Boomendes Nachbarland: Zieht Polen an Frankreich vorbei?

Polens Konjunktur läuft rund. Drei Prozent mehr Wirtschaftsleistung waren es 2024, für das vergangene Jahr erwarten Ökonomen ein Wachstum von bis zu 3,5 Prozent. So viel kalkuliert die EU-Kommission auch für 2026.
Der Internationale Währungsfonds prognostiziert: „Die Erholung Polens bleibt stark, mit einer der höchsten Wachstumsraten Europas.“ Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagt neidisch: „Von Polen können wir uns eine Scheibe abschneiden.“
Stolz vermerkten Warschauer Regierungsmitglieder jüngst, dass ihr Land im Jahr 2025 den Klub der 20 größten Wirtschaftsnationen der Welt erreicht habe. Deutschland profitiert davon zumindest indirekt. Schon im Oktober 2024 überflügelte Polen das vielfach größere China als Empfänger deutscher Waren.
Im gesamten Handel – Import und Export – liegt China zwar weiter vorn. Doch auch hier macht Polen Boden gut. Das Handelsvolumen mit Deutschland betrug im Jahr 2024 knapp 171 Milliarden Euro und wuchs nach vorläufigen Schätzungen auch 2025 besonders kräftig.
2004 nicht einmal unter den ersten zehn
Polen behauptet damit den Platz als fünftwichtigster deutscher Handelspartner – hinter den USA, China, den Niederlanden und Frankreich. Italien haben die Nachbarn im Osten schon vor sechs Jahren hinter sich gelassen. Zum Vergleich: 2004, im Jahr der großen EU-Osterweiterung, waren sie nicht einmal unter den ersten zehn.
Nun hat Polen schon den nächsten Platz im Visier: Im neuen Jahr werde Polen „voraussichtlich Frankreich von Platz vier verdrängen“, prophezeit Philipp Haußmann, der Vizevorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, gegenüber der F.A.Z.
2025 war der Vorsprung Frankreichs nach einer Hochrechnung der staatlichen deutschen Außenhandelsorganisation GTAI mit 4,8 Milliarden Euro nur noch hauchdünn. Und da das Wachstum in Frankreich laut den Prognosen mit rund einem Prozent schwach bleiben sollte, dürfte Warschau Paris hier den Rang ablaufen.
Schon im vergangenen Jahr legte laut GTAI Deutschlands Handelsvolumen mit Frankreich bloß um 1,6 Prozent auf 185 Milliarden Euro zu, während es mit Polen um 5,5 Prozent auf 180,2 Milliarden Euro wuchs.
Das Geld kommt auf Umwegen deutschen Anbietern zugute
Das starke Wachstum hat mehrere Gründe. Polens Verbraucher sind bereit, vom steigenden Einkommen mehr zu konsumieren. Sinkende Zinsen helfen der Binnennachfrage und stärken die Investitionen.
Außerdem ist der Staat sehr ausgabenfreudig; die gesamtstaatliche Verschuldung bleibt mit rund 60 Prozent im internationalen Vergleich niedrig. Schon vor Russlands Überfall auf die Ukraine hat Warschau zudem begonnen, in großem Stil in sein Militär zu investieren.
Für die kommenden Jahre habe Polen große Projekte für Infrastruktur – Straßen, Schiene, Flughäfen, aber auch digitale Infrastruktur – aufgesetzt, sagt Lars Gutheil, Vorstand der deutsch-polnischen Auslandshandelskammer in Warschau. Hinzu komme die Energietransformation von Kohle hin zu Kernkraft und Erneuerbaren.
Auch wolle Warschau ein wichtiger Standort für Künstliche Intelligenz, „Data Economy“ und damit verbundene Gigafabriken werden. Unterstützt wird dies durch Kredite und Zuschüsse aus dem EU-Wiederaufbaufonds, die das Land trotz einer nur unzureichend umgesetzten Justizreform im Umfang von 42 Milliarden Euro bekommt.
Das Geld kommt auf Umwegen deutschen Anbietern zugute, etwa solchen, die, wie Siemens und Rheinmetall, Schienenfahrzeuge, Elektro- oder Militärtechnik im Angebot haben.
Ein paar staatliche Großprojekte stechen heraus. So dürfte in diesem Jahr entschieden werden, wer das Terminal für den neuen Hauptstadtflughafen baut. Hochtief ist einer der Bewerber. Schon zuvor hatte, wie GTAI berichtet, das Nürnberger Unternehmen Vanderlande Logistics den Zuschlag für die Gepäckförderanlage erhalten.
