„Claude“ von Anthropic: Neues KI-Tool schickt Börsen hinauf Talfahrt

Künstliche Intelligenzen krempeln gerade zahlreiche Branchen um. Viele Tätigkeiten, die früher manuell unter großem Personaleinsatz nötig waren, können mittlerweile automatisiert werden. Das KI-Unternehmen Anthropic hat nun ein Zusatzmodul für seinen Chatbot Claude vorgestellt, das sich in neue Gefilde vorwagt: Das Sprachmodell kann künftig auch juristische Aufgaben übernehmen. So wirbt der Konzern damit, dass Arbeiten wie Vertragsprüfungen und die Erstellung juristischer Kurzgutachten automatisiert werden können. „Anthropic hat damit den Wettbewerb verschärft“, erklärten Analysten von Morgan Stanley um Toni Kaplan in einer Mitteilung. „Wir sehen dies als Zeichen für einen sich intensivierenden Wettbewerb und damit als potentiell negativ.“
Das hat zu einem Ausverkauf an den Börsen geführt, besonders Softwareaktien waren betroffen. Die Anleger trennten sich im Eiltempo von Titeln, die auch nur entfernt mit dem Sektor in Verbindung stehen. Denn es zeigt sich: Die Sprachmodelle der großen Anbieter sind so leistungsfähig, dass sie den Diensten der Softwarehäuser bald ebenbürtig sein könnten – und das zu einem Bruchteil der bisherigen Preise.
Kursverluste von bis zu 20 Prozent
Vor diesem Hintergrund verloren die Aktien von Softwareanbietern wie dem Photoshop-Konzern Adobe, dem Cloud-Softwarebetreiber Salesforce oder Datendiensten wie Thomson Reuters zwischen sieben und 20 Prozent. Zu dem Konzern gehört neben der Nachrichtenagentur Reuters auch die juristische Datenbank Westlaw. Der Kurs der London Stock Exchange LSE, die neben klassischen Angeboten einer Börse auch Rechts- und Recherchedienste offeriert, gab mehr als zwölf Prozent nach. Selbst Microsoft sah sich in den vergangenen Tagen in der Bredouille.
Der Software- und KI-Konzern aus Seattle hatte in der vergangenen Woche zwar solide Quartalszahlen vorgelegt. Viele Anleger waren aber auf die weiteren Geschäftsaussichten fixiert, und die deuteten ein langsameres Wachstum an als bisher. Das hatte Folgen: Der Kurs verlor im Wochenvergleich mehr als zwölf Prozent. Ebenso ging es dem deutschen Softwareprimus SAP: solide Zahlen, vorsichtige Prognose, fallender Kurs. Die SAP-Aktie kostet heute 14 Prozent weniger als Anfang vergangener Woche.
Die KI-Revolution frisst ihre Software-Kinder
Vor gar nicht allzu langer Zeit standen noch Softwarehäuser in der Gunst großer und kleiner Investoren ganz oben. So hatte der Entwickler, Unternehmer und Investor Marc Andreesen einst gesagt: „Software frisst die Welt“. Denn ohne Software dreht sich in einer modernen Wirtschaft kaum noch ein Rad. „Softwareunternehmen galten eigentlich als Gewinner des KI-Booms“, sagt Lars Skovgaard, Stratege bei der Danske Bank. „Aber plötzlich kommt die Sorge auf, ob sich die Investitionen überhaupt wieder einspielen – und ob man nicht von neuen Entwicklungen überholt wird.“
Und tatsächlich könnte nun die Künstliche Intelligenz einen Gutteil genau jener Branche schlucken, aus der sie hervorgegangen ist. Waren es doch Programmierer von Software, die der KI auf die Sprünge halfen. Jeffrey Favuzza vom Bankhaus Jeffries nennt die jüngsten Entwicklungen „eine SaaSpocalype“ – die Apokalypse des Geschäftsmodells Software-as-a-Service (SaaS). Demnach werden Programme nicht mehr per CD, sondern via Internet und Rechenzentrum verkauft. Nachdem nun aber KI-Anbieter die neuesten Werkzeuge für ihre Basis- und Sprachmodelle wie Claude oder ChatGPT herausgebracht haben, scheint klar, dass bislang komplizierte Software- und Datenarbeiten sich radikal vereinfachen und quasi von jedermann ausführen lassen.
Geschäftsmodelle werden kritisch beäugt
Mit dem sogenannten „Vibe-Coding“ lassen sich faktisch im Handumdrehen und ohne das Beherrschen einer Programmiersprache eigene Programme erstellen, Webseiten entwerfen oder Internetauftritte organisieren. Das trifft vor allem kleinere IT- und Softwarehäuser, die ihren Kunden bislang passgenaue und maßgeschneiderte Software für spezielle Aufgaben wie Bildbearbeitungen, Datenauswertungen oder Kundenwerbung lieferten. Hier verschiebe sich gerade einiges, erklärt Rishi Jaluria von RBC Capital.
Seit einiger Zeit blicken Investoren und Analysten kritisch auf die Geschäftsmodelle etablierter Softwarehäuser. Bislang war die Branche nicht nur mit Gewinn- und Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich gesegnet, nun scheint sie mit dem Aufkommen der KI-Systeme und der damit einhergehenden deutlichen Vereinfachung der Programmierung von Computern in die Defensive zu geraten. So verlor der breit gefasste S&P North American Technology Software Index seit Jahresbeginn zwölf Prozent an Wert.
So haben sich binnen Jahresfrist die Kurse von Softwarehäusern wie Adobe, Service Now und Salesoforce in etwa halbiert. Dabei scheinen sie fest auf beiden Füßen zu stehen. Die Erlöse wuchsen in den letzten Quartalen, die Überschüsse stiegen, die Mittelzuflüsse waren solide. Die Aktie von Adobe wird derzeit mit dem Siebzehnfachen des Gewinns bewertet. Das Papier von Salesforce hat ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 26 – und da scheint noch Luft nach unten zu sein. „In diesem Jahr entscheidet sich, ob Unternehmen zu den KI-Gewinnern oder -Opfern gehören, und die wichtigste Fähigkeit wird sein, die Verlierer zu vermeiden“, sagte Stephen Yiu, CIO des Blue Whale Growth Fund. „Solange sich der Staub nicht gelegt hat, ist es gefährlich, sich der KI in den Weg zu stellen.“
Source: faz.net