Mehr qua ein Flashback: iPods und altes Weib Digitalkameras sind unter dieser Gen Z beliebter denn je
„All diese unbegrenzte Information, ich meine, das ist absolut fantastisch. Aber in vielen Fällen fühlt es sich an wie ein Monsun. Es ist so viel, weil du alles jederzeit wissen kannst.“
Nein, so redet kein Angehöriger der Generation Prä-Internet, dem die Digitalisierung schon auf die Nerven ging, als dieses Wort noch nicht bis ins letzte Bürgeramt hinein bekannt war. Diese Worte stammen von einem US-YouTuber namens Alex. Und der ist in einem Alter, in dem er eine Welt ohne Internet nie bewusst kennengelernt haben dürfte: „Ich weiß nicht, wie viele andere Menschen Anfang 20 es gibt, die diesen ganzen alten Analog-Kram auch mögen. Aber es sind definitiv nicht null.“
Alex beschäftigt sich auf seinem Videokanal Genuine Curiosity, „aufrichtige Neugier“, gern mit nicht-digitaler Technik, die er schlicht als „old things“, „alte Sachen“ bezeichnet. Er besitzt Filmkameras, ein Wählscheibentelefon, eine Plattensammlung samt -spieler und ein Grammophon. Seine Faszination für analoge Technik, die teils weit vor seinem Geburtsjahr produziert wurde, wirkt authentisch.Nicht so „aufrichtig“ wirkt hingegen seine Aussage, er wisse nicht genau, ob auch andere junge Menschen seine Leidenschaft teilen. Spätestens seine Aufrufzahlen im teils siebenstelligen Bereich dürften ihm eine Ahnung verschafft haben.
Einiges spricht dafür, dass Technologie aus dem frühen und Prä-Internet-Zeitalter insbesondere bei jungen Menschen wieder beliebter ist. Neben eher sozio-kulturellen Indizien wie einer unüberschaubaren Zahl an Videos über Kameras, Vinyl und Kabelkopfhörer auf diversen Social-Media-Plattformen zeigen auch ökonomische Kennzahlen einen Wandel an.
„2026 ist das Jahr, an dem wir alle analog werden“
Ausgerechnet der von der Digitalisierung schwer gebeutelte US-Konzern Kodak liefert dafür ein Beispiel. Einst einer der weltweit bedeutendsten Filmhersteller, hatte das vor mehr als 100 Jahren gegründete Unternehmen Schwierigkeiten mit dem Übergang in die digitale Welt. Kodak ging pleite, versuchte einen Neuanfang, setzte unter anderem auf Drucktechnik. In einem Quartalsbericht aus dem Jahr 2024 hieß es dann: „Unser traditionelles AM&C-Filmgeschäft wächst rasant und wir investieren in die Erweiterung unserer Kapazitäten, um der Nachfrage gerecht zu werden.“
Zwar stellte die Firma auch in den vergangenen Jahren noch „Advanced Materials and Chemicals“ (hochentwickelte Materialien und Chemikalien) her, etwa Fotofilme für die Unterhaltungsindustrie. Dass für diese „traditionelle“ Technologie aber wieder Produktionskapazitäten hochgefahren werden, deutete das US-Wirtschaftsportal CNBC als Beweis für einen generationalen Trend. Während Smartphones mittlerweile in immer höheren Auflösungen aufnehmen und mittels Filter Amateurfotos sekundenschnell digital optimieren, scheint sich auf dem analogen Markt eine Gegenbewegung zu gründen.
„Alte“ Technik steigt im Wert. Für einen MP3-Player wie den iPod von Apple in der vierten Generation, Baujahr 2004, verlangen Verkäufer auf der Plattform eBay aktuell um die 200 Euro. Ein stolzer Preis, gemessen daran, dass die Basisfunktionalitäten dieses Geräts von jedem durchschnittlichen Smartphone übertroffen werden.
Mein Ziel ist, Stück für Stück vom Smartphone wegzukommen
Nun ist ein iPod streng genommen gar kein analoges Gerät, schließlich spielt er digitale Musik ab. In den Medien werden aber auch Discmans und MP3-Player meist in einem Atemzug mit Filmkameras und Plattenspielern genannt, wenn es um einen „Analog“-Trend geht, der laut dem britischen Lifestyle-Magazin Dazed das Jahr 2026 bestimmen wird („Das Jahr, in dem wir alle analog werden.“).
Medienkonkurrenz erzeugt Stress
Anhänger*innen dieses Trends geht es offenbar um mehr als technisch korrekte Kategorien. Vielmehr, so beschreibt es etwa eine junge Tiktoker*in aus Deutschland, sei das Ziel, „Stück für Stück von diesem Gerät wegzukommen.“ Sie meint ihr Smartphone: „Langfristig gesehen“, führt sie weiter aus, müsse man „die Funktionen, die auf diesem Mini-Gerät alle zusammenkomprimiert sind“, wieder voneinander trennen.
Das Konkurrieren Dutzender Apps um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer*innen erzeuge Stress, Aktivitäten wie Kommunikation oder Medienkonsum vom Smartphone zu entkoppeln, ermöglichten es hingegen, sich ihnen bewusster und ablenkungsfreier zu widmen. So empfiehlt sie, einen Kalender aus Papier zu pflegen oder mit der Digitalkamera Bilder fürs analoge Fotoalbum zu schießen.
„Ich könnte mir die 700 bis 900 Urlaubsfotos nochmal anschauen, die ich hier und da geknipst hab“, schreibt ein Nutzer der Plattform Reddit, „im Analogen kosten meine Fotos aber Geld, also muss ich mir überlegen, was ich fotografieren möchte und was nicht.“ Filmtechnik erfordert Beschäftigung nicht nur mit dem Motiv; der Griff zur Schallplatte ist verbindlicher als ein Klick in die gigantische Streaming-Bibliothek.
