Im Gazastreifen: Israel findet die letzte tote Geisel

Aufnahmen einer Drohne zeigten das Gelände im Gazastreifen, auf dem israelische Soldaten am Montag nach der Leiche des letzten vermissten Entführten suchten. Inmitten von Ruinen waren Plastikplanen zu sehen, Bagger und anderes technisches Gerät. Dort, auf einem Friedhof am Rande von Al-Schudschaiyya, einem Teil von Gaza-Stadt, wurde die Armee fündig.

Am Nachmittag teilte sie mit, die Leiche des am 7. Oktober 2023 getöteten und nach Gaza verschleppten Polizisten Ran Gvili sei identifiziert worden, man habe die Familie benachrichtigt. „Damit sind alle Entführten aus dem Gazastreifen zurückgekehrt“, hieß es in der Mitteilung. Für Israel schließt sich ein Kapitel, das mit dem Terrorangriff der Hamas blutig aufgeschlagen wurde. 251 Personen, teils lebendig, teils tot, verschleppten die Islamisten und andere Palästinenser damals in den Gazastreifen.

Mehr als 200 Gräber geöffnet

Das Suchgebiet, auf dem die Armee die Leiche fand, befand sich unmittelbar neben der „gelben Linie“, wie die Drohnenbilder zeigten, die ein Journalist des Armeeradios auf der Plattform X veröffentlicht hatte. Die „gelbe Linie“ ist die Grenze zwischen dem von Israel kontrollierten Bereich des Gazastreifens und dem Gebiet, das bislang weiter von der Hamas beherrscht wird. Mehr als 200 Gräber öffneten die israelischen Suchteams laut Angaben des Armeeradios.

Das Militär hatte zuvor mitgeteilt, es verfüge seit Kurzem über „verfeinerte“ Informationen über den Ort, an dem die Leiche sich befinden könnte. Die Armee hatte den Angaben zufolge schon mehrere, überwiegend geheime Suchaktionen durchgeführt, um Gvilis sterbliche Überreste zu finden. Alle blieben vergeblich – bis jetzt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu pries den Fund der Leiche in der Knesset als „außerordentliche Leistung für Israel“.

Die Suche nach der letzten Leiche beschäftigte nicht nur Gvilis Angehörige und viele Israelis, die Anteil an ihrem Schicksal nahmen. Sie war auch von politischer Bedeutung. Die Hamas hatte zugestimmt, gemäß dem Gaza-Plan des amerikanischen Präsidenten Donald Trump alle verbliebenen Entführten umgehend an Israel zu übergeben. Die lebenden Geiseln wurden auf einen Schlag freigelassen, die Übergabe der Leichen zog sich aber hin. Die Hamas begründete das mit der schwierigen Suche im kriegszerstörten Gazastreifen. Israel warf den Islamisten dagegen vor, sie verzögerten die Suche absichtlich. Die Hamas wies das zurück: Erst am Sonntag sagte ein Sprecher, man habe alle Informationen über den möglichen Ort von Gvilis Leiche übermittelt.

Als Vergeltung für die schleppende Übergabe der Leichen unterließ Israel es seinerseits, den Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten zu öffnen. Die amerikanische Regierung erhöhte im Zuge des von ihr erklärten Beginns der zweiten Phase des Gaza-Plans aber den Druck. Als in Davos am Donnerstag Trumps „Friedensrat“ gegründet wurde, verkündete der zugeschaltete Leiter der neuen palästinensischen Technokratenregierung, Ali Shaath, Rafah werde in der nächsten Woche geöffnet.

Rafah-Übergang soll nicht für Waren geöffnet werden

Am Wochenende sprachen Trumps Vertraute Steve Witkoff und Jared Kushner, die im „Gaza-Exekutivrat“ des Friedensrats sitzen, mit Netanjahu. Dieser rief am Sonntagabend das Sicherheitskabinett zusammen. Anschließend teilte Netanjahus Büro mit, man führe derzeit eine „gezielte Operation“ durch, um Gvilis Leiche zu finden. Den Rafah-Übergang werde Israel „nach dem Abschluss dieser Operation und in Übereinstimmung mit den Vereinbarungen mit den USA“ öffnen.

Nachdem die Leiche nun gefunden wurde, sollte dem nichts mehr im Wege stehen. Auch dann stellen sich allerdings noch zahlreiche Fragen, über die in diesen Tagen verhandelt wird – in erster Linie zwischen der israelischen Regierung und Vertretern von Trumps verschiedenen Friedensrat-Gremien, die sich wiederum mit den Vermittlerländern und palästinensischen Vertretern abstimmen.

So zeichnet sich ab, dass der Übergang vorerst nur für Personen, nicht aber für den Warenverkehr geöffnet wird. Hilfsgüter, die aus Ägypten kommen, müssten damit immer noch einen Umweg über Israel zum Übergang Kerem Schalom nehmen. Angeblich forderte Israel in diesem Zusammenhang, dass mehr Leute den Gazastreifen nach Ägypten verlassen als von dort einreisen. Dies steht im Zusammenhang von Bestrebungen, die „freiwillige Ausreise“ von Palästinensern zu fördern. Die Ein- und Ausreise dürfte strikt kontrolliert werden, unter anderem durch eine Mission der Europäischen Union, deren Details noch umstritten sind. Es heißt, Israel wolle zudem einen weiteren Checkpoint in der Nähe des Rafah-Übergangs einrichten.

Ein weiterer, politisch bedeutsamer Punkt betrifft die Ausreise von Hamas-Mitgliedern. Der israelische Sender Kan berichtete am Montag, Angehörigen der islamistischen Organisation werde es erlaubt, den Gazastreifen mit ihren Familien zu verlassen. Über solche Punkte dürfte es aber erst eine Einigung geben, wenn die größere Frage der Demilitarisierung und der generellen Zukunft der Hamas gelöst ist.

Source: faz.net