„Generation Deutschland“: Das sind die Köpfe hinter welcher neuen AfD-Jugend
Die neue Jugendorganisation der AfD knüpft an die aufgelöste „Junge Alternative“ (JA) an – personell wie inhaltlich. Auch eine Mäßigung ist aus Sicht der Bundesregierung nicht zu erkennen, wie das Innenministerium nun auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger mitteilte. Die JA war vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft worden.
Die „Generation Deutschland“ selbst bestreitet die Kontinuität nicht. Ihr Vorsitzender Jean-Pascal Hohm äußerte, von den Inhalten der JA wolle er nicht abrücken. Man werde die Überzeugungen nun disziplinierter vertreten, mit dem Ziel, die AfD zu stärken und ihr als „Kaderschmiede“ zu dienen. Um welche Überzeugungen geht es – und wer tritt für sie ein? Ein Blick in den Vorstand.
Jean-Pascal Hohm, Bundesvorsitzender
Der 1997 geborene Landtagsabgeordnete aus Cottbus ist eng vernetzt in der rechten Szene. Er wanderte mit der Identitären Bewegung (IB) und war bei einer Sitzblockade der IB vor der CDU-Zentrale in Berlin zu sehen. Für die IB liegt innerhalb der AfD eigentlich ein Unvereinbarkeitsbeschluss vor, da sie gesichert rechtsextrem ist.

Hohm zeigte sich auch im Shirt des rechtsextremen Vereins „1 Prozent“ oder mit Fußballfans, die den Hitlergruß machten, und hatte Kontakt zu einer neofaschistischen Bewegung in Italien. Bei Pegida verteidigte er die IB gegen den Vorwurf, rechtsextrem zu sein, mit den Worten: „Na und, wen interessiert’s?“ Mit Martin Sellner, dem früheren Kopf der IB, telefoniere er immer mal wieder, sagte er der „Bild“-Zeitung.
Hohm engagierte sich im rechtsextremen Verein „Zukunft Heimat“, bei dem auch Björn Höcke auftrat. Einem Bericht des „Spiegels“ zufolge bewarb er in den sozialen Medien vor einigen Jahren eine Neonaziband. Auf Facebook schrieb er: „Der Bevölkerungsaustausch ist kein ,rechtsradikales Narrativ‘, sondern bittere Realität.“ Hohm wird vom Verfassungsschutz als Rechtsextremist geführt und taucht auch im Gutachten zur AfD auf. 2019 musste er wegen seiner Verbindungen das Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten René Springer verlassen. Nun stören sie offenbar keinen mehr.
Jan Richard Behr, stellvertretender Vorsitzender
Gemäßigter will auch Behr nicht werden: „Deutschlands Jugend ist rechts, und wir sind stolz darauf“, das sei die Richtschnur, an der die „Generation Deutschland“ ihren künftigen Auftritt ausrichten werde, sagte er bei der Gründungsversammlung der Organisation Ende November in Gießen. In Rheinland-Pfalz ist er im Umfeld der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Burschenschaft Germania Halle zu Mainz unterwegs. Gelernt hat er gemeinsam mit Sellner und alten JA-Größen wie Anna Leisten in einer Sommerakademie in Schnellroda bei dem Vordenker der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, das belegen Fotos.
Auf Instagram posierte Behr mit Höcke. Deutschlands Kapitulation am 8. Mai 1945 nannte er im Internet einen „Tag der Niederlage“. Außerdem ist Behr eng mit der IB vernetzt und versteckt dies auch nicht. Es gebe zwar eine „institutionelle Trennung“, aber keinen „Grund, sich von den Vorfeldorganisationen zu distanzieren“, sagte er in einem Interview.
Patrick Heinz, stellvertretender Vorsitzender
Heinz ist Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, der sich – eigenen Angaben zufolge ironisch – das „freundliche Gesicht des NS“ genannt hat, und pflegt ebenfalls Verbindungen zur IB; er wanderte etwa mit einer IB-Gruppe. Dem „Spiegel“ sagte Heinz, rechte Politik heiße, „dass man sich zu seinen Ahnen bekennt“. Mit seinem Kurs setzte er sich bei der Gründungsversammlung gegen den Kandidaten des gemäßigteren Lagers in NRW durch.
