„Wahre Schönheit braucht die harmonische Mitte, kein Extrem“
Facelift, Brustvergrößerungen, Eigenfettbehandlung: Für den plastischen Chirurgen Dr. Stéphane Stahl haben diese Eingriffe weniger mit Schönheit als mit seelischem Wohlbefinden zu tun. Was Attraktivität ist und ausmacht, definiert er genau.
Dass er einmal ein renommierter Facharzt im Bereich der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie werden würde, verdankt Dr. Stéphane Stahl auch der Liebe: Noch als Student absolvierte der heute 48-jährige ein Stipendium in Brasilien, sein Interesse lag eigentlich bei der Tropenmedizin.
Als er vor Ort jedoch die Chance bekam, bei einer Gesichtsstraffung zu assistieren, schlug das Schicksal zu: Eine der Assistentinnen wurde später seine Frau. Es sei „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen und das nicht nur privat – die OP war auch der Beginn einer anhaltenden Faszination mit dem Fachgebiet, sagt Stahl heute.
Aktuell ist Stéphane Stahl Direktor der Center-Plast-Klinik in Saarbrücken, über seine Erfahrungen hat er ein Buch („Wunderschön“) geschrieben. Ihm liegt es am Herzen, sein Fachgebiet aus der Schmuddelecke zu holen: Bis heute, so Stahl im Gespräch mit WELT, seien Schönheit-OPs oft schambehaftet, dabei können sie das physische und psychische Wohlbefinden der PatientInnen maßgeblich steigern.
WELT: Herr Dr. Stahl, die Frau von Schlagersänger Michael Wendler bot jüngst ein besonderes Online-Event an: Sie ließ sich die Brüste vergrößern und ihre – zahlenden – Fans konnten die Fotos und Videos sehen. Erleben wir da gerade eine Zeitenwende: Eine Schönheits-OP ist nicht mehr schambehaftet, im Gegenteil: Sie liefert etwas, was heute viel Geld wert ist – nämlich Internet-Content?
Stahl: Nun, letztlich ist so etwas vor allem eines: sehr bedauerlich. (lacht) Weil es nicht die Wirklichkeit unserer Arbeit darstellt, sondern nur dazu da ist, eine Sensation zu erzeugen und Klicks zu generieren. Menschen sind heutzutage offenbar zu vielem bereit, nur um die Reichweite zu steigern. Der Sender RTL hat ja 2020 etwas Ähnliches gemacht: Im „Jenke-Experiment“ unterzog sich der gleichnamige Reporter zahlreichen Beauty-Eingriffen, in erster Linie um Zuschauerzahlen und Reichweite zu steigern. Ich sehe das kritisch: Solche Formate vereinfachen das Thema, aber auch die Sicht darauf, wer überhaupt unsere Patienten sind. Viele Menschen haben nämlich einen echten Leidensdruck.
WELT: Das müssten Sie bitte erklären.
Stahl: Ich erlebe, dass meine Patienten sich oft viele Jahre mit dem Gedanken an einen operativen Eingriff herumquälen, weil sie diesen als schambehaftet empfinden. Diese Menschen suchen keine Aufmerksamkeit und auch keine Öffentlichkeit. Oft muss ich ihnen sogar sagen: Sie müssen sich vor mir nicht rechtfertigen. Die Menschen, die hier bei uns in der Klinik vorsprechen, haben ein echtes Anliegen. Und ihre Geschichten zeigen übrigens das, was auch die Wissenschaft ganz klar zeigt: Dass unser körperliches Aussehen große Einwirkung hat auf das Innere und die Psyche.
WELT: Bitte schildern Sie doch einmal einen Fall aus Ihrem Alltag.
Stahl: Vor ein paar Wochen hatte ich eine 16-Jährige in meiner Sprechstunde, die gemeinsam mit ihrer Mutter kam. Dieses junge Mädchen hatte nur eine Brust, die andere Seite war nicht entsprechend entwickelt. Ein Problem, das ihr einen hohen Leidensdruck verursachte: fürs Körpergefühl, für die erste Liebesbeziehung, Sexualität und Intimität. Dennoch fällt dieser Fall oberflächlich betrachtet in eine sehr plakative Kategorie: Es geht um eine Brust-OP bei einer Minderjährigen.
