Rita Süssmuth: Ihr Motor war Gerechtigkeit
Sie vermittelte das Gefühl, die Zeit laufe ihr davon. Nicht erst in
diesen letzten Jahren, als die Krankheit sich meldete, der Krebs. Die Ungeduld trieb Rita
Süssmuth an, seit sie denken konnte, so hat sie es Ende Mai 2024 erzählt im
Esszimmer des Bungalows in Neuss-Süd, wo sie wohnte. Eine Selbstbeschreibung,
die ja auch stimmte: Rita Süssmuth war keine, die sich mit Verhältnissen
arrangierte, in Komfortzonen einrichtete, im Ruhestand auf der Couch dämmerte. Sie
brachte lieber Dinge in Bewegung, preschte auch vor: als CDU-Mitglied; als
Quereinsteigerin im Politikbetrieb; als erste Frauenministerin der Bundesrepublik;
als Gründerin der Aids-Stiftung; als Bundestagspräsidentin; als Autorin von
Büchern mit Titeln wie „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen.“
Auch
als schon 87 Jahre alte Festrednerin zum Tag der Deutschen Einheit am 3.
Oktober 2024 in der Frankfurter Paulskirche, einem ihrer letzten großen
Auftritte, – auch da war Süssmuths Rastlosigkeit zu erleben: „Demokratie ist
nicht gottgegeben“, drängelte sie.
Da
hatte Donald Trump die Wahl in den USA noch nicht wieder gewonnen, da hatte er
die demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten noch nicht attackiert,
war Kanada und den Europäern noch nicht in den Rücken gefallen, hatte Grönland
noch nicht mit Übernahme gedroht, hatte noch keine ICE-Agenten in die Stadt
Minneapolis geschickt, der Welt mit der Angst vor Krieg und anderen
Katastrophen noch nicht den Schlaf geraubt. Aber Rita Süssmuth stand schon Monate
vorher am deutschen Nationalfeiertag 2024 in der Paulskirche und sagte laut ins
Mikrofon, dass es in bestimmten Momenten Klarheit und Entschlossenheit brauche.
Sie erinnerte, dass es der Mut der Menschen gewesen sei, der 1989 die Wende
herbeigeführt habe. Süssmuth mahnte: „Wenn wir jetzt zwischen nationalistischem
und europäischem Denken herumhampeln, dann haben wir nicht verstanden, was das
wert war.“
Sätze, die unverblümt waren und die einen Auftrag mitbringen, die konnte sie gut. Vor allem von sich
selbst verlangte Rita Süssmuth, diese Aufgaben erfüllen zu müssen. Wer in ihr
Leben schaut, sieht eine Lokomotive, die hinaufschiebt, hinausmuss, vorwärts,
ohne Pause. Leicht war es nicht. Den Mut dafür hat Rita Süssmuth sich selbst
beigebracht.
Als die Mutter krank ist, schultern Rita und ihre Schwestern Verantwortung
Das geht schon in der
Kindheit los: 1937 in Wuppertal geboren, das zweite von insgesamt fünf Kindern,
Vater Rektor einer Volksschule, Mutter im elterlichen Uhren- und
Schmuckgeschäft, alle katholisch. Der Vater wird 1939 zur Wehrmacht eingezogen.
Als er im Herbst 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt, ist
seine Frau seit Monaten schwer an Typhus erkrankt. Die Kinder werden von
Nachbarn versorgt. Später, als die Mutter wieder
schwer krank im Bett liegt, sind es die drei Töchter, die sich kümmern, den
Haushalt übernehmen. Wahrscheinlich hat Rita Süssmuth irgendwann da begonnen,
die aufgeladene Verantwortung als eine Art Aufforderung zu verstehen.
Diese besondere Form von Ehrgeiz
begleitete sie jedenfalls seither. Nach dem Abitur will sie zuerst Lehrerin
werden, gibt nebenher Nachhilfe, jobbt in einer
Fabrik, geht als Au-pair nach Paris, liest Jean-Paul Sartre. Sie startet eine Unikarriere, schreibt ihre
Dissertation, heiratet den jungen Mann, den sie ein paar Jahre vorher bei einer
Abifeier kennengelernt hat und der jetzt Referendar ist: Hans Süssmuth. Die Tochter
kommt zur Welt. Und wie herausfordernd es sein kann, ein Kleinkind großzuziehen,
wenn beide einer Hochschultätigkeit nachgehen, hat Rita Süssmuth da gelernt, so
erzählte sie das später. Eine Erfahrung, die sie mitgenommen hat auf ihren Weg.
Man
kann sagen: Der Zug war aufs Gleis gesetzt. Süssmuth arbeitete schon als
Professorin für Erziehungswissenschaft an der Uni Dortmund und Direktorin des
Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft und Vizepräsidentin des
Familienbundes der Deutschen Katholiken, als plötzlich der Anruf aus dem
Kanzleramt kam. Süssmuth hatte nicht damit gerechnet.