In seiner Rede sprach Heinz davon, Gewalt an Schulen sei das Problem von „Mohammed“, der in den Pausen Butterfly-Messer zücke und deutsche Schüler verprügele. Diese Formulierung nutze er absichtlich, sagte Heinz: „Dann sind wir intolerant und werden intolerant bleiben!“ Der „Bild“-Zeitung sagte er, er wolle die Geisteshaltung der JA in verbesserten Strukturen aufleben lassen.
Adrian Maxhuni, stellvertretender Vorsitzender
Das Vorstandsmitglied hat angekündigt, schnell regionale Strukturen für die „Generation Deutschland“ schaffen zu wollen: Kreisverbände, „wo so viele junge Menschen bereits auf uns warten“, aber auch Schulungszentren, um der Mutterpartei neue Kader zuzuführen. Laut „Spiegel“ veranstaltete Maxhuni 2023 eine Tagung, auf der ein früherer NPD-Mann als Redner auftrat. Maxhuni bestreitet dies. Politisch aktiv in vorderer Reihe ist er schon länger: Bis zur Auflösung der JA war er Vorsitzender der Jugendorganisation in Niedersachsen.
Eine Recherche der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ dokumentiert, was Maxhunis Landesverband in seiner Zeit als Vorsitzender veröffentlichte: Zum Thema Gewalt in Freibädern hieß es auf der inzwischen gelöschten Website der JA Niedersachsen, „wer zur Mustererkennung fähig ist, weiß längst, dass für diese Zustände mehrheitlich Migranten mit orientalischer oder afrikanischer Herkunft verantwortlich“ seien. Als „kurzfristige Lösung“ wird über den konsequenten „Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen“ aus Freibädern fabuliert, auch wenn ein solches Vorgehen „natürlich böse Erinnerungen an Apartheidsstaaten“ wachrufe.
Alexander Claus, Beisitzer
Keinen Abstand zur JA will Alexander Claus aus Weimar einnehmen. „Es gibt grundsätzlich keinen Grund, sich von den Inhalten der Jungen Alternative zu distanzieren“, sagte er dem MDR. Neu sei, dass man jetzt weniger aktivistisch und stärker programmatisch auftrete.
2024 schrieb Claus auf der Plattform X: „Für die Väter des GG war es eine Selbstverständlichkeit, dass die BRD ein Staat der Deutschen sein soll. Verfassungsfeinde sind die, die das GG ohne Volksabstimmung uminterpretieren und aus Deutschland Multikulti-Land machen. #Staatsbürgerschaftsrecht“. Der Beitrag brachte ihm eine Erwähnung im Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD ein, auf dessen Basis das Bundesamt die Partei als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft hatte.
Gegen Claus war in Gießen bei der Vorstandswahl Alexander Eichwald angetreten, der für seine an Hitler erinnernde Rede mit rollendem „R“ und Sätze wie „Es ist und bleibt unsere nationale Pflicht, die deutsche Kultur vor Fremdeinflüssen zu schützen“ zwar Kritik aus dem Saal, aber immerhin auch zwölf Prozent der Stimmen bekam.

Kevin Dorow, Beisitzer
Weil er auf der Gründungsversammlung der „Generation Deutschland“ einen Leitsatz, den auch die Hitlerjugend nutzte, zum „Leitstern“ der eigenen Organisation erhob, ist der Burschenschafter aus Norddeutschland in die Schlagzeilen geraten. Dorow steht für eine enge Vernetzung mit dem sogenannten Vorfeld, also rechten bis rechtsextremen Organisationen wie der IB und Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda. „Wir distanzieren uns nicht: nicht vom sogenannten Vorfeld, nicht von denjenigen, die außerhalb der etablierten Parteistrukturen für dieselben Ziele kämpfen wie wir“, äußerte er in Gießen und warb dafür, die Grenzen des Sagbaren weiter zu verschieben.
Er ist ein Befürworter von „Remigration“, offenbar auch von Deutschen – auf Instagram sagte er in einem Video: „Die Herkunft, die liegt nicht im Pass. Die liegt in der Seele.“ In den „Burschenschaftlichen Blättern“ beklagte er in einem Beitrag den „schmalen Korridor“ durch die „orchestrierte Erinnerungskultur“ und forderte, die „Grundlagen“ des „staatlichen Systems“ infrage zu stellen.
