Savall dirigiert Mozart: Torso voll Schmerz

Rätsel lassen sich lösen, Geheimnisse müssen ausgehalten werden. Wolfgang Amadé Mozarts Missa c-Moll KV 427, von der Nachwelt als „groß“ ausgezeichnet, nachdem Bachs Gattungsbeitrag in h-Moll zur „hohen“ Messe erhoben war und Beethovens zweite Messe seit jeher den Beinamen „solemnis“ trug, umgibt eine Aura des Geheimnisvollen. Was veranlasste den Komponisten im Frühjahr 1782 zur Aufnahme dieser liturgischen Komposition? In welchen Rahmen sollte sie eingefügt werden, sprengte die Konzeption doch die Dimension aller von Mozart bislang geschaffenen Messen? Warum ließ er die ambitionierte Partitur schließlich unvollendet liegen, sodass sie ohne die zweite Hälfte des Credos und ohne das Agnus Dei für den gottesdienstlichen Gebrauch, auf den sie im Verständnis der Zeit allein berechnet sein konnte, keinen Nutzwert hatte?

Alle Antwortversuche enden im Ungefähren mehrdeutiger Quellen und im Wunschdenken ihrer Interpreten. Wenn Wissen, mit Kant gesprochen, objektiv und subjektiv zureichendes Fürwahrhalten bedeutet, dann gehören die Entstehungsumstände von Mozarts Missa nicht in diesen Bereich. Selbst die allgemein angenommene Uraufführung der vollendeten Teile am 26. Oktober 1783 in der Salzburger Stiftskirche St. Peter, bei der Mozarts Frau Constanze die Sopransoli gesungen haben soll, ist keineswegs sicher bezeugt.

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Rundum abgeschlossen liegen das Kyrie und das achtteilige Gloria vor. Die beiden nur in den Hauptstimmen niedergeschriebenen Credo-Sätze bedürfen erheblicher instrumentatorischer Eingriffe, um sie sinnvoll aufführen zu können. Musiker werden an dieser Stelle seit dem 19. Jahrhundert tätig, so wie sie in das Durcheinander der Überlieferung von Sanctus und Osanna Ordnung zu bringen suchen. Mutige (oder Wagemutige) begeben sich an arrangierend-komponierende Hinzufügungen der vermutlich fünf fehlenden Credo-Sätze sowie des Agnus Dei. Um bei diesen Vorhaben nicht als Größenwahnsinnige zu gelten, die mit Mozarts Kopf zu erfinden vorgeben, greifen sie zu musikalischem Material, das im Umfeld der Missa auf dem Schreibtisch des Komponisten angefallen war.

Den jüngsten Husarenritt wagte Luca Guglielmi. Dabei arbeitete er für Jordi Savall, den jüngst mit dem Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichneten Doyen der historisch informierten Aufführungspraxis. Auf ihn geht das bewunderungswürdige Projekt „Youth Orchestra and Choir Professional Academies“ (YOCPA) zurück, das europäisches Musikerbe an höchsttalentierte Nachwuchsmusiker vermittelt. 2025 stand Mozarts Missa in Guglielmis Fassung auf dem Programm. Was und wie in sieben Konzerten vor begeistertem Publikum in Spanien, Österreich und Deutschland musiziert wurde, lässt sich nun nachhören.

Wolfgang Amadé Mozart: Missa c-Moll KV 427. La Capella Nacional de Catalunya u. a., Jordi Savall. 2 SACDs, Alsia Vox, AVSA9965
Wolfgang Amadé Mozart: Missa c-Moll KV 427. La Capella Nacional de Catalunya u. a., Jordi Savall. 2 SACDs, Alsia Vox, AVSA9965Alia Vox

In den Bann schlägt der ungemein frische, auf völlige Durchhörbarkeit des Stimmengefüges ausgelegte Zugang. Die 26 hochtrainierten Sängerinnen und Sänger der Capella Nacional de Catalunya singen von reuiger Zerknirschung, himmelhoch jauchzendem Gotteslob, Glaubensgewissheit und himmlischer Majestät, wie es lebendiger auch vor dem Thron des Allerhöchsten nicht klingen kann. Unverbrauchte, schön timbrierte, intonationssichere Solostimmen bewältigen Mozarts hohe Ansprüche mit staunenswerter Sicherheit. Die Souveränität des Instrumentalensembles Le Concert des Nations verdankt sich der ebenso unprätentiösen wie charismatischen Leitung Savalls.

In all ihrer Perfektion vermittelt diese Aufnahme säkularen Kunstgenuss vom Feinsten. Mozarts Missa als musikalisches Glaubensbekenntnis – und das sollte es, nach allem, was wir in dieser Hinsicht über den Komponisten wissen, zumindest auch sein – tritt dahinter zurück. Der filo, der innere Faden, den Leopold Mozart in Kompositionen für konstitutiv hielt, reißt denn auch, wenn im Credo Guglielmis Ersatzstücke einsetzen. Sie alle bieten echten Mozart, aber es gibt eben keine richtige Musik im falschen Kontext. Die Arie „Tra le oscure ombre funeste“ KV 469,8 gehört zu Mozarts berührendsten Eingebungen. Mit lateinischem Text zu einem Crucifixus und Et resurrexit bearbeitet, macht sie den Mangel, den das Infinito von Mozarts geistlichem Chef d’Œuvre bedeutet, besonders schmerzlich deutlich.

Wolfgang Amadé Mozart: Missa c-Moll KV 427. La Capella Nacional de Catalunya u. a., Jordi Savall. 2 SACDs, Alsia Vox, AVSA9965

Source: faz.net