Überregulierung: Warum wir nicht mehr selbst denken

Das jüngste Beispiel ist erst einige Wochen alt. Die Bundesregierung führt ein neues „Recht auf Reparatur“ ein. Getreu den Beschlüssen der EU haben Verbraucher künftig Anspruch darauf, dass Elektrogeräte repariert werden können – das Smartphone zum Beispiel sieben Jahre lang. Das klingt erst mal gut. Endlich können Verbraucher ihre Smartphones reparieren lassen!

Dann fällt auf, dass Verbraucher schon lange Smartphones reparieren lassen können, ganz ohne verbrieftes Recht. Nicht alle Smartphones. Aber es gibt eine Reihe von Modellen, die genau dafür entwickelt worden sind. Und es gibt Websites, die das nachgeprüft haben. Trotzdem verkaufen sich die reparierbaren Geräte nicht besonders gut. Manchmal müssten Smartphone-Entwickler zugunsten der Reparierbarkeit so große Kompromisse eingehen, dass das Ergebnis bei den Verbrauchern unbeliebt ist. Da müssen Teile geschraubt statt geklebt werden, dann wird das Handy klobig, und wenn die Wärmeableitung dann nicht mehr funktioniert, muss man die Leistung des Smartphones begrenzen. Sind die Verbraucher dann wirklich besser dran?

Alles schon mal vorgedacht – aber es passt nicht

Schwierig. Wahrscheinlich trifft „Recht auf Reparierbarkeit“ nicht alle Aspekte des Lebens sinnvoll. So wie viele andere Gesetze auch. Dass Deutschland überbürokratisiert ist, das sieht ja eine große Mehrheit der Deutschen so – und das liegt nicht zuletzt an einer Fülle übertrieben detaillierter Gesetze und Regulierungen.

Und dann kommt das neue Buch des Soziologen Hartmut Rosa. Ausführlich beschreibt Rosa, wie wir uns ständig Regeln geben, die dem Einzelnen seine Spielräume nehmen. Fußballschiedsrichter können nicht mehr dem Spiel angemessen entscheiden, weil der Videoschiedsrichter kleinlich auf die Einhaltung jedes Regelbuchstabens achtet. Manche Kellner können keinen guten Service mehr leisten, weil ihr Restaurant nicht mehr erlaubt, einen heruntergefallenen Burger zu ersetzen. Und die Mitarbeiter im Amt müssen sich sowieso an alle Regeln halten, auch in den Einzelfällen, wo die Regeln wirklich niemandem helfen. Am Schluss sind die Mitarbeiter frustriert.

Solche Regeln sind ja auch hilfreich: Sie verhindern Willkür. Sie sorgen für klare Erwartungen. Sie entbinden Angestellte von der Verantwortung für unangenehme Entscheidungen. Leider gewöhnen sie uns dadurch auch das Denken ab. Sie machen uns vom Menschen zum Regelvollzieher und kosten uns Motivation.

Allzu oft wird ein schematischer Prozess vorgedacht, das Leben aber passt nicht dazu. Das ist in den vergangenen Jahren an den verschiedensten Stellen aufgefallen. Manchmal wurde unfähige Politik dafür verantwortlich gemacht, manchmal böse Marktkräfte (zum Beispiel bei Shoshana Zuboff), manchmal die mathematisch-unerbittliche Logik von Zahlen und Algorithmen (zum Beispiel bei Colin Crouch). Mancher hat die Schuld auch bei misstrauischen Mitmenschen gesehen. Rosas Fallsammlung zeigt, dass wir im Grunde immer vor dem gleichen Phänomen stehen. Und dann liegt nahe, dass es vielleicht doch einen anderen Grund gibt.

Da steckt auch Hybris drin

Das kann eine gewisse Hybris sein: Erst glauben wir, dass wir mit ein paar Zahlen und Regeln das Leben gut erfassen. Dann bemerken wir, dass die Regeln das Leben doch nicht widerspiegeln. Wir wollen es besser machen – mit noch mehr Regeln, die wiederum mit dem echten Leben zusammenstoßen. Diese Interventionsspirale kennt die Welt seit fast 100 Jahren, als sie Ludwig von Mises vorgestellt hat.

Und wie kommen wir da raus? Mit etwas mehr Demut. Menschen sind schwer zu berechnen. Jedenfalls war bisher noch zum Glück jede Technik, selbst Kernenergie und Künstliche Intelligenz, beherrschbarer als die Menschheit. Dann verzichten wir auf einige dieser Regeln. Und übernehmen wieder mehr Verantwortung für uns selbst. Vielleicht auch dafür, ob unsere Smartphones reparierbar sind.