Lena Högemann: „Die Free Birth Society ist keine Problemlösung pro Gewalt in welcher Geburtshilfe“
Ende letzten Jahres geriet die „Free Birth Society“ aus den USA in den Fokus: Sie propagiert eine radikale Form der Alleingeburt – ohne Hebamme, ohne medizinische Versorgung, ohne Vorsorgeuntersuchungen. Warum viele das tun, ist Angst vor Gewalt unter der Geburt durch medizinisches Personal. Lena Högemann, die selbst eine gewaltvolle Geburt erlebt hat, weiß wie weit verbreitet Gewalt in der Geburtshilfe und wie real deshalb die Angst davor ist.
der Freitag: Frau Högemann, vor weniger als zwei Jahren kam ihr Buch So wollte ich mein Kind nicht zur Welt bringen heraus. Hat sich seitdem etwas verändert?
Lena Högemann: Was die Situation der Frauen in Kliniken angeht, hat sich, glaube ich, nicht viel verändert. Aber seit das Buch erschienen ist, erlebe ich, dass es mehr und mehr Thema ist. Es gibt – langsam – eine öffentliche Debatte darüber. Es gibt auch andere wichtige Akteurinnen, zum Beispiel den Verein Mother Hood e.V., die Hebammen selbst, die jetzt gerade mit der Diskussion um den Hebammenhilfevertrag, auf die Situation in der Geburtshilfe aufmerksam machen. Aber Gewalt in der Geburtshilfe aus Sicht der Mütter ist immer noch total unterrepräsentiert in Medien, wird zu wenig beachtet und ernst genommen.
Warum verändert sich das nur so langsam.
Gerade im Austausch mit Chefärzten – da muss ich nicht gendern, das sind immer Männer, die mir schreiben – nehme ich ganz viel Abwehrhaltung dem Thema gegenüber wahr. Auch wenn ich nur schreibe, „Guten Tag, ich bin Lena Högemann, ich beschäftige mich mit Gewalt in der Geburtshilfe und Sie könnten ja mal Ihre Mitarbeitenden sensibilisieren, gucken Sie mal, das mache ich“, ist die Reaktion absolute Ablehnung: Das würde es nicht geben, ich selbst hätte keine Gewalt erlebt.
Hat diese Ablehnung dem Thema gegenüber auch etwas damit zu tun, dass Gewalt in der Geburtshilfe vor allem Frauen betrifft?
Die Theorie, es läge am Patriarchat, gibt es schon. Also, würden Männer Kinder kriegen, hätten wir diese Situation in der Geburtshilfe nicht. Ich glaube, da ist was dran. Es hat auch was mit der Stellung von Frauen in der Gesellschaft zu tun, mit Frauenfeindlichkeit und Sexismus. Die schwangere Frau wird behandelt, als sei sie nicht mehr als eine Hülle für anderes menschliches Leben, egal, ob es um Abtreibungsrechte geht oder um Geburten. Es geht nicht darum, wie es der Frau geht und welche Erfahrung sie macht. Das ist auch die Mission, glaube ich, unter der diese Ärtz:innen Gebärende betreuen: Das Wichtigste ist, dass ein gesundes Kind rauskommt, die Frau soll sich dabei nicht so anstellen.
Dann wäre Deutschland hier aber gar keine Ausnahme.
Gewalt in der Geburtshilfe ist ein weltweites Problem. Am 25. November gibt es den „Roses Revolution Day“. An diesem internationalen Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen legen Frauen eine rosa Rose an dem Ort nieder, an dem sie Gewalt während der Geburt erlebt haben. Ich hab neulich mit einer Freundin in den USA gesprochen, die dort auf einer Geburtsstation als Pflegerin arbeitet. Die kennt es unter dem Begriff Obstetric Violence. Sie erzählt das gleiche, wie Hebammen in Deutschland, die dem Thema gegenüber offen sind: „Wir haben Arzt XY, der macht immer Dammschnitte. Das findet der halt richtig.“
Was in Deutschland aber auf jeden Fall anders ist, ist dass das Problem nicht ernstgenommen wird. Da sehe ich auch von der Politik gar keine Bestrebungen. Wenn unser Bundeskanzler noch nicht einmal davon gehört hat, dass Hebammen ein Problem mit dem Hebammenhilfevertrag haben, wie soll der denn ernst nehmen, dass Frauen Gewalt bei der Geburt erleben? Da sind andere Länder weiter. In Lateinamerika gibt es Beispiele, wo Gewalt in der Geburtshilfe als geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen definiert ist und gesetzlich angegangen wird. Davon sind wir in Deutschland super weit weg.
