Weniger Quadratmeter: Die Wohnungen schrumpfen, doch nicht z. Hd. ganz

„Kleiner wohnen!“ hat sich bisher noch keine Partei getraut, auf ein Wahlplakat zu schreiben. Dabei wäre es ein maßgeblicher Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel, wenn die Deutschen auf weniger Quadratmetern lebten, denn das Wohnen ist für rund ein Drittel des CO2-Fußabdrucks jedes Bürgers verantwortlich.
Doch während es in linken Kreisen zum guten Ton gehört, höhere Abgaben für SUVs zu fordern, und jeder Flug moralisch hinterfragt wird, hat bisher noch keiner die Wilmersdorfer Witwen zum Auszug aus ihren 200-Quadratmeter-Altbauwohnungen aufgefordert oder von Großstadt-Singles verlangt, dass sie anstatt allein im Apartment zu hausen, doch auch in einer WG zusammenrücken könnten.
Da die Art, wie man wohnt, immer auch ein Ausdruck von Identität ist, käme der Aufruf zum Quadratmeterverzicht einem politischen Selbstmord gleich – die emotionalen Diskussionen um das Eigenheim und das Heizungsgesetz sind dafür der beste Beweis.
Wohnungen waren Wachstumsgewinner
Dabei waren die Wohnungen in den vergangenen sechzig Jahren die wahren Wachstumsgewinner: Sie haben sich im Durchschnitt von 69 auf 94 Quadratmeter vergrößert, während sich die Wohnfläche pro Kopf in derselben Zeit von 20 auf 49 Quadratmeter mehr als verdoppelt hat. Diese Zahlen spiegeln nicht nur, dass steigende Gehälter in mehr privaten Raum investiert wurden, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen. In einer alternden Bevölkerung bleiben zunehmend Paare und Alleinstehende im Familienheim mit leeren Zimmern zurück. In den drei größten deutschen Städten lebt mehr als die Hälfte der Menschen als Single.
Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Wohnfläche in den Großstädten sehr ungleich verteilt ist und jede dritte Wohnung überbelegt, weil Familien aus Mangel an Alternativen auf zu wenigen Quadratmetern ausharren. Doch nun scheint ein Ende des Wachstums erreicht, eine Trendwende zeichnet sich ab: Bis 2050 werden die Wohnungen sechs Quadratmeter kleiner sein als heute, wodurch auch die Wohnfläche pro Kopf sinke, vermeldete kürzlich das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW. Grund für die Schrumpfung ist jedoch keine selbstgewählte Flächen-Askese.
Vor allem die stark gestiegenen Bodenpreise führen dazu, dass Neubauwohnungen zunehmend kleiner ausfallen als ihre Vorgänger. Der Markt leistet auf diese Weise zwar einen positiven Beitrag zur CO2-Einsparung, die Lasten dürften aber sehr ungleich verteilt sein: Während die Wohnungen in Mehrfamilienhäusern schrumpfen, pumpen sich die neugebauten Einfamilienhäuser in den kommenden Jahren noch weiter auf. In den Städten wird es somit noch enger, während der Flächenfraß auf dem Land munter weitergeht.
Source: faz.net