Kurz Vor den wahlen: Warum Frankreichs Notenbankchef von Bord geht

Ein Rücktritt aus freien Stücken: Mit dieser Botschaft trat François Villeroy de Galhau Gerüchten entgegen, sein vorzeitiges Ausscheiden als Gouverneur der französischen Notenbank folge politischem Druck. „Ich bin ein freier Mann“, betonte er im Gespräch mit der F.A.Z. Es gebe keinen Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen und bestimmten politischen Prognosen. „Niemand hat mich gebeten, zurückzutreten“, sagte Villeroy klar und deutlich.
Mit seiner Ankündigung, Anfang Juni und damit mehr als ein Jahr vor dem regulären Ende im Oktober 2027 sein Mandat als Notenbankgouverneur niederzulegen, hat Villeroy für viel Aufsehen gesorgt. Damit gerechnet hat kaum jemand, auch wenn es nun heißt, er habe schon länger mit dem Gedanken gespielt.
Nach eigener Darstellung hat er das tatsächlich. So sei er im vergangenen Herbst vom Präsidenten der gemeinnützigen, katholischen Kinder- und Jugendstiftung Fondation Apprentis d’Auteuil gefragt worden, dessen Nachfolge anzutreten. Nach reiflichen Überlegungen habe er sich dann dazu entschlossen, Ja zu sagen. „Nach elf Jahren scheint es mir, dass ich das Wesentliche meiner Aufgabe erfüllt habe“, erklärte Villeroy am Montag in einem Brief an die Mitarbeiter der Banque de France.
Ist das die ganze Wahrheit?
Bloß: Die große Runde machten diese reiflichen Überlegungen nicht. Und so schossen im politischen Paris zu Wochenbeginn gleich Gerüchte ins Kraut, Präsident Emmanuel Macron habe den Notenbankchef zum Rücktritt bewegt – oder dieser verfolge gar anderweitige Karrierepläne.
Villeroy dementiert auch Letzteres. „Ich habe mittlerweile die Altersgrenze für den öffentlichen Dienst überschritten“, sagt der Sechsundsechzigjährige, der in der Vergangenheit immer wieder als möglicher Premierminister gehandelt worden war. Er stehe über die zwei Tage pro Woche in der Stiftung hinaus „für andere Aufgaben von allgemeinem Interesse zur Verfügung“, habe aber keine Karriereambitionen mehr.
Ist das die ganze Wahrheit? Nach allgemeiner Lesart in Paris gibt es sehr wohl einen Zusammenhang zwischen den französischen Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2027 und dem regulären Mandatsende des Gouverneurs wenige Monate später. Quälende Auseinandersetzungen wie in den USA zwischen Donald Trump und Noch-Notenbankchef Jerome Powell bleiben Villeroy erspart, wenn im kommenden Jahr tatsächlich die Rechtspopulisten um Marine Le Pen in den Élysée-Palast einziehen. Er kann so würdevoll abtreten.
Es gibt auch kritische Reaktionen
Vor allem aber macht er mit seinem vorzeitigen Abgang rechtzeitig Platz für einen Nachfolger, der im Juni für sechs Jahre an die Spitze der Banque de France berufen wird; die Autonomie der ehrwürdigen Institution ist groß, Macrons Nachfolger kann den künftigen Gouverneur nicht absetzen. Villeroy trage in staatsbürgerlicher Verantwortung dazu bei, ein republikanisches Gegengewicht zu den Rechtspopulisten zu ermöglichen, sagt ein langjähriger Weggefährte.
Doch es gibt auch kritische Reaktionen in Paris auf Villeroys Entscheidung. Eine solche Vorbeugung gegen die drohende Machtübernahme der Rechtspopulisten mache diese nur noch stärker, heißt es aus Wirtschaftskreisen. Der rechtspopulistische Abgeordnete Jean-Philippe Tanguy sprach von einem „neuen Schritt in Richtung Illiberalismus unter dem Macron-Regime“.
Viel spricht allerdings auch dafür, dass der gläubige Katholik Villeroy nach einer langen Karriere tatsächlich den Zeitpunkt gekommen sieht, aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit zu treten. Sie führte den Absolventen der Elitehochschulen École Polytechnique und ENA zunächst ins französische Finanzministerium, wo er unter anderem als Kabinettsdirektor für den schillernden Sozialisten Dominique Strauss-Kahn arbeitete.
Tonangebende Figur
Er wechselte dann zur obersten französischen Steuerbehörde und stand anschließend knapp zwölf Jahre in den Diensten der französischen Großbank BNP Paribas, zuletzt als deren Generaldirektor. Im Jahr 2015 berief ihn Präsident François Hollande an die Spitze der Notenbank, 2021 gewährte ihm Macron weitere sechs Jahre.
Amtsmüde wirkt Villeroy gleichwohl nicht. Wortgewandt und telegen beteiligte er sich bis zuletzt nicht nur an Fachsimpelei über Zinssätze und Geldmengen. Qua Erfahrung und Ansehen ist er neben EZB-Präsidentin Christine Lagarde seit Jahren die tonangebende Figur in der europäischen Geldpolitik, wo er immer pragmatischer Brückenbauer zwischen Vertretern eines lockeren und restriktiven geldpolitischen Kurses sein wollte.
Daneben las er der heimischen Politik regelmäßig mit Blick auf die hohe Staatsverschuldung und mangelnde Reformen die Leviten. Frankreich bringe sich „in Gefahr“, wenn das Haushaltsdefizit auch in diesem Jahr die Schwelle von fünf Prozent übersteige, mahnte er gerade erst in einem Interview.
„Ein großer Erfolg“
Auch mit seiner Meinung zu den großen europapolitischen Fragen der Zeit hielt der in Straßburg geborene Villeroy selten hinter dem Berg. Er stammt aus einer in Lothringen und im Saarland beheimateten Industriellenfamilie, die an dem für Porzellan und Badausstattung bekannten Keramikhersteller Villeroy & Boch beteiligt ist. „Ich werde mich weiterhin für Europa und die deutsch-französische Freundschaft engagieren“, erklärte Villeroy nun.
Der Euro sei „ein großer Erfolg“. Bundesbankpräsident Joachim Nagel bezeichnet er bei allen sich bietenden Gelegenheiten als seinen Freund. Auch einen gemeinsamen Fernsehauftritt in deutscher Sprache bei „Phoenix“ haben die beiden vor einiger Zeit schon absolviert – für den Villeroy nach Darstellung seines Umfelds akribisch seine Sprachkenntnisse aufgefrischt hat.
Persönlich werde er in Zukunft sicherlich mehr Zeit im Saarland verbringen, sagt Villeroy. Dort gehört dem fünffachen Vater ein Haus, in dem er traditionell seine Ferien verbringt. Nicht unwahrscheinlich ist, dass sich der scheidende Gouverneur auch über Juni hinaus regelmäßig öffentlich zu Wort meldet.
Das Rampenlicht aber wird seinem Nachfolger gehören, als da wären als gehandelte Kandidaten der Generalsekretär des Élysée-Palasts, Emmanuel Moulin, oder der Leiter des Schatzamts, Bertrand Dumont. Auch der früheren OECD-Chefökonomin Laurence Boone werden Chancen eingeräumt, ebenso Benoît Cœuré, dem Chef der französischen Wettbewerbsaufsicht und früheren EZB-Direktor.