Wendelin Nepomuk Fessl, Beisitzer
Er ist der einzige Österreicher im Vorstand der „Generation Deutschland“. Wendelin Nepomuk Fessl, ein Burschenschafter aus Wien, war auch schon Vorsitzender der JA Mecklenburg-Vorpommern. Er arbeitet für den AfD-Bundestagsabgeordneten Dario Seifert, der bis vor rund zehn Jahren Mitglied der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD war.
Reinhild Goes, stellvertretende Schatzmeisterin
Eine von zwei Frauen im Vorstand der „Generation Deutschland“ ist Reinhild Goes. Sie posiert auf Instagram nicht nur im Dirndl, sondern zeigt sich dort auch manchmal mit Menschen, die sie lieber verpixelt. Das ist in der Szene unter anderem üblich, wenn etwa vom Verfassungsschutz beobachtete Besucher wie Martin Sellner mit auf dem Bild sind. Wer zu erkennen ist: Shaleen Fuller von der AfD Hildesheim, die auf ihrem eigenen Kanal „All I want for Christmas is – Remigration“ postete. Goes selbst veröffentlichte auf ihrem Instagram-Account auch schon eine Journalisten-Anfrage und bezeichnete einen langjährigen Redakteur des „Göttinger Tagblatts“ als „linken Influencer“, der Journalist „spielt“.
Julia Gehrckens, Beisitzerin
Mit ihrer Gießener Rede hat Julia Gehrckens sich überraschend als Beisitzerin im Vorstand durchgesetzt. „Wir lassen uns unsere naturgegebene Identität und unseren Stolz nicht durch geisteskranke und bösartige Ideologien von Feminismus und Wokeness nehmen“, rief sie in den Saal und erntete massiven Applaus, als sie postulierte: „Nur millionenfache Remigration schützt unsere Frauen und Kinder“. Den eigentlich vorgesehenen Kandidaten aus Baden-Württemberg stach sie damit aus.

Aktiv ist Gehrckens in der AfD seit 2022, zudem ist sie Teil von „Lukreta“, einer Frauenorganisation aus dem Spektrum der IB. Die Gruppe setzt sich für „traditionelle Familienwerte und die zentrale Rolle der Frau als liebevolle Mutter“ ein. Geworben wird mit Sprüchen wie „Kochen – Backen – Frauenrechte“ oder „Widerstand am Herd“.
Cedric Krippner, Beisitzer
Seine Nähe zur IB zeigt auch Cedric Krippner ganz offen: Auf Instagram postete er ein Foto von sich mit einem Lebkuchenherz, auf dem „Mehr IB wagen“ steht. Das Ziel der „millionenfachen Remigration“ verfolgt er ebenso freimütig: Auf seiner Rede in Gießen forderte er dies; wie dieses Vorhaben mit dem offiziell von der AfD propagierten Remigrationsbegriff zusammengehen soll, der nur ausreisepflichtige Menschen und keine deutschen Staatsbürger mit Migrationshintergrund umfassen soll, blieb offen. Das Vokabular der AfD hat der Jungpolitiker aus Nordrhein-Westfalen außerdem parat: In einem Video sprach er am Tag der Deutschen Einheit von den Regierungsparteien als „Kartellparteien“. Zugleich ist er in Kontakt mit Personen aus dem Umfeld der islamfeindlichen Bürgerbewegung Pax Europa, mit denen er in Youtube-Videos auftrat.
Nafiur Rahman, Beisitzer
Für Nafiur Rahman steht „Patriotismus an erster Stelle“, so sagte er es dem Hessischen Rundfunk. Der 27 Jahre alte Rahman stammt aus Bangladesch und arbeitet für den AfD-Bundestagsabgeordneten Pierre Lamely. Seine Eltern teilten seine politische Meinung nicht, äußerte Rahman. Bisher ist er jedoch eher ein unbeschriebenes Blatt, er betreibt erst seit Kurzem Social-Media-Kanäle und ist nicht durch Äußerungen aufgefallen. Recherchen des HR zufolge gehört er offenbar jedoch zum Netzwerk von Jan Nolte. Der wiederum taucht auch im Gutachten des Verfassungsschutzes auf: Er findet zum Beispiel, dass vor allem Menschen zuwandern, „die tendenziell viel Gewaltaffiner (sic!) sind, als der autochthone Deutsche“.
