Die AfD und ihre Wähler: Kennen die AfD-Wähler die Geister, die sie rufen?

Die AfD wird vorerst wohl nicht wieder verschwinden. In Sachsen-Anhalt kann sich die Partei derzeit sogar Hoffnung machen, nach der Landtagswahl im September erstmals einen Ministerpräsidenten zu stellen. Aber kennen die AfD-Wähler die Geister, die sie rufen? Oder sind sie blind vor Enttäuschung und Wut, weil sie glauben, Deutschland sei nach wie vor auf einem falschen Weg?
Es war dieser Glaube, aus dem heraus die AfD groß wurde. Die Partei entstand in einer Zeit, in der mehr und mehr Menschen dachten, nun würde alles immer schlechter werden – und die Schuld dafür den „Altparteien“ in die Schuhe schoben. Zugleich hatten viele im Land den Eindruck, dass man seine Meinung nicht mehr offen sagen dürfe. Die AfD bestärkte sie darin. Es ist ihr populistisches Kunststück gewesen: Kritik an ihr münzte sie um in einen Beweis für die vermeintlich schreckliche Lage im Land.
Die Grenzen des Sagbaren
Jede berechtigte Empörung über rassistische oder andere Umtriebe nutzte die AfD, um sich als unschuldiges Opfer darzustellen, dem man den Mund verbieten wolle – so wie man ihn angeblich schon den Bürgern verboten habe. Die Grenzen des Sagbaren verschieben bedeutet für die AfD, sie ins Unsagbare zu verschieben: den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte zu bezeichnen, dieses Grauen, das sich kaum in Worte fassen lässt; von „millionenfacher Remigration“ zu träumen, mit „wohltemperierter Grausamkeit“ und „menschlichen Härten“.
Die AfD konnte all dies äußern, ohne dass es ihr schadete, im Gegenteil. Je extremer die Partei wurde, desto erfolgreicher war sie. Alle Warnungen, Mahnungen und auch alle Furcht prallten an ihren Wählern einfach ab. Vergebens wurde an die Vernunft appelliert, doch endlich die Augen zu öffnen und hinzuschauen, wen die Bürger da Richtung Macht beförderten: eine Partei, die dieses Land nicht retten will, sondern zerstören.
Der AfD gelang dabei ein Spagat, der anderen extremen Parteien wie der NPD zuvor nicht gelungen war. Sie vermochte sowohl Neonazis anzuziehen als auch Bürger, die das nicht sind. Die braunen Gestalten fanden sich und ihre Gedanken in der Partei wieder, die Tore standen ihnen sperrangelweit offen. Dass sie es immer noch tun, sieht man allein schon an dem Vorstand der neuen Jugendorganisation „Generation Deutschland“. Dass an der Spitze ein einflussreicher Rechtsextremist steht, ist kein Zufall.
Keine klare Trennlinie
Die mehr als 1100 Seiten des Verfassungsschutz-Gutachtens sprechen in der Hinsicht ebenfalls eine deutliche Sprache. Es gibt keine klare Trennlinie zwischen Partei, Neurechten, Identitärer Bewegung und der Neonaziszene.
Und die Bürgerlichen, die trotz allem diesen Schulterschluss eingehen? Mehrere Umstände haben sie in die Arme der AfD getrieben, wo sie sich fatalerweise erhoffen, eine neue Heimat zu finden. Dazu gehören das Schleifen der konservativen Positionen über Jahre hinweg und das Wegschauen in Politik und vielen Medien bei Gewalttaten und Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht. Hinzu kommt das Gefühl, dass sich einfach nichts ändert und die Politiker in Berlin längst jede Bodenhaftung verloren haben.
All das trieb die Menschen zur AfD und ließ zudem auch noch eine Wagenburgmentalität entstehen. Verstärkt wurde diese durch eine bisweilen pauschale Verteufelung der AfD, selbst wenn diese den Finger auf tatsächlich wunde Punkte legte. Diese Verteufelung, die Darstellung der AfD als eine neue NSDAP, führte aber nicht dazu, dass die Wähler sich abwandten, sondern zum Gegenteil: Im Vergleich mit dem Teufel kann selbst noch ein Brandstifter als ein erträgliches Übel erscheinen.
Kann man noch Hoffnung haben, AfD-Anhänger zur Abwendung von dieser Partei zu bringen, indem man sie auf deren Wesen hinweist? Nicht alle ihre Wähler wissen bis ins Detail, für wen und was sie da stimmen. Manche wollen es offenbar gar nicht so genau wissen. Viele aber sind genauestens im Bilde. Die AfD hat ihre Maske längst abgenommen. In Sachsen-Anhalt reicht ein kurzer Blick in ihr „Regierungsprogramm“, um zu sehen, wie sie die Republik verändern will hin zu einem Land, in dem Vielfalt, Buntheit und Toleranz beseitigt sind.
Doch wie ist diesem verhängnisvollen Schulterschluss beizukommen, wenn ihn viele Deutsche sehenden Auges eingehen? Das Einzige, was helfen kann: Die Bürger müssen wieder das Gefühl bekommen, dass es in die richtige Richtung geht – und das durch eine Koalition der Mitte. Der verschärfte Kurs in der Migrationspolitik ist ein Anfang. Doch wenn die schwarz-rote Regierung nicht beherzt all die Probleme anpackt und löst, derenthalben die einst CDU und SPD wählenden Bürger zur AfD übergelaufen sind, dann wird es sehr schwer, die AfD auf dem Weg zur Macht aufzuhalten.
Source: faz.net