Indigener Pastor gegen ICE: „Die Wiederholung jener Entmenschlichung ist sehr schmerzhaft“
In ganz Minnesota sorgen US-Bundesbeamte derzeit für Angst – auch bei denen, die zuerst dort gelebt haben. Die sogenannte „Operation Metro Surge“, eine anhaltende Operation der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, begann im Dezember 2025 in den sogenannten Twin Cities, Minneapolis und Saint Paul. Inzwischen wurde sie auf den gesamten Bundesstaat ausgeweitet. ICE selbst spricht inzwischen von 10.000 Festnahmen – eine Zahl, die nicht verifiziert ist.
In den vergangenen Wochen kam es auch zu Belästigungen und Festnahmen indigener Amerikaner. Der christliche Pastor und Aktivist JimBear Jacobs sagt, der derzeitige Moment berühre tiefere Wunden indigener Völker in Minnesota – und erinnere an eine schmerzhafte Geschichte von Entmenschlichung und Vertreibung in den USA.
der Freitag: Herr Jacobs, im US-Bundesstaat Minnesota leben mehr als 50.000 indigene Amerikaner. Insbesondere Minneapolis und Saint Paul gelten als Zentrum urbaner Indigener. Einige von ihnen gerieten in den vergangenen Wochen ins Visier von ICE-Agenten. Wie ist die derzeitige Situation?
JimBear Jacobs: Ich führe dieses Interview gerade aus meinem Büro auf der Lake Street in South Minneapolis. Etwa zehn Blocks nördlich von mir liegt die Franklin Avenue. Sie wird in Minneapolis auch „American Indian Corridor“ genannt. Auf der Franklin Avenue konzentrieren sich seit Jahrzehnten indigene Amerikaner. Dies war auch der Ort, an dem ICE vier Männer, allesamt indigene Amerikaner, festgenommen hat.
Sie sind Bürger des Oglala-Sioux-Stammes. Einer der Festgenommenen wurde zwar nach zwölf Stunden wieder freigelassen. Der Aufenthaltsort der anderen drei ist jedoch weiter unbekannt. Und das, obwohl der Präsident der Oglala, Frank Star Comes Out, öffentlich erklärt hat, dass es sich bei den Festgenommenen tatsächlich um Bürger seines Stammes handelt.
Wie stellt sich die Community auf die neue Bedrohung ein?
In indigenen Social-Media-Gruppen wiesen Menschen darauf hin, dass man zusätzlich zu seiner Tribal ID, die eigentlich ein gültiges Dokument ist, einen Reisepass mitführen sollte. Die elf in Minnesota beheimateten Stammesnationen haben nach der Festnahme der vier Oglala-Männer außerdem Notfallveranstaltungen in Minneapolis ausgerufen. Dort konnte man beispielsweise überprüfen lassen, ob die eigene Tribal ID wirklich gültig ist. Ich bin 49 Jahre alt, aber so eine Atmosphäre wie jetzt habe ich noch nicht erlebt. Und das, obwohl Minneapolis schon immer das Epizentrum zivilgesellschaftlicher Unruhen war.
Es kann jederzeit passieren, dass plötzlich vier ICE-Agenten aus einem SUV springen. Ehe man sich versieht, sind dann 25 maskierte Agenten auf der Straße. Es herrscht unglaubliche Angst
Fast jeder in meinem Freundeskreis trägt Pfeifen, um im Notfall auf ICE-Razzien aufmerksam zu machen. Wir melden uns jedes Mal, wenn wir das Haus verlassen, und geben unser Ziel und die voraussichtliche Ankunftszeit durch. Denn es kann jederzeit passieren, dass plötzlich vier ICE-Agenten aus einem SUV springen. Ehe man sich versieht, sind dann 25 maskierte Agenten auf der Straße. Es herrscht unglaubliche Angst.
Die Twin Cities, also Minneapolis und das benachbarte Saint Paul, haben wunderbare, sehr lebendige, diverse Gemeinschaften. Jetzt sehen wir, dass zahlreiche Geschäfte schließen – entweder, weil Arbeitskräfte „entführt“ wurden und man nicht weiß, wo sie sind, oder, weil ihre Angestellten zu viel Angst haben, das Haus zu verlassen. Es herrscht wirklich unfassbare Angst.
