New-Start-Vertrag: Was passiert, wenn welcher Abrüstungsvertrag New Start ausläuft?

Am 5. Februar läuft der New-Start-Vertrag zwischen den USA und Russland endgültig aus. Das Abkommen setzt den nuklearen Arsenalen der beiden wichtigsten Atommächte Grenzen und schließt damit an die Verträge Start I und Start II an, die in die Siebzigerjahre zurückreichen. New Start ist der letzte noch aktive Vertrag zur Atomwaffenkontrolle zwischen den beiden Ländern: Läuft er aus, wird es erstmals seit mehr als 40 Jahren keinen Vertrag geben, der Russland und den USA Grenzen für den Umfang ihrer Atomstreitkräfte setzt. Antworten auf die wichtigsten Fragen

Was ist New Start?

New Start ist ein Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland. Das Abkommen wurde im April 2010 von den damaligen Staatschefs Barack Obama und Dmitri Medwedew unterzeichnet. In dem Vertrag verpflichteten sich beide Länder, eine von ihnen festgelegte Obergrenze für die Zahl einsatzbereiter Atomsprengköpfe sowie der Trägersysteme – also beispielsweise ballistischer Raketen und Langstreckenbomber – einzuhalten. 

Das Abkommen trat 2011 in Kraft, zunächst für zehn Jahre. Es setzte damals die Bemühungen fort, eine unbegrenzte nukleare Aufrüstung Russlands und der USA zu verhindern, und steht somit in einer Reihe mit den Rüstungskontrollabkommen aus der Zeit des Kalten Krieges: Ähnliche Verträge wurden ab 1972 unterzeichnet, etwa das ABM-Abkommen zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen und die Salt-Verträge, die die Zahl von atomwaffenfähigen Raketen beschränkten. New Start ist dabei der Nachfolger der unter dem Namen Start (Strategic Arms Reduction Treaty, Vertrag zur Reduzierung strategischer Waffen) bekannten Verträge aus den Neunzigerjahren. 

Die Vereinbarung von New Start fiel in eine Phase des sogenannten Neustarts der Beziehungen zwischen Russland und den USA: Der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew galt als Reformer, US-Präsident Obama wollte seinerseits mit der interventionistischen Außenpolitik seines republikanischen Vorgängers George W. Bush brechen. Der Vertrag sollte nicht nur die nuklearen Arsenale Russlands und der USA begrenzen, sondern mit den vereinbarten Überwachungsmechanismen, etwa Inspektionen der jeweiligen Gegenseite vor Ort, Transparenz und Vertrauen schaffen. 


New-Start-Vertrag: Die damaligen Staatschefs Barack Obama und Dmitri Medwedew unterzeichnen am 8. April 2010 in Prag den New-Start-Vertrag.

Die damaligen Staatschefs Barack Obama und Dmitri Medwedew unterzeichnen am 8. April 2010 in Prag den New-Start-Vertrag.

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Welche Grenzen legt New Start fest?

Im New-Start-Vertrag verpflichteten sich Russland und die USA, jeweils nicht mehr als 1.550 einsatzbereite nukleare Sprengköpfe zu besitzen. Zudem wurde die Zahl der Trägersysteme auf jeweils 700 begrenzt, die Zahl der Abschussvorrichtungen für atomwaffenfähige Raketen auf 800. 

2010, ein Jahr vor dem Inkrafttreten von New Start, besaßen die USA 2.200 und Russland mehr als 2.800 unmittelbar einsatzbereite Atomsprengköpfe. Das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri, dessen Angaben häufig zitiert werden, nannte damals vor allem auf russischer Seite deutlich höhere Zahlen – unter anderem, weil es auch Sprengköpfe, die innerhalb kurzer Zeit einsatzbereit gemacht werden können, mitzählt. Zudem wurden im Vertrag bestimmte Vereinfachungen vorgenommen: So wurde festgelegt, dass ein atomwaffenfähiger Bomber lediglich als Träger eines Sprengkopfs gilt, auch wenn er theoretisch mehrere einzelne Bomben mit je einem Sprengkopf tragen kann.

