Sartorius-Chef Grosse: „Was jetzt in dieser Pipeline ist, dies regt die Phantasie an“

Wenn ein Manager ein Unternehmen mehr als zwei Jahrzehnte lang erfolgreich geführt hat und dann aus Altersgründen geht, hat es der Nachfolger schwer. Es liegt nahe, ihn mit seinem Vorgänger zu vergleichen. Macht er weiter wie bisher, heißt es: Dem fehlt es an frischen Ideen. Ändert er die Strategie, ist Gegenwind zu erwarten.
Michael Grosse hat im vergangenen Jahr Joachim Kreuzburg an der Spitze von Sartorius abgelöst. Kreuzburg arbeitete zweiundzwanzigeinhalb Jahre lang als Vorstandsvorsitzender des Pharma- und Laborausrüsters – eine halbe Ewigkeit in der schnelllebigen Wirtschaftswelt. In seiner Amtszeit vervierfachte sich die Zahl der Mitarbeiter, der Umsatz stieg um das Siebenfache, der Gewinn um das 26-fache.
2010 war eine Sartorius-Aktie für weniger als fünf Euro zu haben. Zu Spitzenzeiten 2021 kostete sie mehr als 600 Euro, aktuell notiert sie bei rund 260 Euro. Kreuzburgs Erfolgsbilanz „sucht nicht nur in Deutschland ihresgleichen“, pries Aufsichtsratschef Lothar Kappich vergangenes Jahr den Ausscheidenden überschwänglich.
Schwindelerregende Höhen
Schwierig, sich nach solch breiten Fußstapfen mit dem eigenen Abdruck zu profilieren. Doch zuletzt musste auch der erfolgreiche Langzeitmanager Kreuzburg kämpfen. Die Corona-Pandemie hatte Sartorius in Regionen katapultiert, die ihm selbst nicht geheuer waren. Nachfolger Grosse analysiert heute: „Der Aktienkurs stieg damals in schwindelerregende Höhen. Jeder wusste, dass das so nicht weitergeht.“ Es habe dann lange gedauert, wieder zu einer neuen, nachhaltigen Basis zu gelangen. „Und die Ernüchterung war etwa so stark wie der Widerhall vorher.“
Das ist keine Kritik am Vorgänger. Das wäre auch gar nicht Grosses Art. Ganz im Gegenteil teilt er lieber aus, und zwar Lob. In den vergangenen Quartalen – also auch noch unter Kreuzburgs Ägide – habe Sartorius die Vorhersagen sehr konsequent eingehalten. „Wir haben gesagt, was wir tun, und getan, was wir sagen. Wir haben einfach abgeliefert. Ich glaube, diese Langweiligkeit wird sehr geschätzt.“
Wie auf Zolldrohungen reagieren?
Am Dienstag in einer Woche kann Grosse abermals beweisen, dass der Kurs wieder stimmt, wie er sagt – dann legt Sartorius seine Jahreszahlen vor. Dann zeigt sich, ob die „Langweiligkeit“ die Anleger überzeugt – ein Stichwort, über das Grosse selbst schmunzeln muss. Eher selten wird es im positiven Kontext verwendet. Der Sartorius-Chef nutzt es, aber umsichtig. Nicht für die eigene Person oder nicht für sein Unternehmen. Lieber zur Beschreibung seines Managementstils. Dabei ist auch der alles andere als gewöhnlich.
Denn heute müssen sich Firmenlenker mit einer unsicheren Welt arrangieren. Dabei gilt es, gut zu differenzieren, findet Grosse: „Die Kunst liegt in der Unterscheidung zwischen Strategie und Richtung und detaillierter Planung.“ Gerne spricht der Sartorius-Chef von einem „starken Flexibilitätsmuskel“: nämlich von einer Vision ausgehend, auch kurzfristige Anpassungen vornehmen zu können, ohne sich deshalb gleich vom Weg abbringen zu lassen. Bestes Anwendungsbeispiel: Trumps Zolldrohungen. „Generell gilt heute mehr denn je: Es ist nicht mehr der große Fisch, der den kleinen frisst, sondern der schnelle, der den langsamen frisst“, resümiert Grosse.
Stationen einer Karriere: BMW, Ford, Tetrapak
Mit dem gebürtigen Essener steht seit gut einem halben Jahr ein Mann an der Spitze von Sartorius, dessen Karriere von sehr unterschiedlichen Stationen geprägt war, mit sehr unterschiedlichen Kulturen. BMW in den 1990er-Jahren: „Hochgradig innovativ damals und eher hierarchisch geführt.“ Bei Ford wiederum hätten Herkunft, Ausbildung und Titel keine große Rolle gespielt und auch nicht die Dauer der Betriebszugehörigkeit, „sondern einfach nur deine Ergebnisse, also amerikanisch geprägt“.