Wie verbreitet ist denn Gewalt in der Geburtshilfe?
Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass jede zweite bis jede dritte Frau eine Form von Gewalt bei der Geburt erlebt. Es gibt verschiedene Studien dazu, die leider alle nicht repräsentativ sind – das muss man dazu sagen. Ich zitiere unter anderem immer die Studie der Psychologischen Hochschule Berlin, bei der jede zweite Frau angegeben hat, Gewalt in der Geburtshilfe erfahren zu haben. In einer anderen, aktuelleren Studie waren es sogar 77 Prozent von über 2.000 befragten Müttern. In dieser Studie haben auch fast 43 Prozent angegeben, dass ein medizinischer Eingriff ohne ihr Einverständnis gemacht worden ist.
Es ist aber grundsätzlich im System Geburtshilfe sehr normalisiert, dass Eingriffe gemacht werden, denen Frauen nicht zustimmen, dass Frauen festgehalten werden, dass ihnen die Beine auseinandergedrückt werden
Eine selbstbestimmte Geburt ist also die Ausnahme?
Sie ist zumindest nicht so selbstverständlich, wie man denkt. Es gibt große Unterschiede zwischen den Kliniken. Es ist aber grundsätzlich im System Geburtshilfe sehr normalisiert, dass Eingriffe gemacht werden, denen Frauen nicht zustimmen, dass Frauen festgehalten werden, dass ihnen die Beine auseinandergedrückt werden, dass es den Kristeller-Hangriff gibt. Das ist eine sehr schmerzhafte Angelegenheit. Dabei liegen teilweise mehrere Hebammen und Ärzt*innen während der Wehe auf der Schwangeren drauf oder werfen sich vom Hocker auf die Frau. Das ist starke körperliche Gewalt, die im System normalisiert wird, genau wie verbale Gewalt.
Was bedeutet verbale Gewalt in dem Fall?
Das ist kaum vorstellbar. Aber wenn man es einmal erlebt hat und wie ich mit sehr, sehr vielen Frauen und Männern gesprochen hat, weiß man, welche brutalen Dinge, Frauen gesagt werden: „Weinen hilft dir jetzt auch nicht. Stell dich nicht so an.“ Aber auch: „Du hast ja auch nicht so geschrien, als du es gemacht hast.“ Das ist eine ganz frauenfeindliche, sexistische Art der Abwertung von Frauen, die sie natürlich auch durch Hebammen, also andere Frauen, erfahren.
Das schildern zum Beispiel auch junge Hebammen, die jetzt im Studium sind, wo sie lernen, Geburt anders zu begleiten – auf Augenhöhe, in gemeinsamer Entscheidungsfindung. Und die kommen in diese großen Kreißsäle und sind völlig geschockt, was da für ein Ton herrscht. Die sind auch nicht in der Position, der älteren, erfahrenen Hebamme zu sagen, „ich finde es nicht richtig, wie Sie mit den Frauen zu reden“.
Die Schwangeren werden also verbal erniedrigt?
Ja und es wird psychische Gewalt wie starker Druck ausgeübt: „Wenn du nicht machst, was ich dir sage, stirbt dein Kind“. Als würde irgendeine Frau das wollen! Die wollen nur verstehen, was da gerade passiert, und möglichst wenige Eingriffe. Dann gibt es Vernachlässigung. Was auch viele Frauen schildern ist, dass sich überhaupt keiner um sie kümmert. Und dann gibt es noch den Bereich Mutter-Kind-Bindung. Es gibt viele Fälle, wo das Kind zu irgendeiner Untersuchung weggenommen wird und die Eltern nicht informiert werden warum. Das ist gewaltvoll und traumatisch.
Die Geschichten der Frauen und Männer, die Sie erzählen, wirken, als wären die Paare nicht darauf vorbereitet, was bei der Geburt an Eingriffen auf sie zukommen könnte.