Zusammen kontrollierten die USA und Russland damit fast 95 Prozent aller einsatzbereiten Atomsprengköpfe weltweit. Die neuen Ziele lagen 30 Prozent unter dem Wert, der 2002 im Sort-Vertrag (Strategic Offensive Reductions Treaty, Vertrag zur Reduzierung strategischer Offensivwaffen) vereinbart wurde. Die im ursprünglichen Start-Vertrag 1991 festgelegte Obergrenze wird sogar um 74 Prozent unterschritten.

New Start bezog sich dabei ausschließlich auf strategische Systeme, also Waffen, mit denen die politischen, militärischen und industriellen Zentren des Gegners vernichtet werden können. Taktische Trägersysteme für Atomwaffen, wie etwa Kampfjets mit ihrer vergleichsweise kurzen Reichweite, blieben unberührt. Die Zahl eingelagerter, also nicht unmittelbar einsatzbereiter Raketen, wurde ebenfalls nicht begrenzt.

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Haben sich die USA und Russland an den Vertrag gehalten?

Die im Vertrag gesetzten Obergrenzen mussten innerhalb von sieben Jahren, also bis 2018, unterschritten werden. Das wurde erreicht: Anfang 2018 lagen sowohl Russland als auch die USA unterhalb der Grenzwerte. Das Sipri-Institut nannte damals die Zahl von 1.750 Sprengköpfen aufseiten der USA und 1.600 aufseiten Russlands. Auch unter Einbeziehung nur mittelbar einsatzfähiger Sprengköpfe wurden die Arsenale demnach also deutlich reduziert. 

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Wurde der Vertrag schon einmal verlängert?

Ursprünglich sollte New Start für zehn Jahre, also bis 2021, gelten. Im Januar 2017 schlug Russlands Staatschef Wladimir Putin dem damals frisch ins Amt eingeführten US-Präsidenten Donald Trump in ihrem ersten offiziellen Telefonat eine Verlängerung von New Start vor. Trump ging auf den Vorschlag nicht ein und soll den Vertrag Berichten zufolge als „schlechten Deal“ für die USA bezeichnet haben. 

Ein Grund dafür könnten unterschiedliche Abrüstungsraten für die beiden Vertragsparteien sein: Je nach Zählweise und Definition besaß Russland schon vor Inkrafttreten des Vertrags deutlich weniger unmittelbar einsatzbereite Sprengköpfe und Trägersysteme als die Vereinigten Staaten – was New Start aus US-Sicht zu einem Vertrag macht, in dem sich vor allem die USA zur Abrüstung verpflichtet haben.

Während Trumps erster Amtszeit sprachen die beiden Länder immer wieder über eine Verlängerung und brachten dafür zeitweise neue Bedingungen ins Spiel, von denen sie später wieder Abstand nahmen. Trumps Nachfolger Joe Biden einigte sich schlussendlich wenige Tage nach seiner Amtseinführung mit Putin auf eine Verlängerung um fünf Jahre. Damit läuft der Vertrag am 5. Februar 2026 aus. Anders als die Start-Verträge, die 2009 ausliefen und von New Start beerbt wurden, gibt es kein Abkommen, das New Start ablösen würde. 

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Warum ließ Russland seine Verpflichtungen ruhen?

Die Kontakte zwischen den USA und Russland zur Überwachung der Abrüstung wurden 2020 mit der Coronapandemie reduziert: Damals kamen die gegenseitigen Vor-Ort-Inspektionen zum Erliegen. Die US-russischen Beziehungen verschlechterten sich nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine, wozu auch die russische Androhung eines Einsatzes von Atomwaffen im Kontext des Krieges beitrug. 

Im Februar 2023 verkündete Putin schließlich, dass Russland seine Beteiligung an dem Vertrag suspendiert und begründete das mit der militärischen Unterstützung der Ukraine durch die USA. Seitdem sind Inspektionen vor Ort grundsätzlich nicht möglich und beide Atommächte auf die Erkenntnisse ihrer Geheimdienste über das Arsenal des anderen angewiesen. Keines der beiden Länder hat jedoch dem anderen vorgeworfen, die Obergrenzen überschritten zu haben.