Bei Körperbildstörungen geht der Bezug zur Realität verloren. Was für Außenstehende normal wirkt, empfindet der Patient oft als entstellt.
WELT: Dass junge Frauen laut Medienberichten angeblich schon mit den Fotos von Stars und Influencern zum Chirurgen gehen, um einen ähnlichen Look zu bekommen – solche Fälle erleben Sie also nicht?
Stahl: Social Media ist natürlich ein Thema, das zu Recht diskutiert wird, auch von ärztlichen Fachgesellschaften. Aber das, was sich bei manchen Influencern wie etwa der jüngst verstorbenen Mary Magdalene zeigt, ist ja eine „Extreme Bodymodification“, etwa durch überdimensioniert große künstliche Brüste (Die 35-jährige Kanadierin hatte zeitweilig Körbchengröße J, d. Red). Ihr tragisches Schicksal lässt erahnen, dass Drogen und Gewalt hier eine viel schlimmere Rolle gespielt haben als Social Media allein. Ob oder unter welcher psychiatrischen Erkrankung sie gelitten hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Im Kontext von Social Media fällt aber oft der Begriff der „Körperbildstörung“. Bei Körperbildstörungen geht der Bezug zur Realität verloren. Was für Außenstehende normal wirkt, empfindet der Patient oft als entstellt.
WELT: Das heißt, Menschen sehen einen Makel, wo eigentlich gar keiner ist?
Stahl: Genau. Im Falle der erwähnten 16-Jährigen war das aber nicht der Fall. Studien zeigen aber auch: Je auffälliger ein tatsächlicher Makel ist, desto größer ist der Leidensdruck bei den Betroffenen. Wir reden hier also nicht von einer kleinen Falte im Gesicht, sondern von einer nur einseitig ausgeprägte Brust, stark abstehenden Ohren oder einer Männerbrust bei einem Jugendlichen.
Der Wunsch nach Jugendlichkeit und Schönheit ist so alt wie die Menschheit
WELT: Aber erzeugen der Medienkonsum oder auch unsere Konsumgesellschaft nicht doch auch eine Nachfrage nach dem Produkt Schönheits-OP? Nehmen wir Hollywoodstars wie Kris Jenner, Lindsay Lohan, Emma Stone. Reiche und berühmte Frauen, die – offenbar nach entsprechenden Eingriffen – auf einmal zehn im Fall von Jenner (70) gar 20 Jahre jünger aussehen. Sprich: Da gibt es womöglich neue Methoden, die dann Wünsche erzeugen?
Stahl: Also der Wunsch nach Jugendlichkeit und Schönheit, der ist so alt wie die Menschheit. Wenn man in der Geschichte der Medizin schaut, sieht man, dass schon zweieinhalbtausend Jahre vor Christus Rezepte erstellt worden sind gegen Falten und Altersflecken. Heute nutzen wir Internet-Filter, davor gab es Photoshop und früher wurden Film-Negative retuschiert. Es gibt kein Magazin-Cover ohne Bearbeitung und keinen Talkshow-Auftritt ohne Maskenbildner. Es wurde also schon immer geschönt.
WELT: Es ist – und da zitiere ich direkt aus Ihrem Buch – ja auch wissenschaftlich erwiesen, dass es schönere Menschen einfacher im Leben haben. Beruflich, privat, aber eben auch psychisch, weil das Wohlbefinden durch den Beauty-Eingriff gesteigert wird.
Stahl: Das ist ein Trugschluss. In der Regel lassen sich ja nicht Menschen operieren, die ohnehin schon überdurchschnittlich attraktiv sind und es im Leben leicht haben. Dazu kommt: Wer außergewöhnlich attraktiv ist, geht nicht unbedingt leichter durch das Leben. Extrem attraktive Menschen kämpfen oft mit Missgunst und einem hohen Erwartungsdruck.