Die Geburtsvorbereitung ist auf jeden Fall ein ganz großes Problem. Es gibt einen Geburtsvorbereitungskurs durch eine Hebamme, den die Krankenkasse bezahlt. Aber es ist nirgendwo festgelegt, was den Frauen beigebracht werden muss. Das entscheidet die Hebamme selbst. Man muss sich all diese Informationen als Schwangere selbst suchen. Das ist eine große Herausforderung, weil man ja eh schon unsicher ist – gerade als Erstgebärende. Eigentlich sollte das Teil der Allgemeinbildung sein. Natürlich könnte man „selbstbestimmte Geburt“ oder „Gewalt unter der Geburt“ googeln – aber das tut man nicht, wenn niemand einen darauf hinweist.
Wer „selbstbestimmte Geburt“ googelt landet schnell bei sogenannten „Free Births“ oder Alleingeburten, was, wie eine Guardian-Recherche gezeigt hat, sehr gefährlich ist.
Mir ist ganz wichtig bei der Sache, dass ich keine Frau dafür verurteile, welche Entscheidung sie für ihre Geburt trifft. Auch nicht, wenn sie die Entscheidung trifft, dass sie das alleine machen will. Das respektiere ich, weil es eine sehr individuelle Entscheidung ist, was für eine Frau der richtige Geburtsort, die richtige Begleitung und so weiter ist.
Trotzdem schreiben Sie in Ihrem Buch, Alleingeburten seien gefährlich.
Was ich befürchte, ist, dass Frauen in Instagram-Bubbles landen und nichts über die Risiken einer Alleingeburt erfahren. Es kann immer Komplikationen bei einer Geburt geben, die vorher nicht erkannt wurden. Eine Hebamme bei einer Hausgeburt erkennt das während der Geburt und kann die Frau rechtzeitig in die Klinik verlegen. Dieses Wissen, diese Erfahrung fehlt bei einer Alleingeburt. Neben möglichen Beeinträchtigungen für das Kind gibt es ja auch einfach Frauen, die bei Geburten sterben. Wenn sie alleine sind, ist die Gefahr höher, weil sie auftretende Blutungen ohne medizinische Versorgung nicht allein stoppen können und weil die Frau als Folge dessen das Bewusstsein verliert. Das hat diese Guardian-Recherche deutlich gezeigt.
Ich fand die Recherche und den dazugehörigen Podcast sehr bewegend und auch sehr tragisch. Die Frauen hatten zum Teil während der Geburt schon das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Die Frauen hinter der „Free Birth Society“ haben ihnen aber gesagt, das sei „eine Variation von normal“. Die schwangeren Frauen waren da aber schon so gebrainwashed, dass sie sich keine Hilfe geholt haben, obwohl sie merkten, dass da etwas falsch läuft. Deshalb sage ich auch, Alleingeburt kann nicht die Lösung für ein gewalttätiges System der Geburtshilfe sein. Aber ich kann verstehen, wie es auch in Deutschland dazu kommt, dass Frauen sich dafür entscheiden.
Alleingeburten gibt es also auch in Deutschland?
Ja, es gibt auch in Deutschland verschiedene Alleingeburt-Coaches, meistens Mütter, die selbst Alleingeburten gemacht haben. Diese Coaches erklären anderen Frauen, wie sie Alleingeburten machen können. Es gibt sogar eine Ausbildung zur Birthkeeperin in Deutschland. Das sind Frauen, die als Alleingeburtsbegleiterinnen „ausgebildet“ werden – allerdings über keinerlei medizinische Ausbildung verfügen und nicht mit Hebammen vergleichbar sind.
Mein Eindruck ist aber, dass diese „Free Birth Society“ aus der Guardian-Recherche schon extra krass ist. Gerade mit dieser Idee, niemals, selbst wenn es einem unter der Geburt schlecht geht, ins Krankenhaus zu gehen. Die Aussage: Du brauchst keine Hilfe, egal was passiert. Das habe ich bei den deutsche Coaches nicht gesehen, aber natürlich verdienen auch die Geld damit, dass sie Frauen sagen, dass sie ihre Kinder alleine bekommen sollen.
