Bildung zu Gunsten von Geflüchtete: Die Talente von Geflüchteten zu verpulvern, ist irrational und teuer
Deutschland debattiert über Migration, während in den vielen
Werkhallen, Krankenhäusern und Pflegeheimen Schichten unbesetzt bleiben und in
Klassenzimmern Talente warten. Deutschland investiert viel Geld in den Schutz
der Grenzen, gibt auch viel Geld für Abschiebungen aus – doch eine besonders renditestarke Maßnahme ist eine andere: frühe, verlässliche und gute Bildung.
Für unzählige Geflüchtete ist sie der Unterschied zwischen Stillstand und
Aufstieg, immerhin leben mehr als 3,3 Millionen
geflüchtete Menschen in unserem Land, etliche schon seit Jahren.
Doch zu viele
von ihnen bleiben in Armut gefangen, abgeschnitten von Chancen auf Bildung,
Arbeit und Teilhabe. Das ist nicht nur ein soziales Versagen. Es ist auch ein
ökonomisches. Denn jede ungenutzte Begabung, jedes unentdeckte Talent ist ein
Verlust – für unsere Gesellschaft und für unsere Wirtschaft.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin zeigt in einer
aktuellen Studie:
Geflüchtete in Deutschland sind in besonders hohem Maß von Armut betroffen.
Rund zwei Drittel leben unterhalb der Armutsgrenze, häufig in prekären Wohn-
und Arbeitsverhältnissen. Viele beziehen Sozialleistungen, und zwar nicht, weil
sie nicht arbeiten wollen, sondern weil sie nicht können. Etwa, weil
Sprachkenntnisse, Anerkennung von Qualifikationen oder passende
Bildungsangebote fehlen. Der Aufstieg über Bildung gelingt nur wenigen, und die
Einkommensunterschiede zu Einheimischen bleiben auch nach Jahren erheblich.
Diese Armut hat strukturelle Ursachen – und sie kostet Deutschland Wohlstand.
Armut ist kein Schicksal und hat
keine Hautfarbe oder Religion, sondern sie ist vor allem eine politische
Entscheidung. Sie entsteht, wenn wir zulassen, dass Kinder von Geflüchteten in
schlecht ausgestatteten Schulen lernen, dass Sprachförderung Glückssache bleibt
und der Zugang zu Ausbildung und Studium vom Aufenthaltsstatus abhängt. Wenn
Menschen dauerhaft ausgeschlossen bleiben, schwächt das den gesellschaftlichen
Zusammenhalt – und mindert die Produktivität unserer Volkswirtschaft.
Bildung als Schlüssel
Das jüngste Positionspapier des Sachverständigenrats für Integration und
Migration (SVR) macht deutlich, dass der Schlüssel zur Teilhabe und
Armutsbekämpfung in der Bildung liegt, und zwar auf allen Ebenen, von der Kita
bis zur Hochschule. Frühkindliche Bildung entscheidet über Lebenschancen. Doch
Kinder aus geflüchteten Familien besuchen seltener eine Kita, weil Gebühren,
Sprachbarrieren oder Diskriminierung den Zugang erschweren. Dabei hat die
Forschung längst bewiesen: Investitionen in die Bildungschancen der Jüngsten zahlten sich volkswirtschaftlich am stärksten aus. Die sogenannte „Heckman-Kurve“
(benannt nach dem US-amerikanischen Nobelpreisträger James Heckman) zeigt, dass
ein Euro in frühe Bildung den höchsten gesellschaftlichen Ertrag bringt.
Wer den Aufstieg von Geflüchteten
ernst meint, muss deshalb in die Qualität und Zugänglichkeit von Kitas
investieren – mit mehr Personal, Sprachförderung und einer verpflichtenden
Vorschulzeit für alle Kinder. Schulen sollten endlich so finanziert werden,
dass sie dort am meisten Mittel erhalten, wo die Herausforderungen am größten
sind. Das Startchancen-Programm der Bundesregierung geht in die richtige
Richtung:
Es verteilt Gelder nach sozialem Index und schafft gezielte Unterstützung für
benachteiligte Schulen. Doch es muss zum Standard werden.