Wir machen es uns aber etwas zu einfach, wenn wir Operationen in nur zwei Schubladen einteilen: „medizinisch indiziert“ oder „Schönheitsoperation“. Was ist denn dieses „medizinisch indiziert“? Juristen haben dafür den Begriff des „Krankheitswerts“ erfunden, den ich sehr zynisch finde.
Gelegentlich werde ich als Gutachter von Gerichten aufgefordert, um einen Fall zu beurteilen. Der Richter fragt mich dann beispielsweise, ob der oder die Patientin schon in alltäglichen Situationen, quasi im Vorbeigehen, ständig flüchtige Blicke auf sich zieht. Ja, wie viele Blicke müssen es denn sein? Und was heißt denn „Alltag“ und „normale Tageskleidung“?
Schauen wir noch mal auf das Beispiel der jungen Patientin, die nur eine Brust hatte. Wenn Frauen wegen Brustkrebs eine Brust abgenommen werden muss, zahlt die Krankenkasse, die wiederherzustellen. Die Wissenschaft ist aber ganz klar in der Beurteilung: Beide Frauen leiden gleichermaßen – sowohl die Frau, die ihre Brust verliert wegen Brustkrebs, wie auch die Frau, die mit 16 feststellt, sie hat nur eine Brust. Aber in dem einem Fall würde ich als Operateur der Schönheitsindustrie zugeordnet. Im anderen Fall dem Gesundheitswesen. Und das ist eine Vereinfachung, auf die ich aufmerksam machen möchte.
Es gibt leider viele schwarze Schafe in der Schönheitschirurgie, die zu häufig Aufmerksamkeit bekommen
WELT: Von Instagram- und Lifestyle-Chirurgie ist das aber beides weit entfernt …
Stahl: Es gibt leider viele schwarze Schafe in der Schönheitschirurgie, die zu häufig Aufmerksamkeit bekommen und geradezu zum Klischee geworden sind. Wenn sich Kollegen vor einem Maserati ablichten lassen, finde ich das traurig. Die ästhetische Chirurgie hat gesamtgesellschaftlich gesehen leider keinen guten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Ich habe als Arzt auch schon in der Mikrochirurgie gearbeitet. Da geht es dann ums Detail, ums Technische, um eine teils minutiöse kleinteilige Arbeit. In der Schönheitschirurgie ist etwas anderes wichtig: Man muss zuhören können, aber auch hier steckt die Kunst im Detail.
WELT: Ja?
Stahl: Der Schlüssel zum erfolgreichen Ergebnis ist das Gespräch mit dem Patienten. Wenn vor mir ein Patient liegt, der sich den Finger amputiert hat, da braucht man nicht lange diskutieren. Da ist klar, was das Ziel ist. Und dann verbringt man viele, viele Stunden im OP unter einem Mikroskop und versucht, so gut wie möglich den Finger wieder anzunähen, damit dessen Funktion wiederhergestellt ist. Beim Patienten in der Schönheitschirurgie ist die Herausforderung auch groß, aber sie ist eben ganz anders gelagert. Da muss ich verstehen, was bedrückt meinen Patienten? Und oft bleibt es nicht bei nur einem Gespräch. Es braucht viel Diplomatie, weil die Patienten ja oft auch dank „Dr. Google“ schon mit einer Vorstellung über die Techniken kommen. Nehmen wir das Beispiel Facelift – viele Patientinnen denken, dass ihr Wunschziel mit Unterspritzungen erreicht werden kann. Es braucht Zeit und Einfühlungsvermögen, da die Grenzen aufzuzeigen.
WELT: Inwiefern?