Die Alleingeburts-Coaches docken also auch hier an der Angst vor Gewalt bei der Geburt an.
Genau. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Frauen sich warum für Alleingeburten entscheiden. Aber in dem Buch Die Wahrheit über Alleingeburten hat eine Mutter, die auch alleine geboren hat, Frauen zu ihrer Motivation für Alleingeburten befragt. Da gibt es verschiedene Gründe. Aber unter anderem ist einer, der immer wieder vorkommt: Gewalterfahrung bei vorherigen Geburten oder Angst vor Gewalterfahrung, vor Fremdbestimmung, davor ohne Zustimmung angefasst zu werden.
Und das ist ja eine reale Gefahr. Es gibt sehr viele Kliniken, da sind zum Beispiel vaginale Untersuchungen während der Geburt total normal, die werden teilweise nicht mal angekündigt. Es sind Frauen, die schildern, dass da fremde Menschen ins Zimmer kommen und in ihre Körper fassen. Es gibt so viele Probleme, an denen Frauen, die Alleingeburten bewerben, andocken können.
Was müsste passieren, damit sich die Situation für Schwangere verbessert?
Es gibt zum einen finanzielle Fehlanreize: In meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass mehrere tausende Euro Unterschied zwischen den sogenannten Fallpauschalen liegen, die die Klinik für eine Geburt bekommt – je nachdem, wie viele Eingriffe vorgenommen werden. Würde eine Klinik nur vaginale Geburten ohne Eingriffe machen, könnte sie nicht überleben.
Dann gibt es Dinge, die Kliniken selber tun könnten: Eine Fehlerkultur entwickeln, Supervision anbieten, verpflichtende Schulungen zum sensiblen und respektvollen Umgang mit Gebärenden. Am wichtigsten wäre aber eine festgeschriebene 1 zu 1-Betreuung. Das heißt, eine Hebamme darf nur eine Frau bei der Geburt betreuen. Das ist ja genau das Tragische am Hebammenhilfevertrag.
Inwiefern?
Mit dem Hebammenhilfevertrag wird versucht durchzuboxen, dass eine Hebamme nur eine Frau während der Geburt betreut. Betreut sie dann eine zweite Frau parallel, kann sie diese Betreuung nicht komplett abrechnen. Aber das System gibt es gar nicht her, dass eine Hebamme nur eine Frau betreuen kann. Der Ansatz kommt hier von der falschen Seite: Ich muss doch erst vorschreiben, dass ich so viele Hebammen brauche, dass wirklich eine Hebamme nur eine Schwangere betreuen kann. Das heißt auch, dass ich ein Backup-System brauche, wenn plötzlich mehr Frauen gebären, als vorher geplant. Das kostet sehr viel Geld.
Die Geburt Ihres zweiten Kindes lief deutlich besser. Was hat diese Klinik anders gemacht?
Also es war wirklich alles anders. Das fing schon an mit dem Info-Abend, wo die Hebammen gesagt haben: „Geburt ist ein natürlicher Prozess, wir vergleichen das mit Bergsteigen“. Also die Frau ist die Bergsteigerin, sie kann das schaffen und wir helfen ihr dabei. So war auch die ganze Geburtsbegleitung. Dort gehen viele Frauen nach traumatischen Geburten hin, weil sich herumgesprochen hat, dass es dort anders ist.
Sie wussten das bei mir auch und als ich gesagt habe, dass ich möchte, dass meine Hebamme bei mir bleibt, hat sie dafür gesorgt, dass sie immer bei mir war. Ich hatte dann also die 1 zu 1-Betreuung. Auch die Haltung Frauen gegenüber war ganz anders, ganz individuell. Statt Ansagen von oben, was ich tun soll, hat die Hebamme Vorschläge und Angebote gemacht. Das ist eben das Schwierige, als Schwangere herauszufinden, welche Klinik so handelt und welche nicht.
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Lena Högemann ist Journalistin, Autorin und Expertin für selbstbestimmte Geburten. 2024 erschien ihr Sachbuch So wollte ich mein Kind nicht zur Welt bringen! Was Frauen für eine selbstbestimmte Geburt wissen müssen bei Ullstein erschienen.