Teilzeitrecht denn Lifestyle? Die Die Schwarzen-Worte zeigen Verachtung oppositionell Arbeiterrealität
Der Unternehmerflügel der Union will das Teilzeitrecht schleifen. Entsprechende Modelle werden als Luxus abgewatscht. Das ignoriert die Realität von Überstunden, Burnout und Sorgearbeit – und ist erneut Klassenkampf von oben
Friedrich Merz hat schlicht keine Strategie, um auf die drängenden Krisen unserer Zeit zu reagieren
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Der neueste Angriff auf die arbeitende Bevölkerung: Der Unternehmerflügel der Union will nun den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Für den Parteitag der Konservativen im Februar wurde ein entsprechender Antrag gegen „Lifestyle-Teilzeit“ angekündigt – noch stärker kann man seine Verachtung gegenüber der großen Mehrheit dieses Landes kaum ausdrücken.
Das wirklich Gefährliche ist jedoch das Muster, das sich hinter dieser Forderung offenbart: Die Bundesregierung versucht weiter mit allen Mitteln, zusätzliche Arbeitszeit aus den Menschen herauszuquetschen – ideenlos in der Sache, rücksichtslos gegenüber Beschäftigten.
Die verleugnete Realität: Arbeit ist ungleich verteilt, Möglichkeiten oft blockiert
Ein kurzer Blick auf die Realität, die von der CDU ignoriert wird: In Deutschland gibt es entgegen anderslautender Behauptungen so viele Arbeitsstunden wie nie zuvor (DIW Berlin), 70 Prozent schuften dabei in Vollzeit, 30 in Teilzeit. Richtig zufrieden scheinen jedoch die wenigsten zu sein: Einerseits beklagen seit Jahren Vollzeit-Beschäftigte, dass sie massive Überstunden machen müssen (DGB-Index Gute Arbeit 2025) – Erschöpfung und Burnout sind die Folgen. Der Schritt zur Teilzeit ist hier für viele schlicht eine Überlebensstrategie, um die eigene Gesundheit zu schützen. Beschäftigte in prekären Branchen müssen es sich dabei zweimal überlegen, ob sie sich diesen Schritt überhaupt leisten können.
Andererseits sind unabhängig von der Arbeitsbereitschaft viele Möglichkeiten real blockiert. Viele Menschen in Teilzeit, insbesondere Frauen, würden etwa mehr arbeiten, aber können es nicht, da sie sich um Angehörige kümmern müssen. Zahlreiche Geflüchtete dürfen aufgrund von behördlichen Einschränkungen kaum arbeiten. Und viele Menschen in prekären Minijobs, etwa im Einzelhandel oder der Gebäudereinigung, erhalten keine Möglichkeiten für andere Arbeitsmodelle. Nicht die Menschen sind das Problem – sondern eine Arbeit, die nicht zum Leben passt. Und die Bezahlung erst recht nicht. Gequatsche von einem angeblich falschen Lebensstil entpolitisiert diese realen Konflikte.
Wenn die CDU-Marktliberalen nun mit ihrer Forderung durchkommen sollten, hätte das drastische Folgen: Menschen, die Sorgearbeit machen müssen, werden dann entweder aus dem Arbeitsmarkt wieder komplett herausgedrängt – vorausgesetzt, sie haben einen Partner, dessen Gehalt für beide ausreicht. Oder ihnen wird eine extreme Doppelbelastung aufgebürdet, an der sie zu zerbrechen drohen. Vorwiegend Frauen, die den Großteil der Sorgearbeit leisten, sind die Leidtragenden. Die weitere Forderung, die Beziehung von Sozialleistungen an die Vollarbeitszeit zu koppeln, würde zudem für zahlreiche Aufstocker wohl den Verlust des Anspruchs auf jene Leistungen bedeuten. Purer sozialer Sprengstoff.
CDU-Forderung als Teil einer umfassenden Regierungskampagne
Für die Gesamtbevölkerung hat die Forderung gleichwohl jetzt schon eine weitere Funktion: Sie soll Angst machen – Beschäftigte gefügig halten, die Grenzen des Zumutbaren verschieben. Sie muss daher auch in einem größeren Kontext betrachtet werden: Die Bundesregierung und ihr nahestehende Denkfabriken, Medien und Wirtschaftsverbände führen seit Beginn der Amtszeit eine massive Kampagne, um der Bevölkerung mehr Arbeitszeit aufzubürden.
Dies umfasst die Forderungen nach der Abschaffung des 8-Stunden-Tags, einem höheren Renteneintrittsalter oder dem Ende der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wie auch Lockerungen beim Lieferkettengesetz und Kündigungsschutz. Von den Schikanen gegen Grundsicherungsempfänger ganz zu schweigen. Mit der schweren Axt wird hier gegen die Reste des Sozialstaats und erkämpfte Standards der arbeitenden Bevölkerung eingehauen – Klassenkampf von oben eben. Abseits davon hat Friedrich Merz schlicht keine Strategie, um auf die drängenden Krisen unserer Zeit zu reagieren.
Klar ist: Das Recht auf Teilzeit ist eine Errungenschaft, die wir nicht aufgeben sollten. Sorgearbeit, Erholung und Selbstbestimmung sind kein Luxus, sondern Notwendigkeiten. Ganz im Gegenteil müsste das Modell doch ausgeweitet werden: Eine 30-Stunden-Woche für alle bei vollem Lohnausgleich – bei gleichzeitigem Ausbau der Pflege- und Kinderbetreuung. Das wäre eine verbindende, nach vorne weisende Politik, hinter die sich Gewerkschaften, Sozialverbände und linke Parteien stellen könnten.
Es würde zu einer Gesellschaft führen, die gesünder, gerechter und nachhaltiger ist. Und ein weiterer Pluspunkt: Merz und seine Blackrock-Klasse, deren Lebensstandard ohne schlecht bezahlte Dienstleistungsarbeit kaum denkbar ist, würden sich darüber richtig ärgern.