Kanzler in Qatar: Deutschlands nächstes Gasproblem

Die Kältewelle in Deutschland dauert an und leert die deutschen Gasspeicher immer schneller. Zuletzt waren sie nur noch zu 31 Prozent gefüllt und haben die gesetzliche Vorgabe von 30 Prozent zum 1. Februar gerade so erreicht. Im Rest Europas sieht es nicht besser aus. Der europäische Füllstand von 61 Prozent zum Jahreswechsel war – mit Ausnahme des Krisenjahrs 2022 – der niedrigste seit dem Jahr 2016. Das Bundeswirtschaftsministerium versucht zu beruhigen und verweist auf Importkapazitäten für Flüssiggas (LNG) in Belgien und den Niederlanden. Auch die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer „angespannten Gasversorgung“ als gering ein. Niedrige Speicherfüllstände seien „kein automatisches Indiz für eine Gasmangellage“, sagte Netzagenturchef Klaus Müller in dieser Woche.
Trotzdem könnte es am Ende des Winters eng werden. Eine aktuelle Analyse des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) zeigt: Sollte die Kälteperiode bis Ende März andauern, könnte die Gasnachfrage um bis zu 120 Terawattstunden steigen. Um einen kritischen Speicherstand von zehn Prozent am Ende der Heizperiode nicht zu unterschreiten, müssten die europäischen LNG-Importterminals in diesem Szenario ihre Auslastung auf bis zu 90 Prozent steigern. Das dürfte teuer werden. Zwar scheinen die ärgsten Kurskapriolen vorbei, trotzdem beläuft sich der Anstieg der Gaspreise seit Jahresbeginn auf 20 Prozent.
Hohe Preise als Herausforderung
Und selbst wenn Europa in diesem Winter noch einmal glimpflich davon kommt – damit ist das Problem nicht gelöst. Mindestens genauso schwierig dürfte es werden, sich vom Frühjahr an für den nächsten Winter einzudecken. „Um die europäischen Gasspeicher nach diesem Winter wieder auf das EU-Zielniveau von 90 Prozent zu Beginn der Heizperiode zu bringen, wäre ab April eine kontinuierlich hohe Auslastung der Importterminals von mehr als 80 Prozent erforderlich“, sagt Ann-Kathrin Klaas vom EWI. Das wäre deutlich mehr als die durchschnittliche Auslastung von 58 Prozent im Vorjahr.
Physisch wäre das wohl möglich, weil sowohl die Importterminals in Europa als auch die Infrastruktur in den Exportländern stark ausgebaut wurde. Die größere Herausforderung sind auch hier die hohen Preise im Großhandel. Nur 30 Prozent des europäischen LNG-Bedarfs sind über Langfristverträge abgesichert – die restlichen Mengen müssen kurzfristig am Spotmarkt erworben werden, wo Europa direkt mit Asien konkurriert. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Gas zur Lieferung im Sommer ist derzeit teurer als zur Lieferung im darauffolgenden Winter. „Durch den ungewöhnlichen Preisaufschlag fällt für Händler der Anreiz weg, in diesem Sommer Lagerkapazitäten zu buchen und zu füllen“, sagt Natasha Fielding von der Agentur Argus Media. „Tun sie es nicht, könnte dies anschließend zu Kopfzerbrechen bei der Wiederauffüllung der Vorräte führen.“
Das Thema treibt nicht nur Energiefachleute, sondern auch die Bundesregierung um. Nach dem Atomausstieg und angesichts des geplanten Kohleausstiegs kommt Gas eine Schlüsselrolle in der Energiepolitik zu. Etliche neue Gaskraftwerke sollen in den nächsten Jahren gebaut werden, um die Stromversorgung zu sichern, wenn die Erneuerbaren nicht genügend liefern. In einer klimaneutralen Zukunft soll grüner Wasserstoff statt Gas zum Einsatz kommen, aber das ist noch in weiter Ferne.
Gut 90 Prozent des LNG kommt aus den USA
Die Sache ist politisch heikel. Für die frühere Abhängigkeit von russischem Pipelinegas hat Deutschland teuer bezahlt. Dieser Fehler soll sich nicht noch einmal wiederholen. Aktuell kommt der Großteil des in Deutschland verbrauchten Gases aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Doch viele dieser Gasfelder sind ausgereizt, der Import von Flüssiggas aus weiter entfernten Weltregionen wird wichtiger werden.
Aktuell bezieht Deutschland mehr als 90 Prozent seines Flüssiggases aus den Vereinigten Staaten. In der EU insgesamt kamen im Jahre 2024 47 Prozent der LNG-Importe aus den USA. In dem im vergangenen Sommer geschlossenen Zolldeal mit den USA hat sich die EU verpflichtet, die Flüssiggasimporte aus Amerika deutlich zu erhöhen. Zudem will die EU von Ende 2026 an kein Flüssiggas mehr aus Russland beziehen. Droht nach der einen Abhängigkeit nun eine andere?
Um das zu verhindern, gibt es derzeit eine rege Reisetätigkeit von Regierungsmitgliedern in die Golfstaaten. Nach Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) war Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Donnerstag in Qatar zu Besuch, das mit einem Weltmarktanteil von rund 20 Prozent neben den USA und Australien zu den wichtigsten LNG-Produzenten zählt. Auf der Agenda stand neben Investitionen und Rüstungsexporten auch das Thema Energie. Deutschland beziehe schon seit einigen Jahren Flüssiggas aus Qatar, sagte Merz in Doha. „Wir wollen das ausbauen, weil wir auf diese Art und Weise auch Abhängigkeiten reduzieren und dafür sorgen, dass wir eine zuverlässige Energieversorgung in Deutschland haben.“
Qatar ist an langfristigen Verträgen interessiert
Schon zu Beginn der Energiekrise im Frühjahr 2022 war der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nach Doha gereist, um Gas zu beschaffen – und hatte damit für Aufsehen gesorgt. Aus der Vereinbarung ist indes bislang wenig gefolgt. Die Qataris sind an langfristigen Lieferverträgen interessiert, die mindestens 20, eher 30 Jahre lang laufen sollen. Das aber kollidiert mit den Klimazielen der EU. Die Devise lautet nun, Qatar möglichst weit entgegenzukommen. Die Bundesregierung kann aber gleichwohl nur den Rahmen schaffen; die Verträge abschließen müssen letztlich die Unternehmen. Ein Problem sind die Lieferketten- und Nachhaltigkeitsrichtlinien der EU, an denen man sich in Doha stört. Merz wirbt in Brüssel seit Monaten für weniger strenge Vorgaben für die Unternehmen, bislang mit überschaubarem Erfolg.
Von einer Diversifizierung der Gas-Lieferketten erhofft man sich im Kanzleramt nicht nur, weniger erpressbar durch die USA zu werden, sondern auch eine preisdämpfende Wirkung. Den jüngsten Preisanstieg für LNG sieht man im Kanzleramt mit Sorge, belastet er doch sowohl die Industrie als auch die Verbraucher – und dadurch auch die Wachstumsaussichten.
Auf private Haushalte wirken sich hohe Preise im Großhandel normalerweise erst mit einem Verzug von mehreren Monaten aus. „Erst wenn die Gasgroßhandelspreise für längere Zeit auf dem aktuellen Niveau bleiben oder noch weiter ansteigen, werden die Gaspreise auch für Verbraucher steigen“, sagt Thorsten Storck vom Vermittlungsportal Verivox. „Wer jetzt einen neuen Gastarif wählt, sollte eine Preisgarantie von mindestens zwölf Monaten wählen, um sich gegen einen möglichen Preisanstieg abzusichern.“