Sie wollen den Kriegsdienst verweigern? Linksradikale Organisationen verschenken konkrete Tipps

Als der Brief kommt, liegt er zwischen Werbung und Stromrechnung für die Eltern. „Erfassung zum Wehrdienst“ steht oben. Leon, er wird bald 18, macht im Sommer sein Abitur. Eigentlich wollte er sich gerade um Studienplätze kümmern. Stattdessen sitzt er nun am Küchentisch und fragt sich: Muss ich das ausfüllen? Was passiert, wenn ich es nicht tue? Und wie kommt man da wieder raus?

Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht seit Beginn des Jahres stehen zahlreiche junge Männer vor genau solchen Fragen. So müssen alle jungen Menschen ab dem Jahrgang 2008 einen Bogen ausfüllen, in dem sie Auskünfte über ihr Interesse an der Truppe, ihre Qualifikationen und ihre gesundheitliche Situation geben. Für Frauen ist die Auskunft freiwillig, Männer sind dazu verpflichtet. Zudem müssen Männer zur Musterung gehen, bei der ihre Eignung für die Truppe festgestellt werden soll.

Die Unionsparteien wollten zurück zu einer obligatorischen Wehrpflicht, vorerst konnte sich jedoch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) durchsetzen, der zunächst auf Freiwilligkeit setzt. Eine vollständige Rückkehr zur klassischen Wehrpflicht mit automatischer Einberufung sei laut Bundesregierung derzeit nicht geplant, könnte aber politisch wieder aktiviert werden, sollte die Freiwilligenbasis nicht ausreichen. Hierfür ist eine Gesetzesänderung notwendig.

Die Situation scheint also alles andere als sicher. Antimilitaristische Organisationen bieten vor diesem Hintergrund nun konkrete Anleitungen an, wie sich der Dienst an der Waffe verweigern lässt – und wie weit man dabei gehen kann.

DFG-VK: früh Antrag stellen, legaler Weg

Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG-VK) rät jungen Männern, möglichst schnell einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung nach Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes zu stellen. Sie hat unter der Überschrift „Kriegsdienst verweigern – so geht’s“ eine Anleitung dafür online gestellt. Nach dem Motto „Better Safe than Ostfront“ wird empfohlen, den Antrag zu stellen, auch wenn vor der Entscheidung eine Musterung durchlaufen werden muss.

Zugleich heißt es von Bundessprecher Thomas Carl Schwoerer: „Der erste Bundeswehr-Brief, der bei einem eingeht, kann unvollständig oder gar nicht abgegeben werden – auch das öffentlichkeitswirksame Schreddern des Briefs aus Protest ist möglich.“ Er führt aus: „Mit der geplanten Zwangserfassung und Zwangsmusterung wird in die individuelle Freiheit und Selbstbestimmung eines jeden Einzelnen in unverhältnismäßiger Weise eingegriffen.“ Die Musterung sei eine entwürdigende Prozedur.

IDK: Möglichst wenig Daten liefern, Grundgesetz-Lösung kritisch

Während die DFG-VK auf den juristischen Weg setzt, verfolgt die Internationale der Kriegsdienstgegner*innen (IDK) eine deutlich skeptischere Strategie. Die IDK rät so in ihrem 56-seitigen „Antimilitaristischen Ratgeber“ zur Kriegsdienstverweigerung, nicht proaktiv den Kriegsdienst zu verweigern, um den Behörden möglichst wenig Daten zu geben. Die IDK lehnt neben der Bundeswehr auch den Ersatzdienst ab, weil er auch kriegsrelevant sein kann.

Die IDK sieht demnach den Bezug auf den Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes kritisch, in dem festgelegt ist, dass niemand gegen sein Gewissen zu einem Dienst mit der Waffe gezwungen werden kann. Denn in Artikel 12a des Grundgesetzes steht, dass anerkannte Kriegsdienstverweigerer (KDVer) im „Spannungs- und Verteidigungsfall“ einen Ersatzdienst außerhalb der Bundeswehr leisten müssen. „Damit wird letztlich hingenommen, dass ein anerkannter KDVer zu einer sogenannten Wehrpflicht mit kriegsrelevanten Dienstleistungen gezwungen werden kann“, moniert Wolfram Beyer vom IDK. Auch diese zivilen Tätigkeiten würden die Kriegsmaschine am Laufen halten.

Der IDK versteht unter Kriegsdienstverweigerung mehr, als das Stellen eines Antrags

Wolfram Beyer, IDK

Beyer betont, dass es ihm nicht darum gehe, die Zahl der potenziellen Verweigerer für die offizielle Statistik zu erhöhen. „Der IDK versteht unter Kriegsdienstverweigerung mehr, als das Stellen eines Antrags auf staatliche Anerkennung einer unter allen Umständen berechtigten und persönlichen Entscheidung.“

Damit steht der Verband in der Tradition der Totalverweigerer, die in der BRD und der DDR Wehr- und Ersatzdienst ablehnten. Nicht wenige von ihnen nahmen dafür lange Gefängnisstrafen in Kauf.