Stahl: Jahrelang waren ja die sogenannten Hyaluronunterspritzungen sehr angesagt. Weil es da den Irrglauben gab, man könnte die Gesichter so straffen. Das ist technisch aber einfach falsch. Das funktioniert so nicht. Dazu kommt noch, dass Unterspritzungen viel einfacher sind und sogar Heilpraktiker ohne Ausbildung eine solche Unterspritzung durchführen können. Das führte dann zu übertriebenen Erscheinungsbildern, diesen „puffy faces“, die ja auch viel auf Social Media zu sehen waren. Dem zugrunde liegt letztlich ein Irrglaube: Wenn ein Kopfkissen Falten wirft, liegt der Gedanke nah, ja dann machen wir halt einfach mehr Federn rein, dann ist es schon wieder prall gespannt. Aber das ist eben falsch. Das Fettgewebe verschwindet nicht mit dem Alter. Und Hyaluronsäure ersetzt kein Facelift, das haben die Leute mittlerweile auch begriffen. Zumal andere Techniken besser geworden sind, etwa die aktuell sehr angesagte „Deep Plane Facelift“-Technik.
WELT: Was genau wird da gemacht – und wie teuer ist das?
Stahl: Oft werden Methoden ja als Sensation und „neu“ gefeiert. Aber beim Facelift erleben wir eher eine stetige Evolution der Feinheiten seit den Anfängen um 1907. Der Fortschritt liegt hier im Detail: Beim modernen „Deep Plane Facelift“ arbeiten wir tief im Gewebe und lösen gezielt erschlaffte Haltebänder. Das ermöglicht sehr natürliche Ergebnisse ohne den typischen „gezerrten“ Look. Da diese Techniken hochkomplex sind, ist der Gang zu einem sehr erfahrenen Chirurgen entscheidend. Die Kosten variieren stark, da oft weitere Maßnahmen wie Halsstraffung, Lidstraffung, Augenbrauenlift oder Eigenfettbehandlung hinzukommen. Dieser hohe operative Aufwand und die notwendige Spezialisierung haben ihren Preis, der meist zwischen zehn- und zwanzigtausend Euro beginnt.
WELT: Der Boom beim Lifting führt ja ebenfalls zu erstaunlichen Social-Media-Trends. Keine Stars, sondern ganz normale Frauen sitzen da dutzendfach mit Blutergüssen und Bandagen im Gesicht vor der Kamera, um bei TikTok ihr „vorher und nachher“ zu präsentieren. Darunter sind erst 30-Jährige, aber auch 70-Jährige.
Stahl: Das sehe ich als Exzess an. Und es widersprecht dem, was ich täglich erlebe: Das Ziel der großen Mehrheit ist es, jünger auszusehen, aber nicht wieder wie 20. Wenn Patienten dennoch Extreme fordern, hat das meist eine Vorgeschichte. Wahre Schönheit braucht die harmonische Mitte, kein Extrem.
WELT: Also bahnt auch schon eine durchschnittliche Schönheit den Weg zum Glück?
Stahl: Absolut, wobei man „Durchschnittlichkeit“ hier richtig verstehen muss: Es bedeutet im Grunde Natürlichkeit – also die Abwesenheit von Extremen. Sie ist einer der wesentlichen Bausteine der Attraktivität – neben Symmetrie, Proportionen, Jugendlichkeit und den geschlechtsspezifischen Merkmalen. Ein „perfektes“ Ergebnis liefert der Chirurg also nicht, indem er einen starren, isolierten Punktwert erzwingt, sondern indem er all diese Bausteine harmonisch in Einklang bringt.
Dass Attraktivität eben kein punktgenauer Wert ist, sondern eine Spanne, zeigen zwei Beispiele: Nehmen Sie das Gewicht. Ein gesundes Normalgewicht bei 1,65 Meter Körpergröße liegt rechnerisch zwischen 50 und 68 Kilogramm. Wer sich innerhalb dieser Spanne bewegt – also keine Extreme aufweist –, wirkt natürlich und attraktiv. Und ebenso ist Jugendlichkeit zwar ein Faktor, aber das heißt nicht, dass man nur mit exakt 23 Jahren schön ist und mit 24 oder 42 nicht mehr.
Dr. Stéphane Stahl: „Wunderschön. Warum wir dem Bann des Äußeren nicht entkommen“, 24 Euro.
Source: welt.de