Volkswagen-Konkurrent: Hyundai ist im Roboter-Fieber

Der neue Star des koreanischen Autokonzerns Hyundai Motor Group läuft auf zwei Beinen und heißt Atlas. Der humanoide Roboter, den die amerikanische Tochtergesellschaft Boston Dynamics entwickelt hat, ist knapp zwei Meter groß, kann bis zu 50 Kilogramm tragen, all seine Gelenke rundum bewegen und das bei Temperaturen zwischen 20 und 40 Grad Celsius für mehrere Stunden am Stück. Neue Aufgaben soll er dank der Künstlichen Intelligenz Gemini von Google innerhalb eines Tages lernen können.

Eine Fertigungsstraße für Pilotmodelle hat Boston Dynamics schon in seiner Zentrale eingerichtet. Schon Ende dieses Jahres will der Autokonzern die ersten Roboter in seiner neuen Fabrik im US-Bundesstaat Georgia neben den menschlichen Kollegen einsetzen, wie Hyundai-Vizepräsident Lee Seung-jo Vertreter am Donnerstag anlässlich der Vorlage der Jahreszahlen in einer Analystenkonferenz bekräftigte.

Zunächst soll Atlas dort für die Bereitstellung von Bauteilen in der richtigen Einbaureihenfolge eingesetzt werden, ab 2030 dann auch in der Montage. Schon bis zum Jahr 2028 will Hyundai mit Boston Dynamics in den Vereinigten Staaten eine Fabrik aufbauen, die 30.000 solcher Roboter im Jahr produzieren kann.

Der Kurs von Hyundai steigt um 77 Prozent in drei Wochen

Investoren sind begeistert von der Aussicht darauf, dass der drittgrößte Autohersteller der Welt nach Toyota Motor und Volkswagen seine Produktion – und womöglich auch die vieler anderer Industriekonzerne – mithilfe der Roboter schon bald weitgehend automatisieren könnte. Seit der Vorstellung von Atlas auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas Anfang Januar hat der Aktienkurs von Hyundai Motor um 77 Prozent zugelegt. Mehrere Analysten haben den Wert von Boston Dynamics und damit auch die Bewertungen der Hyundai-Gruppe nach der Vorstellung von Atlas erhöht.

Die koreanische Anlagegesellschaft KB Securities traut Boston Dynamics nun bis zum Jahr 2035 Umsätze in Höhe von 290 Milliarden Dollar und Gewinne von 45 Milliarden Dollar zu. Lim Eun-young, Analystin bei Samsung Securities, sieht den potentiellen Einsatz der Roboter in den Fabriken von Hyundai und der Tochtergesellschaft Kia als großen Wettbewerbsvorteil von Boston Dynamics gegenüber anderen Herstellern.

„Roboter können während ihrer Arbeit in den Werken von Hyundai und Kia Daten sammeln“, sagte sie gegenüber einer koreanischen Zeitung. Diese Daten könnten dann direkt angewendet werden, um die KI-Modelle für den weiteren Einsatz in Fabrik- und Logistikumgebungen zu verfeinern. Die meisten anderen Robotikunternehmen befänden sich weiterhin im „Venture-Stadium“, also noch weit entfernt vom Einsatz in realen Umgebungen.

Im Tagesgeschäft drücken Trumps Zölle

Allein am Donnerstag stieg der Kurs von Hyundai noch einmal um mehr als 7 Prozent. Dass das klassische Geschäft mit Autos derzeit vor allem wegen der Zollbelastungen in den Vereinigten Staaten deutlich schlechter läuft als erwartet, verpuffte daneben an den Finanzmärkten geradezu.  Nordamerika ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für die Koreaner. In den Vereinigten Staaten verkauften sie fast jedes vierte ihrer 4,1 Millionen Fahrzeuge. Doch die im Frühjahr von Donald Trump zunächst auf 25 Prozent angehobenen, im Herbst auf 15 Prozent gesenkten Zölle lasten schwer auf den Ergebnissen. Über alle Marken hinweg, also vor allem Hyundai, Kia und Genesis, zahlte die Hyundai Motor Group im gesamten Jahr Zölle in Höhe von 7,2 Billionen Won (4,2 Milliarden Euro).

Für das laufende Jahr erwartet der Konzern eine Belastung in ähnlichem Ausmaß – wobei die Unsicherheiten hier groß sind. Donald Trump hatte Südkorea erst vor wenigen Tagen angedroht, die Zölle wieder auf 25 Prozent anzuheben, weil das koreanische Parlament ein wichtiges Gesetz für die Umsetzung des Handelsabkommens noch nicht verabschiedet habe. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent bekräftigte am Donnerstag in einem Fernsehinterview noch einmal, dass der Deal erst perfekt sei, wenn die Koreaner dieses Gesetz verabschiedeten.

Ein wichtiger Treiber der Verkäufe war Hyundais breites Angebot von Hybriden und Elektrofahrzeugen. In Europa war im Schlussquartal jedes zweite verkaufte Auto mit solchen klimafreundlicheren Motoren ausgestattet. In den Vereinigten Staaten war es etwa jedes dritte.

„Wir müssen investieren im sich rasant wandelnden Umfeld“

Der Konzern kündigte für das laufende Geschäftsjahr Investitionen in Höhe von 17,8 Billionen Won (10 Milliarden Euro) an, die unter anderem in die weitere Entwicklung umweltfreundlicher fließen sollen, wie etwa Elektrofahrzeuge mit verlängerter Reichweite, aber auch das autonome Fahren und Künstliche Intelligenz. „In diesem Jahr müssen wir weiter in Technologien investieren, um uns in einem sich rasant wandelnden Managementumfeld im In- und Ausland eine führende Position bei Zukunftstechnologien zu sichern“, sagte Lee Seung-jo Vizepräsident bei Hyundai Motor.

Gegen den Einzug der Roboter in die Autofabriken regt sich indes Protest in der Belegschaft von Hyundai. Die koreanische Metallarbeiter-Gewerkschaft warnte vor einem Beschäftigungsschock, wenn die Roboter erst einmal eingeführt werden. „Kein einziger Roboter kann in die Fabriken kommen, wenn es dazu keine Vereinbarung mit der Belegschaft gebe“, warnte ein Gewerkschaftsvertreter in einer koreanischen Zeitung.