Todesschüsse in Minneapolis: Wie es zum Abzug Bovinos kam

Am Sonntag konnte Gregory Bovino sich noch ermutigt fühlen, das Narrativ des Weißen Hauses weiterzuverbreiten, das seit Samstag – kurz nach den tödlichen Schüssen auf Alex Pretti – mehrere Mitglieder der Trump-Regierung nahezu gleichlautend vorgetragen hatten. Nicht nur ohne jegliche Reue, sondern sichtlich ungerührt saß der leitende Beamte der Grenzschutzbehörde Border Patrol am Sonntagmorgen im örtlichen Studio des Senders CNN in Minneapolis. Er folgte der ausgegebenen Devise der Vorwärtsverteidigung.

Die Journalistin fragte ihn, welchen Beleg er dafür habe, dass Pretti Bundesbeamte „massakrieren“ wollte, wie Bovino gleich nach den tödlichen Schüssen gesagt hatte. Der Krankenpfleger habe doch nur den Einsatz mit seinem Mobiltelefon gefilmt. Er glaube, holte Bovino aus, dass die „phantastische Ausbildung“ der Beamten verhindert habe, dass Pretti auf sie habe schießen können. „Also: Unsere Sicherheitskräfte haben gute Arbeit geleistet, ihn zu bezwingen, bevor er in der Lage gewesen ist, dies zu tun.“

Den Sonntag über konnte sich der 55 Jahre alte Einsatzleiter in Minneapolis noch sicher fühlen, damit der Linie seines Präsidenten gefolgt zu sein. Am Abend gab Trump aber dem „Wall Street Journal“ ein kurzes Interview, in dem er erstmals andere Töne anschlug. Er wich der Frage aus, ob die Beamten in Minneapolis richtig gehandelt hätten. Schließlich sagte er zu, alles zu prüfen und erst dann zu einem Ergebnis zu kommen. Trumps Leute hatten Pretti da freilich längst zum „Inlandsterroristen“ abgestempelt.

Die Videobilder waren zu eindeutig

Am Montag berichtete Trump dann, dass Tim Walz, der Gouverneur von Minnesota, ihn angerufen habe. Es sei ein „sehr gutes Gespräch“ gewesen. Er habe dem Demokraten, den er zuvor für die Eskalation der Lage verantwortlich gemacht hatte, gesagt, dass sein Grenzschutzbeauftragter Tom Homan ihn anrufen werde. Walz ließ seinerseits mitteilen, dass der Präsident zugesagt habe, zu prüfen, die Zahl der Bundesbeamten in Minneapolis zu reduzieren.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Erste Medien berichteten, dass Bovino Minnesota „unmittelbar“ verlassen werde – und mit ihm mehrere seiner Beamten. Offenbar soll das noch an diesem Dienstag geschehen. Karoline Leavitt, die Sprecherin des Weißen Hauses, bestätigte kurz darauf, dass Bovino anderswo eingesetzt werde. Homan solle künftig die Kontaktperson für den Einsatz der Bundesbeamten in Minneapolis sein.

So schnell kann das in Trumps Regierung gehen: Zunächst schien der Präsident den Vorfall als Vorwand nutzen zu wollen, die Lage weiter zu eskalieren und womöglich den „Insurrection Act“, das Aufstandsgesetz, anzuwenden, um das Militär nach Minnesota zu entsenden. Dann kam die Wende. Die Videobilder waren zu eindeutig. Die Kritik von Republikanern im Kongress wurde lauter. Das Narrativ ließ sich nicht aufrechterhalten.

Nur aus der Schusslinie genommen

Leavitt bemühte sich noch, Bovino nicht allzu offensichtlich zum Sündenbock zu machen: Er sei ein wunderbarer Mann und ein echter Profi. Er werde die Grenzschutzbehörde weiterhin führen. Vorerst, so durfte man schlussfolgern, wird Bovino also nur aus der Schusslinie genommen. Wie lange das gilt, ob Trump ihn am Ende doch fallen lässt, ist offen. Am Montagabend meldete CNN, das Heimatschutzministerium habe Bovinos Konten in sozialen Medien mit sofortiger Wirkung gesperrt.

Auf Distanz ging das Weiße Haus unterdessen zu Heimatschutzministerin Kristi Noem und Präsidentenberater Stephen Miller. Auf die Frage, ob Trump deren Sichtweise teile, wonach Pretti Bundesbeamte „angegriffen“ und mit seiner Waffe „herumgefuchtelt“ habe, sagte Leavitt, sie habe den Präsidenten Pretti nicht in dieser Weise beschreiben hören. Loyalität stößt beim Präsidenten dann an seine Grenzen, wenn ihm politisch der Wind ins Gesicht weht. Der „Vorfall“ von Minneapolis wurde zur politischen Krise für seine Regierung. Also drehte er bei.

Bovinos Kleidung erinnerte an die Zeit der Weltkriege

Bovino war bisher Trumps Gesicht der Razzien gegen Migranten, bei denen Grenzschutzbeamte die Einsätze maskierter ICE-Einwanderungspolizisten schützen und zum Teil auch selbst zugreifen. Deren martialisches Auftreten rief Empörung hervor.

Auch Bovinos Erscheinung irritierte viele Amerikaner: die Frisur mit kurzrasierten Seiten und Nacken, das dunkelgrüne Hemd, die schwarze Krawatte und der „greatcoat“, ein schwerer armeegrüner Mantel mit breitem Revers, Metallknöpfen und Schulterstücken. Das erinnerte an die Kleidung des Zweiten Weltkrieges. Ein Zeichen für die Militarisierung der Bundesbehörden. Einige fühlten sich auch nicht ans amerikanische Militär erinnert, sondern an die Leute, die Amerika seinerzeit in Europa bekämpfte – die Nationalsozialisten.

Protest gegen den Leiter der Grenzschutzbehörde am Montag in Minneapolis
Protest gegen den Leiter der Grenzschutzbehörde am Montag in MinneapolisReuters

Bovino, geboren in Kalifornien, wuchs in North Carolina in einer italo-amerikanischen Familie auf. Die Mutter trennte sich vom Vater, nachdem dieser bei einer Trunkenheitsfahrt eine Frau getötet hatte. Als Kind las er Autobiographien früherer Polizisten und träumte von einer eigenen Polizeikarriere. 1996 trat er dem „United States Border Patrol“ bei. 2019, in Trumps erster Amtszeit, stieg Bovino zum Leiter des Grenzschutzbezirks New Orleans in Louisiana auf.

Unter Präsident Joe Biden wurde er als Leiter ins südliche Kalifornien versetzt. Nachdem Trump Anfang 2025 ins Weiße Haus zurückgekehrt war und seine aggressive Migrationspolitik begann, leitete Bovino die Razzien in Los Angeles, später in Chicago. Heimatschutzministerin Noem nannte ihn ihren „Commander at large“, eine Position außerhalb der Befehlsstruktur der Grenzschutzbehörde, die das Gesetz nicht vorsieht. Als solcher ist er Noem direkt unterstellt.

Und nun? Die Aufgabe des Grenzschutzbeauftragten Homan dürfte darin bestehen, mit den Sicherheitsbehörden des Bundesstaates Minnesota und der Stadt Minneapolis zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass reguläre Polizisten wieder Demonstrationen sichern. Weder Beamte der Einwanderungsbehörde ICE noch der Grenzschutzbehörde sind darin geschult.

Source: faz.net