Siemens Mobility dürfte sich um die Ausschreibung für 20 Hochgeschwindigkeitszüge der polnischen Bahn PKP bewerben. Das Bahnnetz soll ausgebaut werden. Wenn deutsche Hersteller zum Zuge kommen, zahlt das auf die Handelsstatistik ein.
„Beispiellose steuerliche Unsicherheit“
Ganz anders ist die Lage in Frankreich, wo in jüngster Zeit vor allem die Unsicherheit gewachsen ist. Seit der Parlamentsauflösung im Sommer 2024 ist das Land politisch gelähmt. Private und öffentliche Investitionen sind ins Stocken geraten, der Zustand der Staatsfinanzen ist desolat, die Sparquote der Haushalte stark gestiegen.
Erst vor wenigen Tagen gelang die Verständigung auf einen regulären Staatshaushalt für dieses Jahr. Ausländische Investoren zögen ihr Geld nicht unbedingt ab, stünden bei neuen Vorhaben aber auf der Bremse, heißt es aus Finanzkreisen. Die französische Notenbank schätzt, dass die politische Unsicherheit Frankreich mehr als 0,2 Prozentpunkte an Wachstum kostet.
„Die Politik hat schon die Präsidentschaftswahlen 2027 im Blick, während die Franzosen übermäßig sparen und die Unternehmen aufgrund der beispiellosen steuerlichen Unsicherheit ihre Investitionen und Neueinstellungen zurückhalten“, fasst Bruno Cavalier, Chefökonom der Privatbank Oddo BHF, die trübe Lage zusammen.
Auf deutscher Seite leiden insbesondere die Autohersteller unter der schwachen Kauflaune. So schrumpfte laut GTAI der wirtschaftlich so wichtige deutsche Fahrzeugexport nach Frankreich zwischen dem ersten und dritten Quartal 2025 um 8,8 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro.
Auch die Digitalwirtschaft ist in Frankreich wachstumsträchtig
Nur bergab geht es mit Frankreich jedoch nicht. So stieg etwa die Ausfuhr von Luft- und Raumfahrttechnik aus Deutschland nach Frankreich in den ersten drei Quartalen 2025 um satte 38,5 Prozent auf rund 6,2 Milliarden Euro, schreibt GTAI weiter.
Die Organisation hebt hervor, dass die Auftragsbücher von Rüstungsunternehmen wie Airbus, Dassault oder Safran gut gefüllt sind und davon auch deutsche Zulieferer profitieren.
Und auch die Digitalwirtschaft ist in Frankreich wachstumsträchtig. GTAI verweist auf die Planung eines großen Rechenzentrums auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Montereau-Vallée-de-la-Seine durch den Telekommunikationskonzern Iliad. Deutsche Unternehmen könnten dort unter anderem bei Gebäudetechnik, Energieeffizienz und Luftreinhaltung zum Zuge kommen.
An weiteren Großvorhaben mangelt es nicht, zumal Frankreich mit günstigem, dekarbonisiertem Atomstrom lockt. Allein die Vereinigten Arabischen Emirate wollen hier für bis zu 50 Milliarden Euro den „größten Campus für Künstliche Intelligenz in Europa“, inklusive Rechenzentrum, bauen.
„Geo- und Wirtschaftspolitik heute eng miteinander verknüpft“
Doch die Kräfteverlagerung nach Polen ist unübersehbar. Haußmann vom Ost-Ausschuss sagt, für Deutschland werde der östliche Nachbar immer mehr zu einem Schlüsselpartner: „Über den Handel hinaus ist Polen für die deutsche Wirtschaft ein Innovationspartner auf Augenhöhe geworden.“
Deutsche Betriebe verlagerten zunehmend ihre Produktion komplett, wie etwa zuletzt Miele, Knorr-Bremse oder Autohersteller und -zulieferer, sagt Kammerchef Gutheil. Er weist auf einen weiteren Umstand hin: „Es gibt immer mehr polnische Anbieter, die über die eigenen Landesgrenzen hinaus wettbewerbsfähige Produkte anbieten und damit zum wachsenden Volumen des bilateralen Handels beitragen.“
Deutschland und Polen könnten gemeinsam maßgeblich zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie beitragen, so Haußmann. Er lobte die Bundesregierung dafür, dass sie sich um eine stärkere politische Flankierung der Wirtschaftsbeziehungen bemühe. Das sei umso wichtiger, „da Geo- und Wirtschaftspolitik heute eng miteinander verknüpft sind“.