Handelsplatz am Dienstag: Anleger greifen plötzlich im Zusammenhang Chemieaktien zu

Der amerikanische Dow Jones erstmals über 50.000 Punkten, Rekordstände auch für den japanischen Aktienindex Nikkei und der Dax wieder auf mehr als 25.000 Punkten – es scheint auf den ersten Blick, als hätte der Ausverkauf der Technologieaktien in der vergangenen Woche wie ein reinigendes Gewitter am Aktienmarkt gewirkt. Doch die Anleger sind noch nicht zur Tagesordnung übergegangen, auch wenn sich Microsoft und Nvidia am Montag im Dow Jones am stärksten erholten.
Die neue Aufwärtsbewegung wird in der Breite weniger von Technologieaktien denn von Aktien der „Old Economy“ getragen. Am Dienstag waren es Chemiewerte, die den Dax zogen. Dazu trug offenkundig eine positive Studie des Sektors von der Investmentbank Goldman Sachs bei. Auf rund 60 Seiten kommt die Goldman-Mannschaft rund um Chemie-Expertin Georgina Fraser zu dem Schluss: Es ist Zeit für Anleger, die defensive Haltung gegenüber Chemieaktien aufzugeben. Die in Deutschland traditionell stark vertretene Branche litt in den vergangenen Jahren gerade hierzulande unter den hohen Energiepreisen und investierte meist – wenn überhaupt – in Asien, allen voran in China, das sich aber nach Wahrnehmung von Mitarbeitern in der Chemieindustrie als zunehmend protektionistisch erwies.
Auch die USA haben bekanntlich vor fast einem Jahr Zollkonflikte begonnen. Inzwischen gibt es indes Anzeichen für eine bessere Konjunktur in Deutschland. Nach einer am Dienstag veröffentlichten Messung des Münchener Ifo-Instituts ist die Auslastung der Kapazitäten der deutschen Unternehmen im Januar den dritten Monat nacheinander gestiegen. Allerdings lag die Auslastung der Industrie noch unterhalb des langjährigen Durchschnitts, während die Dienstleister überdurchschnittlich ausgelastet waren.
Goldman Sachs gibt mit Studie Chemiewerten Auftrieb
Nach Ansicht von Goldman Sachs holt nun allerdings gerade der Chemiesektor auf. Die Fachleute nennen als Beleg für den frischen Rückenwind, dass der Transport von Chemikalien auf Schiffen zuletzt zugenommen habe und China weniger Maßnahmen gegen Einfuhren aus der EU treffe. Goldman änderte deshalb nun sieben Anlageurteile zu Chemieaktien, darunter zu drei deutschen Papieren: Symrise und Evonik stufte die US-Bank auf „kaufen“ nach oben und Lanxess auf „neutral“.
Die Reaktion des Aktienmarktes fällt deutlich aus. Die Aktie des Aromenherstellers Symrise , die seit einem Jahr 25 Prozent an Wert verloren hat, kletterte mit einem Kursgewinn von sieben Prozent am Dienstag an die Dax-Spitze, gefolgt von BASF, dem größten Chemiewert im Dax. Lanxess sprang an die M-Dax-Spitze. Die tief gefallene Aktie gewann am Dienstag neun Prozent im Kurs, Evonik legte fünf Prozent zu. Beide gehören mit Kursverlusten von nach wie vor mehr als 20 Prozent zu den schlechtesten M-Dax-Werten der vergangenen zwölf Monate. Das könnte nun ein Stück weit drehen und eine Branchenrotation von Technologie hin zu vernachlässigten Branchen in Gang kommen. In Ansätzen ist dies auch an den Kursgewinnen der lange wie Blei in den Depots liegenden Henkel-Aktie zu erkennen.
Bekannt ist der Dax-Konzern Henkel für Wasch- und Reinigungsmittel wie Persil oder Somat. Stärker wächst indes das chemienahe Geschäft mit Klebstoffen, das Henkel mit der größten Übernahme seit zehn Jahren Anfang Januar 2026 gestärkt hat. Zwei Milliarden Euro gibt Henkel für das im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts 1930 gegründete und seit 1990 in den Niederlanden beheimatete Unternehmen Stahl aus, Hersteller von Beschichtungen etwa für Papierverpackungen. Wenige Wochen zuvor erwarb Henkel schon ATP Adhesive Systems aus der Schweiz, Produzent besonderer Klebebänder. Die Henkel-Aktie hat, ebenso wie ein weiterer Chemiewert, Brenntag, seit einem Monat zehn Prozent zugelegt und rangiert damit unter den besten fünf Dax-Aktien.
Die Aktienkurse stützen derweil auch die Gewinnausschüttungen für 2025, die in Form von Dividenden im April und Mai dieses Jahres in Deutschland anstehen. In den USA hingegen, wo oft nicht einmal im Jahr, sondern viermal Dividenden gezahlt werden, haben die Rückkäufe eigener Aktien als Kurstreiber eine größere Bedeutung.
Google plant Pfund-Anleihe fällig in 100 Jahren
Die großen Techunternehmen Amazon, Google, Meta und Microsoft, die allein in diesem Jahr zusammen 650 Milliarden Dollar in Künstliche Intelligenz (KI) investieren wollen, haben deshalb für Aktienrückkäufe immer weniger Geld zur Verfügung. Vielmehr steigt bei den meisten der Schuldenstand, bei Amazon etwa auf gut 160 Milliarden Dollar.
Da passt es ins Bild, dass sich Googles Mutterkonzern Alphabet in die Reihe der wenigen Unternehmen plant einzureihen, die eine Anleihe mit Fälligkeit erst in einhundert Jahren begeben. Um 185 Milliarden Dollar an KI-Investitionen zu finanzieren, plane Google Nicht-Dollar-Anleihen in einem Volumen von umgerechnet 20 Milliarden Dollar, darunter ein Papier in Pfund mit Laufzeit bis zum Jahr 2126, wie Bloomberg berichtet.
Während anderswo also der Schuldenstand wächst, kommen Aktienrückkäufe am deutschen Aktienmarkt stärker in Mode. Nach Angaben des Flossbach von Storch Research Institute haben die vierzig Unternehmen im Dax für 2026 Rückkäufe in Höhe von 16,8 Milliarden Euro geplant. Es können noch mehr hinzukommen, doch schon jetzt wäre das in der Historie der zweithöchste Wert. Gerade erst hat der Softwarekonzern SAP ein Rückkaufprogramm über zehn Milliarden Euro annonciert, das mehrere Jahre laufen soll.
SAP hat durch den Ausverkauf der Technologieaktien auch seine Stellung als klar wertvollstes Dax-Unternehmen verloren. Binnen eines Jahres hat der Konzern gut ein Drittel seines Werts verloren. Siemens hingegen hat fast ein Viertel hinzugewonnen. Beide Unternehmen schwanken nun grob um einen Marktwert von 200 Milliarden Euro und wetteifern um den Platz als wertvollstes börsennotiertes deutsches KI-Unternehmen. Zum Vergleich: Der größte Chemiekonzern der Welt, BASF, ist nach einem Kursgewinn von knapp sieben Prozent seit zwölf Monaten davon weit entfernt und bringt es auf einen Börsenwert von 45 Milliarden Euro.
Source: faz.net