Kunsthistoriker Frommel tot: Er wollte schon mit 14 Raffael explorieren

Frommels Lebenswerk – und zugleich seine große Leidenschaft – war die römische Architektur der Renaissance, insbesondere der Palastbau und Sankt Peter. Er widmete sich ihm mit einer Energie, einer Neugierde und einer persönlichen Hingabe, wie sie selten geworden ist in den Geisteswissenschaften. Schon im Alter von vierzehn Jahren erklärte er, Raffael-Forscher werden zu wollen. Er wurde es dann auch, und vieles mehr. Geboren in Heidelberg 1933 als Sohn des Komponisten Gerhard Frommel und Neffe des Castrum-Perigrini-Gründers Wolfgang Frommel, studierte er Kunstgeschichte bei Hans Sedlmayr in München. Bald schon fand er den Weg nach Rom und dort – natürlich – an die Bibliotheca Hertziana, die nach der Schließung während der Nachkriegsjahre gerade wieder volle Fahrt aufnahm. Dass er hier eines Tages Direktor werden wollte, stand bald fest, zumindest für ihn, und er wurde es schließlich, nach einer Professur in Bonn und einem Lehrstuhl in Kiel.
Schon bei seiner fulminanten Dissertation über Peruzzis Villa Farnesina zeigte er, was in ihm steckte, und was ihn methodisch über die Generation seines Doktorvaters und dessen formale Bauanalyse hinaushob. Frommel durchforstete die römischen Archive, entdeckte Dokumente zur Baugeschichte, zum Planungsprozess und, vor allem, zur Persönlichkeit und zu den Beweggründen des Auftraggebers wie auch des Künstlers. Architektur war für ihn eben auch persönliche Interaktion, Ausdruck individueller Wünsche, gesellschaftlicher Realitäten und politischer Strategien. Seine Habilitation, das Monumentalwerk zum römischen Palastbau der Hochrenaissance, revolutionierte das Feld und setzte die Standards bis heute.
Er machte die Hertziana zum Mekka für Architekturforschung
Als Direktor der Hertziana zwischen 1981 und 2000 öffnete er das Haus für eine internationale Kollegenschaft, vom Gastland Italien bis zu den USA. Dabei nutzte er auch das damals noch recht neue Format des internationalen Kongresses, von denen er in seiner Amtszeit mehrere initiierte und mitgestaltete. Die Hertziana wurde in diesen Jahren das unangefochtene Zentrum für römische Architekturforschung.
Das Klima am Haus war offen, kompetitiv und manchmal auch ein wenig harsch. Das einzig gute Argument waren gute Argumente. Der Nachwuchs wurde ins Wasser geworfen, um zu schwimmen, und einige lernten es sogar. Es war fröhliche Wissenschaft mit Härten, die aber nie persönlich waren, in jedem Fall unvergesslich für alle Beteiligten. Eine seiner großen Erfolge als Direktor war es auch, gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Winner das Neubauprojekt der Bibliothek zu planen und auf den Weg zu bringen – eine Riesenbaustelle mitten in der römischen Altstadt.
Frommels wissenschaftliches Lebensthema lag vor der Haustür, nämlich Rom – so wie es sich die Stifterin Henriette Hertz in ihrem Testament gewünscht hatte. In Rom zu sein, körperlich und geistig, war für ihn so etwas wie ein tieferer Lebenssinn. Die Urbs dankte ihm, indem sie Frommel 2019 als erst fünften Deutschen zum Ehrenbürger erhob. Er wird auf dem Protestantischen Friedhof bei der Cestius-Pyramide beigesetzt, passenderweise neben einem Vorfahren, dem Maler Lindemann-Frommel.
Source: faz.net