YouTuber Alex formuliert es so: „Musik auf Vinyl hören, Filmfotos machen, eine Schreibmaschine benutzen – es beruhigt einfach meinen Kopf.“ Außerdem, so meint er, hätten Streaming-Dienste wie Spotify oder Netflix in den vergangenen Jahren ihre Preise erhöht und integrierten zunehmend Werbung in ihr Programm, was ihm „wie Kabelfernsehen einmal war, aber viel teurer“ vorkommt.
„Dumm“ ist nicht gleich schlecht
Parallel dazu finden sogenannte „Dumbphones“ – „dumme“ Telefone als Gegensatz zum „smarten“ Gerät – vermehrt Abnehmer*innen. Wer kein altes Handy ohne 4K-Videokamera und mit SMS als einzigem Kurznachrichtendienst im Keller findet, kann sogar zu brandneuen Retro-Geräten greifen.
So bietet der finnische Konzern Nokia mit dem Modell 8210 4G seit dem Jahr 2022 wieder ein „Feature Phone“ an, das optisch und technisch an jenes 8210 erinnert, welches zuletzt 1999 als kleinstes und leichtestes Telefon für die Hosentasche galt. Zwar kann man auch das „8210 4G“ mit einem zeitgenössischen USB-C-Anschluss laden, darüber hinaus wirbt der Hersteller aber vor allem mit dem Fehlen von Funktionen und einem starken, wechselbaren Akku.
Manche halten diese Entwicklungen für mehr als einen ökonomischen Kriseneffekt oder ein gestiegenes Bedürfnis nach „digital detox“. Der kanadische Journalist David Sax beschreibt in seinem 2022 erschienenen Buch The Future is Analog, wie die Corona-Pandemie einen erzwungenen Digitalisierungsschub auslöste, der die berufliche und soziale Welt vieler Menschen dauerhaft veränderte. „Als diese ersten Tage [der Pandemie, Anm. d. Autors] zu Wochen wurden und Wochen sich zu Monaten verschleppten, wurden die Prognosen der Futuristen zunehmend sicherer. Nicht nur schritt die digitale Transformation zügig voran, ganze Bereiche der nicht-digitalen, analogen Welt wurden der Vergangenheit zugeordnet.“
Schlagartig entdeckten Unternehmen weltweit das Konzept Homeoffice für sich und ihre Mitarbeiter*innen. Meetings, Gespräche mit Freunden, Kultur, Bildung – fast alles spielte sich verstärkt digital ab. Eine junge Generation lernte die Welt durch Smartphone-, Tablet- und Laptopbildschirme kennen.
Nun scheint, so Sax, scheinen sich mehr und mehr Menschen von dieser Realität bewusst zu entfremden: „Das ist keine Anti-Tech-Bewegung, und sie ist auch nicht Anti-KI, aber nach Jahren mit Bildschirmen, Apps, Dashboards, Benachrichtigungen und ‚einer weiteren Plattform, die du wirklich nutzen solltest‘, passiert gerade ein kultureller Wandel zurück zu Dingen, die taktil, langsam, mangelhaft und echt sind.“
Mehr Unabhängigkeit von der digitalen Welt
Spätestens seit das Global Wellness Summit, ein Gipfeltreffen der Wellness-Branche, 2025 zum Jahr der „Analog-Wellness“ ausrief, hat auch der Markt einen Weg gefunden, den Trend zu kapitalisieren. Während die Preise für Technik aus vergangenen Jahrzehnten auf dem Gebrauchtmarkt steigen, verkaufen Unternehmen wie die US-amerikanische Firma Retrospekt brandneue Polaroid-Kameras, Walkmans und UKW-Radios im Stil vergangener Tage.
Dass es auch einen rein nostalgisch motivierten Markt für analoge Technik geben könnte, dafür spricht das schwer zu übersehende 90er und 00er Revival, das sich derzeit in vielen Pop- und Subkulturen beobachten lässt. Gleichzeitig ist die Generation Z aber auch dafür bekannt, wie keine Alterskohorte vor ihr Second-Hand-Kleidung der Neuware vorzuziehen. Es könnte ihr also um mehr gehen als um einen möglichst authentischen Nachbau des original 2000er-Digitalkamera-Looks, inklusive Überbelichtung und Bildrauschen.
Meine alte Schreibmaschine kenne ich auswendig. Ich kann sie reparieren, wenn etwas kaputtgeht. Das zu wissen, ist so ein gutes Gefühl
Trotz steigender Preise auf dem Gebrauchtwarenmarkt ist ein alter MP3-Player oder ein „Dumbphone“ oft um einiges günstiger als ein brandneues Smartphone. Daneben versprechen analoge Geräte eine Unabhängigkeit von der digitalen Welt, an die in Krisenzeiten offenbar wieder vermehrt gedacht wird: Als Anfang des Jahres in Zehntausenden Berliner Haushalten der Strom ausfiel, lag auch das Mobilfunknetz flach. In den Medien mehrten sich Berichte von Menschen, die Kurbelradios verwendeten, um sich ohne Strom und Internet informieren zu können.
Wie weitreichend der Gewinn empfunden werden kann, der aus dem Wechsel in die analoge Welt folgt, beschreibt YouTuber Alex anhand seiner Schreibmaschine: „Ich kenne dieses Ding auswendig. Und ich kann es reparieren, wenn etwas kaputtgeht. Das zu wissen, ist so ein gutes Gefühl. Es fühlt sich an, als wären die Dinge wirklich meins.“