Verteidigung: Rüstungs-Speed

Falls die politischen Entscheider in Europa noch einen allerletzten Beleg dafür gebraucht haben, dass sie in Zukunft selbst in der Lage sein müssen, sich gegen militä­rische Attacken zu verteidigen, dann hat ihn US-Präsident Donald Trump mit seinen plumpen Begehrlichkeiten auf Grönland und seinem Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum geliefert. Die Zeit drängt. Der russische Prä­sident Wladimir Putin hat längst auf Kriegswirtschaft geschaltet; seine Fabriken produzieren viel mehr Kriegsgerät, als in der Ukraine zum Einsatz kommt. Trotz fünfstelliger Verluste jeden Monat auf dem Schlachtfeld wächst die Zahl seiner Soldaten. Man muss kein Militärexperte sein, um sich auszumalen, welche Absichten der Machthaber im Kreml damit verfolgen könnte. Bislang will die NATO bis zum Jahr 2029 in der Lage sein, für eine mögliche Attacke an der Ostflanke gerüstet zu sein. Doch Putin hat bisher nur selten das gemacht, was der Westen von ihm erwartet hat.

Unter diesen Vorzeichen ist es richtig und wichtig, dass der Beschleunigung von oft zeitraubenden Prüf- und Vergabeverfahren in Deutschland höchste Priorität eingeräumt werden muss. Auch dass die bislang überschaubare Rüstungsbranche nun auf ei­ner neuen Onlineplattform wie auf einem Datingportal nach neuen Industriepartnern Ausschau hält, folgt dieser Logik. Denn viele neue Anbieter von unbemannten Fahrzeugen, Aufklärungsdrohnen oder „Loitering Munition“ können für das Hochfahren der Produktion auf Stückzahlen in bislang unbekannte Größenordnungen die Erfahrungen etwa aus der Automobilindustrie gut gebrauchen. Die Symbiose aus innovativem Start-up und Industrieschwergewicht hat schon beim Corona-Impfstoff hervorragend funktioniert.

Doch um den nötigen Speed aufzunehmen, müssen vor allem Aufträge an Unternehmen vergeben werden. Vor einem Jahr begann die Diskussion um die Notwendigkeit eines „euro­päischen Drohnenwalls“. Mittlerweile sind in Deutschland die Produkte der jungen Anbieter Helsing und Stark getestet worden, die Ergebnisse liegen vor. Rheinmetall, Deutschlands Rüstungsgigant, ist später ins Rennen eingestiegen und läuft noch hinterher. Das sollte nicht dazu führen, dass die Vergabe aufgehalten wird. Die Beschaffung der Flugobjekte in fünfstelliger Zahl ist etwa auch in Tranchen denkbar, was einen baldigen Start möglich machte. Die Bedrohung wartet nicht auf Tests und Zertifikate.