Interventionistische Linke: Totalverweigerung + ziviler Ungehorsam

Noch weiter geht die Interventionistische Linke (IL). Die bundesweite linksradikale Organisation ruft dazu auf, die Fragebögen zur Wehrerfassung nicht auszufüllen, sondern direkt zu schreddern. Man hoffe, dass „jetzt schon Hunderte, vielleicht Tausende, von Anfang an verweigern“. Die IL weist darauf hin, dass der erste Brief getrost unbeantwortet bleiben könne, auch zur Musterung solle man nicht erscheinen.

Die radikale, allumfassende Totalverweigerung schadet erheblich der Wehrerfassung und den Kriegsvorbereitungen

IL

Den Ersatzdienst lehnt die linksradikale Organisation ebenso ab. „Die radikale, allumfassende Totalverweigerung schadet erheblich der Wehrerfassung und den Kriegsvorbereitungen“, heißt es. Das Ziel: „Die gewollte Kriegstüchtigkeit hinauszögern, dem Aufbau einer Kriegswirtschaft Steine in den Weg legen, die Hochrüstung und Zunahme von Gewalt eindämmen.“ Um sich zu vernetzen, lädt die IL Verweiger*innen sowie alle anderen Antimilitarist*innen zum „Rheinmetall-Entwaffnen“-Camp Anfang September nach Köln ein.

Kongress in Kassel geplant – und ein konkreter Unterstützungsfonds

Am 11. und 12. April sollen außerdem in Kassel auf einem bundesweiten Kriegsdienstverweigerer-Kongress die unterschiedlichen Vorschläge diskutiert werden. Die unterschiedlichen Schwerpunkte der Organisationen könnten dann auch stärker zu Tage treten.

Zugleich scheint man sich in den zentralen Fragen doch einig, etwa bei der Bereitstellung von konkreten Unterstützungsleistungen. Aktuell könnten junge Männer, die im Fragebogen kein Interesse an der Bundeswehr zeigen, um eine Musterung wohl herumkommen – einfach, weil die entsprechenden Kapazitäten noch nicht vorhanden sind. Das dürfte sich jedoch bald ändern.

Es ist möglich, dass es perspektivisch Sanktionen gegen junge Männer geben wird, die den Fragebogen nicht oder falsch ausfüllen oder ihn öffentlich vernichten. Deswegen will die IDK einen Solidaritätsfonds aufbauen, um die zu unterstützen, die sich für zivilen Ungehorsam entscheiden. Auch Mitglieder der DFG-VK wollen sich an diesem Fonds beteiligen.

Wenn es auch zwischen den antimilitaristischen Organisationen, die beide zur Vereinigung „War Resisters International“ (WRI) gehören, in Detailfragen Differenzen gibt, so sind sie sich doch im Kampf gegen die eingeforderte „deutsche Kriegstüchtigkeit“ einig. Der Krieg sei mittlerweile bei vielen fest im Denken verankert, so das ernüchternde Fazit von Beyer von der IDK. Dagegen müsse man vorgehen.

Bundeswehr auf Nachwuchssuche – unterbrochen von Störaktionen

Der Zwang zur Musterung und Wehrerfassung wird nicht zuletzt begleitet von einer massiven Nachwuchskampagne der Bundeswehr. Junge Menschen sollen nach Wunsch der Regierung in der Truppe eine attraktive Jobalternative sehen und sich für bis zu 23 Monate zum Dienst verpflichten. In zahlreichen Städten werden auf großen Plakaten die vermeintlichen Vorzüge einer solchen Karriere angepriesen.

Doch genau diese Poster sind schon längst Teil des Meinungskampfs über die Bundeswehr geworden. In vielen Städten werden sie satirisch verfremdet und mit bundeswehrkritischen Parolen wie „Krisenherde löschst Du nicht mit Granaten und Brandbomben“ versehen. Diese „Adbusting“-Aktionen, wie die politisch-künstlerischen Verfremdungen genannt werden, beschäftigten mehrmals Justiz, Verfassungsschutz sowie den Militärischen Abschirm-Dienst.

Zugleich beteiligten sich am 5. Dezember 2025 bundesweit Tausende Schüler*innen an einem Schulstreik, um mit Kundgebungen und Demonstrationen gegen die neue Wehrpflicht zu protestieren. Aktuell wird ein zweiter bundesweiter Aktionstag gegen die Wehrpflicht am 5. März vorbereitet.

Ob solcher Protest, ein juristischer Antrag auf Kriegsdienstverweigerung, strategisches Schweigen oder offene Totalverweigerung – die Rückkehr der Wehrpflicht mobilisiert nicht nur die Bundeswehr, sondern auch ihre Gegner. Während das Verteidigungsministerium von „Kriegstüchtigkeit“ spricht, bereiten sich Friedensorganisationen auf Rechtsstreitigkeiten, Bußgelder und politischen Protest vor.

Die Frage ist damit längst nicht mehr nur, wer zur Musterung erscheint – sondern wie viele bereit sind, persönliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen.