundenheit und einer leidlichen Beherrschung des Deutschen.

Christoph Nußbaumeder: „Das Herz von allem“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025. 448 S., geb., 25,– €.

Source: faz.net