Im skandinavisch geprägten Schweizer Verpackungsunternehmen Tetrapak, bekannt für seine Getränkekartons, für das Grosse 16 Jahre lang arbeitete, sei vor allem auf der Basis von Argumenten entschieden worden. „Da musste man sich immer wieder den Mitarbeitern und den Gewerkschaften gegenüber öffnen und erklären, wohin man eigentlich will. Dann wird diskutiert, vielleicht aus unserer Sicht sehr lange, aber mit dem großen Vorteil, dass man die Leute im Fall einer Entscheidung auch wirklich zu 100 Prozent an Bord hat.“
„Ich bin halt ein Du-Typ“
Mit diesem Vorgehen kann sich Grosse am meisten identifizieren. „Ich glaube, das entspricht auch meinem Führungsstil.“ Und so zog bei Sartorius das Du ein. „Ich bin halt ein Du-Typ, einfach weil ich viele Jahre im Ausland war.“ Grosse mag darin keinen Mangel an Respekt erkennen, sondern eine Einladung zu Diskussion und zu Nähe. „Wenn ich etwas wissen will und dieses Wissen hat die Anlagenführerin in der Produktion, dann gehe ich eben zu ihr und frage sie oder den Werkstudenten, den Ausbildenden oder den Servicetechniker.“
Übermäßig viel fragen muss der promovierte Maschinenbauingenieur nicht mehr. Auch wenn man glauben könnte, dass jemand mit langer Vergangenheit in der Automobil- und Verpackungsindustrie vom hoch spezialisierten Thema Pharma nicht viel versteht, ist Grosse keiner, der einfach mal so ins kalte Wasser springt.
Enorme Potentiale mit KI
Zum einen war er vor Sartorius als Chef des von Bosch ausgegliederten Prozessdienstleisters Syntegon schon nahe dran an der aktuellen Thematik. Dazu kommt: „Ich hab mir tatsächlich den Spaß gemacht, zur Vorbereitung noch einmal eineinhalb Semester Biochemie zu studieren. Einfach um die Terminologie gut nachvollziehen zu können. Es gibt deshalb kaum Diskussionen im Unternehmen, bei denen ich sagen muss, das verstehe ich nicht.“
Zumal sich viele Diskussionen auch bei Sartorius um das wirtschaftliche Topthema schlechthin drehen: Künstliche Intelligenz. Grosse erwartet, dass KI die Medizinbranche mit Riesenschritten voranbringt. „Sie verspricht enorme Potentiale, um im Vergleich zu heute Lichtjahre schneller von der Idee und der Entwicklung bis zum fertigen Arzneimittel zu kommen.“ Derzeit dauert es ein Jahrzehnt, bis ein Medikament tatsächlich auf den Markt kommt. Optimisten hoffen darauf, dass sich diese Zeit drastisch verkürzen lässt.
Eine völlig neue Größenordnung
Was aber ist realistisch? Die Entwicklungszeit zu halbieren, das wäre ein Durchbruch von völlig neuer Größenordnung, sagt Grosse, räumt jedoch ein: „Das ist momentan noch visionär.“ Ein großes Stück weiter sei man, wenn es mit KI und Analytik gelinge, Krankheitsbilder und den Einfluss von Medikamenten zu modellieren. „Damit erzeugen wir im Computer viel repräsentativere Daten als zum Beispiel mit Tierversuchen. Wenn wir damit dann irgendwann große Modelle haben, dann könnte die Entwicklungszeit für Arzneimittel möglicherweise von zehn Jahren auf zwei oder drei Jahre sinken.“ Bis dahin sei es noch ein langer Weg.
Aber Grosse verweist gerne auf die Vergangenheit: Vor 20 Jahren seien manche Therapien von heute noch undenkbar gewesen. „Was jetzt in der Pipeline ist, sowohl für seltene Krankheiten als auch für Krebs, Parkinson oder Alzheimer, das regt die Phantasie an.“
Die Freundin war Violinistin
Jenseits des Jobs lässt sich Grosse gerne von Kultur anregen. „Ich bin ein großer, großer Freund von klassischer Musik.“ Die Eltern waren Opernfans, und so besuchte er schon früh viele Konzerte. Dazu kam: „Ich habe auch lange eine Freundin gehabt, die Violinistin war.“ Die italienischen zählt der Manager zu seinen Lieblingsopern. Aber auch für „schwere“ Wagneropern, Kammermusik und neue klassische Musik kann er sich erwärmen, ebenso wie für Schubert, Mozart, Händel und Bach. „Barock kann ich mir immer anhören. Das bringt mich runter.“
Auch Moderneres steht auf Grosses Musikagenda. Ethno House höre er sich oft gemeinsam mit seinem Sohn an, einem DJ und Hobbyproduzenten. „Da gehen wir auch mal zusammen auf Festivals.“ Ein weiterer Hinweis darauf: Langweilertum darf man Grosse nicht unterstellen – weder im Beruflichen noch im Privaten.