Das Heimatschutzministerium wies die Vorwürfe bezüglich der festgenommenen Indigenen zurück und erklärte, es sei nicht bekannt, dass tatsächlich Stammesmitglieder festgenommen worden seien. Viele indigene Amerikaner sprachen wiederum von einem schmerzhaften historischen Kontinuum. Welche Geschichte haben die indigenen Gemeinschaften hier in Minneapolis durchlebt?
Das lässt sich anhand des heutigen Hauptquartiers von ICE erzählen. Das sogenannte „Whipple Building“, benannt nach einem Episkopalbischof in Minnesota in den 1860er Jahren, befindet sich etwas außerhalb von Minneapolis. Es liegt unweit der Mündung der Mississippi- und Minnesota-Flüsse.
Für die Dakota, ein Volk, das ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada stammt, ist dies ein heiliger Ort. Es ist das Zentrum ihres Universums und gilt als Ort der Schöpfung. Blicken wir jetzt auf die ICE-Festnahmen, wirkt es wie das Echo einer schmerzhaften Geschichte. Diese Geschichte reicht 163 Jahre zurück, bis ins Jahr 1862.
Damals wollten sich Krieger der Dakota ihr Land zurückholen. Tausende weiße Siedler drängten in den amerikanischen Westen. Der Aufstand endete im September 1862 mit Hunderten Toten und rund 2.000 Festnahmen.
Kurz darauf, im Winter 1862 bis 1863, wurden insgesamt 1.700 Dakota, insbesondere Ältere, Frauen und Kinder, in einem Konzentrationslager interniert. Dieses Konzentrationslager wurde in Fort Snelling errichtet, also genau dort, wo sich heute das Hauptquartier von ICE befindet. Im Frühjahr 1863 hob Minnesota seine zuvor mit den Dakota geschlossenen Verträge auf und verlud die in Lagern internierten Menschen auf Schiffe.
Über den Mississippi River wurden sie aus dem Bundesstaat Minnesota vertrieben. Die Geschichte von Unterdrückung, Entmenschlichung und die Trennung von Familien fühlt sich für uns indigene Menschen sehr bekannt an. Die Tatsache, dass es sich nun erneut in denselben Breitengraden abspielt, 163 Jahre später, ist für uns natürlich schmerzhaft.
Als Alex Pretti von ICE-Agenten erschossen wurde, war das ein verheerender Schlag und unglaublich entmutigend
Als christlicher Theologe verbinden Sie heute indigene Spiritualität mit einem befreiungstheologischen Ansatz des Christentums. Und Sie schlossen sich den Protesten in Minneapolis an. Was war Ihre Erfahrung in den vergangenen Wochen?
Ich bin Teil der interreligiösen Organisation „Multi-Faith Anti-Racism Change and Healing“, kurz MARCH. Sie schickte gleich zu Beginn einen Aufruf an Geistliche, dem Hunderte folgten. Es ging darum, eine geistliche Präsenz in den Twin Cities auf den Straßen zu haben. Auch ich war Teil dieser Gruppe. Wir wollten vor allem Zeugnis ablegen und die Geschichten von den Menschen auf den Straßen hören.
Außerdem schickten wir Geistliche gezielt in Gebiete, in denen ICE-Razzien stattfanden. Sie können in brenzligen Situationen oft deeskalierend wirken und Konflikte entschärfen. Das funktionierte auch ganz gut – zumindest gab es keine starken Gegenreaktionen. Doch dann wurde Alex Pretti am 24. Januar von ICE-Agenten erschossen. Das war ein verheerender Schlag und unglaublich entmutigend. Nun sind wir wieder im Krisenmodus. Oft kommen wir nur Minuten nach einer ICE-Razzia in den betroffenen Nachbarschaften an.