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Kann der Vertrag noch verlängert werden?

Der ursprüngliche Vertragstext sieht nur eine einmalige Verlängerung vor, die Biden 2021 vollzogen hatte. Formell müsste New Start also durch ein neues Abkommen abgelöst werden. 

Putin schlug im September 2025 kurz nach seinem Treffen mit Trump in Alaska dennoch vor, das New-Start-Abkommen informell um ein Jahr zu verlängern. Trump bezeichnete den Vorstoß als „gute Idee“, umgesetzt wurde sie jedoch nicht. 

An diesem Dienstag, zwei Tage vor Auslaufen des Abkommens, erneuerte Putins Sprecher Dmitri Peskow den Vorschlag einer kurzfristigen Verlängerung: „In ein paar Tagen wird die Welt wohl in einer gefährlicheren Lage sein, als sie es bisher war“, warnte Peskow. 

Zugleich signalisierte Russland, dass es sich auf ein ersatzloses Auslaufen des Vertrags vorbereite. „Das Fehlen einer Antwort ist auch eine Antwort“, sagte etwa Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Russland sei bereit für eine „neue Realität“ in einer Welt ohne Rüstungskontrollgrenzen. So verwies Rjabkow auf die nuklearen Modernisierungsprogramme Russlands, die weit fortgeschritten seien. 

Eine kurzfristige Verlängerung ist dennoch bis zuletzt möglich. Dafür müssten sich Trump und Putin einigen. In den USA ist Putins Vorschlag umstritten: Befürworter einer Verlängerung verweisen darauf, dass ein Wettrüsten dadurch mindestens verschoben werden könnte. Gegner argumentieren, die USA würden so Schwäche zeigen, weil sie damit ihre Forderung nach einer grundsätzlichen Neuauflage der weltweiten Rüstungskontrolle fallen lassen würden.

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Was steht einer Verlängerung im Weg – und welche Rolle spielt China?

Seit dem Inkrafttreten des Abkommens 2011 haben beide Vertragsparteien technologische Fortschritte gemacht: So arbeiten etwa sowohl Russland als auch die USA an Hyperschallwaffen; lenkbaren Marschflugkörpern, die mit zehnfacher (oder noch höherer) Schallgeschwindigkeit fliegen und potenziell nuklear bewaffnet werden können. Solche Waffen sind von New Start nicht abgedeckt, da sie zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung nicht existierten.


New-Start-Vertrag: Test des neuartigen russischen Hyperschallflugkörpers Awangard im Juli 2018

Test des neuartigen russischen Hyperschallflugkörpers Awangard im Juli 2018

Vor allem Russland arbeitet an mehreren Systemen, die eine Übertragung der in New Start festgelegten Kategorien in einen neuen Vertrag erschweren. Das betrifft etwa den nuklear angetriebenen Marschflugkörper Burewestnik, der derzeit erprobt wird, und die Hyperschallwaffe Awangard. Beide Systeme hatte Putin 2018 vorgestellt: Sie sollten dazu beitragen, die strategischen Streitkräfte Russlands grundlegend neu aufzustellen. Inwiefern sie inzwischen einsatzbereit sind, ist umstritten.

Trump hatte bereits in seiner ersten Amtszeit die später von Biden vorgenommene Verlängerung um fünf Jahre abgelehnt. Grund dafür ist vor allem die Forderung des damaligen und heutigen US-Präsidenten, auch China in die atomare Abrüstung einzubeziehen. So forderten die USA bereits 2019 einen neuen Vertrag, der „Russland und China“ sowie „alle Waffen, alle Sprengköpfe, alle Raketen“ einbeziehen müsse. China lehnte 2019 ab, sich einem Rüstungskontrollvertrag zu unterwerfen und ist bis heute bei dieser Haltung geblieben.


