Norwegen: Der größte Staatsfonds welcher Welt überdenkt seine Moral
Für Privatanleger ist es neuerdings etwas leichter geworden, den größten Staatsfonds der Welt nachzuahmen. Der sogenannte Ölfonds aus Norwegen, der für das vergangene Jahr gerade eine Rendite von 15,1 Prozent auf sein märchenhaftes Anlagevermögen von umgerechnet rund 1800 Milliarden Euro ausgewiesen hat, verzichtet auf eine seiner bisherigen Eigenheiten. Er sortiert aus seinem Aktienportfolio zurzeit keine Unternehmen mehr aus, die mit ihrem Angebot oder Geschäftsgebaren die in Oslo geltenden moralischen Ansprüche unterlaufen.
Dazu zählten etwa Tabakhersteller und Atomwaffenproduzenten, aber auch Firmen, denen grobe Umweltverschmutzung oder Menschenrechtsverstöße nachgewiesen werden konnten. Das traf in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als 170 Unternehmen. Jetzt ist diese Ausschlusspraxis ausgesetzt.
Unterm Strich, so hat es der Staatsfonds errechnet, haben die gut 170 Rauswürfe die Aktienrendite um etwa 1,4 Prozent verringert: der Preis der Moral. Interessanterweise ging der finanzielle Verlust gegenüber einem moralisch indifferenten Vergleichsportfolio allein aufs Konto jener Ausschlussentscheidungen, die sich an Produkten festmachen. Wo hingegen missliebiges Verhalten der Grund für den Aktienverkauf war, hat es sich für den Fonds sogar gelohnt, auf seine Standards zu pochen: Diese Rauswürfe haben, für sich genommen, die Rendite bis heute um 1,0 Prozent gesteigert, was einem Plus von etwa 15 Milliarden Euro entspricht.
Der Abschied von der Moral bei der Geldanlage soll nur vorübergehender Natur sein. Der frühere Ministerpräsident und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der als Finanzminister in die heimische Spitzenpolitik zurückgekehrt ist, will das Regelwerk bis zum Herbst überarbeiten. Die Aussetzung der Praxis begründete der Sozialdemokrat im Parlament mit dem Argument, dass der Fonds angesichts der schwierigen geopolitischen Lage sonst in die Lage kommen könnte, sich von sehr großen und renditestarken Aktienpaketen trennen zu müssen. Er führte die großen amerikanischen Tech-Konzerne an, deren Soft- und Hardware auf völkerrechtlich zu missbilligende Weise von Kriegsparteien verwendet werden könnte.
Die schiere Größe des Fonds, in dem die Norweger seit 1996 die Überschüsse aus dem Verkauf ihrer Öl- und Gasvorkommen verwalten, verleiht ihm eine zentrale politische Bedeutung für das Land. Der Staat darf, so haben es die Politiker parteiübergreifend beschlossen, alljährlich drei Prozent des Marktwerts abzweigen, um damit Haushaltslöcher zu stopfen. Das war anfangs nicht viel, heute macht es fast ein Viertel der Staatsausgaben aus. So erklärt sich die Eile, mit der Finanzminister Stoltenberg der vermeintlich drohenden Entwicklung entgegentreten zu müssen glaubte. Die Logik ist einfach: Damit die Norweger beispielsweise ihre Sozialleistungen behalten können, darf der Staatsfonds nicht schrumpfen.
Die Annahme, dass der Ethikrat des Fonds, ein mit unabhängigen Fachleuten besetztes Gremium, tatsächlich den Ausschluss beispielsweise von Microsoft oder Nvidia empfohlen hätte, bleibt indes spekulativ. Es kam nicht zur Probe aufs Exempel. Außer Zweifel steht hingegen das große Gewicht, das die amerikanische Tech-Branche im Aktienportfolio des Ölfonds hat. Gemessen am Marktwert der einzelnen Beteiligungen, belegen die Techfirmen die ersten fünf Plätze des insgesamt mehr als 7000 Firmen zählenden Aktienportfolios. Hinzu kommt: Der Anteil der zehn größten Beteiligungen am Aktienportfolio hat sich seit 2017 vervierfacht. Auf das Risiko, das darin liegt, wies Fondschef Nicolai Tangen bei der Vorlage der Kennzahlen am Donnerstag hin; er sehe indes keinen Spielraum, die Tech-Investitionen vorsichtshalber zu reduzieren. „Unser Auftrag ist glasklar: Wir sollen Geld verdienen“, sagte Tangen. Das lasse sich ohne die Giganten der Internetwelt und der Künstlichen Intelligenz schlicht nicht bewerkstelligen.
Wer sich für die eigene Geldanlage den Fonds aus Norwegen zum Vorbild nimmt, wird diese Einschätzung beachten. Dass dann auf Dauer dieselben Renditen herauskommen wie bei Tangen und seinen Leuten, ist nicht garantiert. Deren Erfolg hat eine Grundlage, die sich daheim noch schwieriger nachbilden lässt als eine Ethik-Kommission. Gemeint sind die sprudelnden Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf. In den allermeisten Jahren hat der norwegische Staat bisher nämlich mehr in den Fonds eingezahlt, als ihm zu entnehmen. In den Corona-Jahren 2020 und 2021 war das anders. Damals sorgten steigende Kurse dafür, dass der Marktwert des Fonds trotzdem größer wurde. Und 2022 wurde zu einem Rekordjahr für den norwegischen Gas-Export, weil der Krieg in der Ukraine die Energiepreise steigen ließ. So konnten die Fondsmanager kräftig zukaufen, ehe es an den Börsen mit den Kursen erheblich bergauf ging.
Es ist dieses Zusammenspiel aus verlässlichen Zuflüssen und einer langfristigen Anlagestrategie, das die Resultate des Fonds ermöglicht. Geht es an der Börse einmal bergab, zahlt sich selbst das gewöhnlich aus. Sinkt der Marktwert des Aktienportfolios, wird das durch Zukäufe ausgeglichen, die Öl- und Gaseinnahmen machen’s möglich. Das hat sich später dank steigender Kurse oft doppelt und dreifach ausgezahlt: Die 1800 Milliarden Euro, die der Fonds heute wert ist, entfallen zu mehr als der Hälfte auf Kursgewinne.
Source: faz.net