Florian Ruß, Beisitzer
Schon öfter aufgefallen ist dagegen Florian Ruß. Zweifelhafte Berühmtheit brachte ihm sein Post mit dem Titel „Schiffe versenken“ ein, den er in den sozialen Medien zum Thema Seenotrettung verfasste, als er noch Mitglied der JA war. Er behauptete später gegenüber der „Mitteldeutschen Zeitung“, er wolle damit nur verhindern, dass sich Migranten auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machten. Er posierte auf einem Bild jedoch auch mit Waffe und verfasste andere Beiträge wie „Invasoren abwehren“ und „Festung Europa jetzt!“; damit lieferte er dem Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt einen der Belege, warum es die dortige JA als gesichert rechtsextrem einstufte.
Studiert hat Ruß in Halle, wo er Kontakte zur IB knüpfte. Er kandidierte dort für die „Campus Alternative“, die mit dem Haus der IB in Verbindung stand. Für den rechtsextremen Verein „1 Prozent“ verteilte er Flyer. Der „Mitteldeutschen Zeitung“ sagte er offen: „Für mich sind Politik und Vorfeld Zahnräder, die ineinandergreifen, damit wir unsere positive Vision am Ende gemeinsam zum Erfolg bringen.“ Welche Visionen er sonst noch teilt? Laut Recherchen des „Spiegels“ markierte er Beiträge des früheren NPD-Chefs mit „Gefällt mir“; 2022 half er Frank Pasemann im Wahlkampf, der zuvor wegen Antisemitismus aus der AfD ausgeschlossen worden war.
Lennard Scharpe, Schatzmeister
Der Stadtrat aus Bautzen wurde als einer von wenigen Ostdeutschen in den Vorstand gewählt. Lennard Scharpe befürwortet wie seine Kollegen die enge Verflechtung mit dem Vorfeld, so wie es schon die JA gelebt habe. Denn man sei sich bewusst, „dass nicht alles in den Parlamenten stattfindet, sondern dass es auch darüber hinaus ein gesellschaftliches, politisches Vorfeld gibt, mit dem es wichtig ist, sich auszutauschen, weil auch Medien, Influencer, Künstler, Verleger und viele mehr die Gesellschaft prägen“, sagte er dem MDR. Dass dazu für ihn auch die IB gehört, bekundete er öfter an anderer Stelle.
Der „Sächsischen Zeitung“ sagte er zum Beispiel, die AfD sollte „Ideen der Identitären Bewegung“ übernehmen, deren Arbeit sei „wertvoll“. Scharpe besuchte außerdem Sommerakademien von Kubitschek in Schnellroda und pflegt engen Kontakt zu Benedikt Kaiser, der die AfD als „Alternative zum falschen Ganzen“ positionieren will für das „Fernziel“ eines „anderen Deutschlands“, vernetzt mit rechtsextremen Parteien in der Tschechischen Republik, Polen, Ungarn und der Schweiz. International vernetzt ist auch Scharpe selbst: 2019 nahm er an einem Fackelmarsch von Identitären in Wien teil.
Helmut Strauf, Beisitzer
Der Volkswirtschaftsstudent Helmut Strauf, Mitglied in einer schlagenden Burschenschaft aus Bayern, war früher schon in der JA aktiv. In Gießen forderte er: „Wir müssen abschieben, abschieben, abschieben, bis Deutschland wieder Heimat wird“, und bekam dafür tosenden Applaus. Migrantengewalt sei nur möglich, weil sich Deutschland erpressen lasse, ein Vielvölkerstaat zu werden – das könne nur mit „millionenfacher Remigration verhindert werden“. Auf der Plattform X schrieb er zur Frage von Staatsbürgerschaft und Volksbegriff: „Das Deutschland von morgen muss sich nicht der Legislatur von heute ergeben.“ Damit könnte auch das Grundgesetz gemeint sein.
Christopher Wiedenhaupt, Schriftführer
Der Berliner Jungpolitiker bespielt seine Social-Media-Kanäle noch nicht sehr lange. Nach dem Attentat auf den amerikanischen Rechtsradikalen Charlie Kirk rief Wiedenhaupt auf Instagram zur Solidarität auf, im September folgte ein Video vom „Sturmfest“ der „Jungen AfD Niedersachsen“. Vernetzt ist Wiedenhaupt schon länger in der AfD: Sein Vater Rolf ist Vorsitzender eines Berliner AfD-Bezirksverbands, und Christopher Wiedenhaupt selbst war in der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Berliner JA als Schatzmeister aktiv.
Source: faz.net