New-Start-Vertrag: Die chinesische Interkontinentalrakete Dongfeng-5C bei einer Militärparade im September 2025 in Peking

Die chinesische Interkontinentalrakete Dongfeng-5C bei einer Militärparade im September 2025 in Peking

Die Rolle Chinas ist auch jetzt zentral – nicht nur aus Trumps Sicht. So warnte bereits 2023 eine überparteiliche Kommission des US-Kongresses, dass die USA sich darauf einstellen müssten, in Zukunft nicht nur Russland, sondern auch China und somit erstmals zwei ebenbürtige Atommächte abschrecken zu müssen. Kritiker von New Start bemängeln daher, die in dem Vertrag festgelegten Obergrenzen hinderten die USA daran, Parität mit China und Russland zugleich zu erreichen. 

Grund für die Besorgnis ist das wachsende Atomarsenal Chinas. China besitzt seit 1964 Atomwaffen. Neben den USA und Russland ist es das einzige Land, das über die sogenannte nukleare Triade verfügt, also land-, see- und luftgestützte Atomwaffen. Weltweit einzigartig ist das Tempo, in dem China seine Atomstreitkräfte ausbaut: Besaß das Land 2010 laut Schätzungen 240 bis 260 nukleare Sprengköpfe, waren es 2020 bereits mehr als 300 und 2025 etwa 600. Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums könnte China bis 2035 zwischen 750 und 1.500 Atomsprengköpfe besitzen – und so mit Russland und den USA gleichziehen. 

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Welche Folgen hätte ein Ende des Vertrags?

Ohne ein Nachfolgeabkommen könnten sowohl Russland als auch die USA ihre Bestände an Sprengköpfen und Trägersystemen theoretisch unbegrenzt aufstocken, da deren Zahl erstmals seit mehr als 40 Jahren nicht mehr von einem bindenden Vertrag gedeckelt wäre. Da die Instandhaltung von Atomwaffen technisch aufwendig ist, erwarten Experten, dass sich spürbare Veränderungen erst nach etwa einem Jahr einstellen.

Die Aufrüstung selbst könnte dabei signifikant ausfallen: Beide Länder halten sich zwar hinsichtlich der Obergrenze für unmittelbar einsetzbare Sprengköpfe an die Vorgaben von New Start, haben aber auch Tausende Sprengköpfe eingelagert. Laut dem US-Thinktank Federation of American Scientists (FAS) können Russland und die USA ihre Arsenale innerhalb kurzer Zeit nahezu verdoppeln: Die USA könnten demnach bis zu 3.570 Sprengköpfe kurzfristig in Dienst stellen, Russland mehr als 2.600. 

„Das könnte Reaktionen in anderen atomar bewaffneten Staaten auslösen, von denen einige ebenfalls beschließen könnten, ihre Atomstreitkräfte auszubauen und die Rolle, die sie in ihren militärischen Strategien spielen, zu erhöhen“, warnt der Thinktank FAS. Es sei „zunehmend klar“, dass China mit seinem Arsenal unzufrieden sei und sich an das Niveau Russlands und der USA anpassen wolle. Langfristig droht ein unreguliertes Wettrüsten. Die USA könnten versuchen, ihr Arsenal auf ein Niveau mit den kombinierten Beständen Russlands und Chinas zu bringen. Russland würde dann wiederum mit den USA gleichziehen wollen.

Dadurch würde sich die bereits Jahrzehnte anhaltende Reduzierung der Atomarsenale umkehren. Die Zahl von Atomwaffen weltweit würde erstmals seit den Achtzigerjahren wieder wachsen: Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges verfügten die Atommächte mit knapp 70.000 über fast sechsmal mehr Sprengköpfe als heute.

Scheitert die atomare Rüstungskontrolle, hätte das zudem eine weitere Auswirkung, die schwer in Zahlen ausgedrückt werden kann: Gegenseitig bindende Abkommen schaffen Vertrauen zwischen den Vertragsparteien und sorgen, etwa durch gegenseitige Inspektionen vor Ort, für Transparenz. Entfällt der letzte Kontrollvertrag ersatzlos, könnte sich das Verhältnis zwischen den großen Atommächten weiter verschlechtern.

Mit Material der Nachrichtenagenturen AFP und Reuters

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