Zudem müssen Lehrkräfte besser
auf die Realität einer diversen Gesellschaft vorbereitet sein. Vier von zehn
Kindern in Deutschland wachsen heute in Familien mit Zuwanderungsgeschichte
auf. Diese Vielfalt ist ein Gewinn, wenn sie anerkannt und gefördert wird.
Lehrkräfte brauchen daher Unterstützung und Ausbildung in „Deutsch als
Zweitsprache“ und interkultureller Pädagogik. Ebenso sollten mehr zugewanderte
Pädagoginnen und Pädagogen in Kitas und Schulen arbeiten dürfen. Sie
bringen nicht nur dringend benötigtes Fachwissen mit, sondern schlagen auch
Brücken zwischen verschiedenen Kulturen – vorausgesetzt, ihre Abschlüsse werden
unbürokratisch anerkannt.
In der öffentlichen Debatte über
Migration dominieren oft Ängste statt Fakten. Dabei ist längst belegt, dass
Geflüchtete einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands
leisten können. In meinen Kolumnen
habe ich immer wieder die Schlussfolgerungen etlicher wissenschaftlicher
Studien betont: Migration ist eine kluge und notwendige Investition in unsere
Zukunft. Schon heute tragen zugewanderte Beschäftigte erheblich zum Steuer- und
Sozialsystem bei, sie stärken unsere Fachkräftebasis und beleben die
Innovationskraft vieler Branchen.
Doch das volle Potenzial bleibt
ungenutzt, wenn Menschen mit Fluchtbiografie jahrelang von Arbeit, Bildung und
Teilhabe ausgeschlossen werden. Integration erfordert politische Weitsicht und
gezielte Investitionen. Es ist irrational, Milliarden in Grenzschutz und
Abschreckung zu stecken, aber an Sprachkursen, Schulplätzen oder
Berufsausbildungsprogrammen zu sparen.
Gerade in Zeiten des
demografischen Wandels und des Fachkräftemangels kann sich Deutschland diesen
Stillstand nicht leisten. Wir brauchen Zuwanderung, und wir brauchen gelingende
Integration. Jeder junge Mensch, der keinen Schulabschluss schafft, jeder
Erwachsene, der unter seiner Qualifikation arbeitet, ist Ausdruck eines
ineffizienten Systems. Bildung ist kein Kostenfaktor, sondern die rentabelste
Investition, die ein Land tätigen kann.
Gezielte Förderung statt symbolischer Politik
Der Sachverständigenrat fordert daher zu Recht:
Neuzugewanderte Kinder müssen sofort Zugang zu Schule und Kita erhalten, nicht
erst nach Monaten in Erstaufnahmeeinrichtungen. Übergangs- und
Sprachförderangebote müssen qualitativ hochwertig sein, sind aber kein Ersatz für
Regelunterricht. Getrennte Willkommensklassen sind pädagogisch wie sozial
kontraproduktiv. Kinder lernen am besten gemeinsam – mit gezielter
Unterstützung statt Separation.
Auch in der beruflichen Bildung
gibt es Nachholbedarf. Geflüchtete junge Erwachsene brauchen mehr Zeit und
Flexibilität, um eine Ausbildung abzuschließen. Besonders Frauen mit
Fluchtgeschichte stoßen auf zusätzliche Hürden, weil Betreuungspflichten oder Behördenpraxis
sie vom Arbeitsmarkt fernhalten. Eine Gleichstellung in der Förderung und eine
Ausweitung der Berufsschulpflicht bis zum 25. Lebensjahr wären sinnvolle
Schritte.
Dass Kinder aus armen oder
geflüchteten Familien schlechtere Bildungschancen haben, ist das Ergebnis
politischer Prioritätensetzung. Dabei ist Aufstieg möglich, das zeigt meist die
zweite Generation: Viele Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen
sind, holen schulisch auf und erreichen heute häufiger die Hochschulreife.
Diese Erfolge belegen, dass Integration funktioniert, wenn man sie ermöglicht.
Die ökonomische Botschaft ist
klar: Wer in Bildung investiert, investiert in Wachstum, Innovation und
gesellschaftliche Stabilität. Das müssen wir uns leisten.