Wir bieten ihnen an, gemeinsam zu beten, falls sie das wollen, und spenden Trost. Inzwischen hat sich eine Bewegung quer durch die gesamte Stadt gebildet. Es ist seit Wochen bitterkalt. Deshalb stehen an den Gedenkorten für Renee Nicole Good und Alex Pretti Nachbarn, die Tee oder heiße Schokolade anbieten. Überall leuchten Kerzen. Man kann dort Blumen ablegen und Gebete schreiben.
Eine Kirche in Minneapolis wurde in der Zwischenzeit umfunktioniert: Dort lagern Lebensmittel für Familien, die sich aufgrund der ICE-Razzien nicht aus dem Haus trauen. Zuletzt fand außerdem ein interreligiöser Gottesdienst in der Synagoge „Temple Israel“ statt. Zahlreiche Geistliche sprachen sich dort für die migrantischen Gemeinschaften in Minneapolis aus. Doch auch das US-Heimatschutzministerium beruft sich auf Religion – und untermalt ICE-Rekrutierungsspots mit Bibelversen.
Sie verehren keine Gottheit, sondern weiße Vorherrschaft und toxische Männlichkeit. Ich habe meine gesamte akademische Karriere damit verbracht, christliche Schriften zu studieren. Der Glaube wurde leider immer genutzt, um Verbrechen zu rechtfertigen. Christliche Schriften sollten legitimieren, dass meine indigenen Vorfahren aufgesammelt, von ihren Familien getrennt und auf Internatsschulen geschickt wurden. Sie wurden genutzt, um die Sklaverei Schwarzer Menschen zu rechtfertigen. Es ist also nichts Neues. Aber denken Sie an die 1930er-Jahre, als das Nazi-Regime in Deutschland an die Macht kam. Der meistgewürdigte Theologe dieser Zeit ist Dietrich Bonhoeffer, der im entscheidenden Moment Widerstand leistete.
Die, die unserem Aufruf folgten, lehnen sich an das Glaubensverständnis von Dietrich Bonhoeffer an
Bonhoeffer verlangte schon 1933 von der Kirche, aktiven Widerstand zu leisten. Mithilfe christlicher Kirchen weltweit wollte er die laufenden Vorbereitungen für den Zweiten Weltkrieg boykottieren. 1945 exekutierten ihn die Nazis im Konzentrationslager Flossenbürg aufgrund von Landes- und Hochverrat.
Ich denke, die Hunderten, die unserem Aufruf folgten, lehnen sich an das Glaubensverständnis von Dietrich Bonhoeffer an. Das Heimatschutzministerium wäre wohl niemals in der Lage, das nachzuvollziehen. ICE postet vielleicht Bibelstellen. Andere tun, was das Evangelium tatsächlich von ihnen verlangt: für Nachbarn in Not da zu sein.
Gibt es etwas, das sich aus der Geschichte indigener Gemeinschaften für den jetzigen Moment in Minneapolis lernen lässt?
Im Kern vieler indigener Kulturen liegt das Bewusstsein, dass wir alle verwandt und mit allem Lebendigen verbunden sind. Das ist ein zutiefst indigenes Verständnis unserer Platzierung in der Schöpfung und unserer Verantwortung ihr gegenüber. Demgegenüber steht die offensichtliche Entmenschlichung, die derzeit auf den Straßen stattfindet.
Wir sollten uns doch an ein ganz basales Grundprinzip halten, das im Kern wirklich jeder Glaubensrichtung der Welt liegt: Menschen verdienen Würde. Ich denke, das wird in indigenen Gemeinschaften besonders stark dargestellt, weil wir historisch so viel Widrigkeit erlebt haben. Und dennoch haben wir in den düstersten Perioden Wege gefunden, Gemeinschaften zu bilden – für unser eigenes Überleben.
JimBear Jacobs ist 49 Jahre alt und wurde in Saint Paul, der Nachbarstadt von Minneapolis, geboren. Er ist Bürger des Stockbridge-Munsee-Stammes der Mohikaner. Jacobs hat Pastoral Studies an der North Central University in Minneapolis und danach Christian Thought an der Bethel University studiert. In Minneapolis setzt er sich als Pastor und Aktivist für die Rechte indigener Menschen in Nordamerika ein.