KI-Gründerin Mira Murati: Das schwierige Leben nachdem Open AI

Es war eines der größten Führungsdramen der vergangenen Jahre im Silicon Valley, und Mira Murati spielte darin eine nicht unerhebliche Rolle. Im November 2023 trennte sich Open AI, der Entwickler des mit Künstlicher Intelligenz (KI) arbeitenden Programms ChatGPT, abrupt von seinem Mitgründer und Vorstandschef Sam Altman.
Murati, die bis dahin Technologiechefin war, wurde zu seiner interimistischen Nachfolgerin ernannt. Sie war bis dahin in der breiten Öffentlichkeit nicht allzu bekannt, nun aber wurde sie auf einmal ins Rampenlicht katapultiert. Es sollte indessen nur ein sehr kurzes Zwischenspiel werden, denn nach wenigen Tagen wurde Altman wieder auf seinen Posten zurückgeholt. Murati trat in die zweite Reihe zurück, aber sie gehörte fortan zu den bekanntesten Gesichtern der KI-Szene.
Knapp ein Jahr später verabschiedete sie sich von Open AI, und im Februar 2025 gründete sie ihr eigenes KI-Unternehmen. Es heißt Thinking Machines Lab, und Murati rekrutierte dafür eine ganze Reihe früherer Kollegen von Open AI. Ihre Prominenz bescherte dem Unternehmen von Beginn an eine gewaltige Aufmerksamkeit. Wenige Monate nach der Gründung sammelte es zwei Milliarden Dollar von einer illustren Investorengruppe ein, eine der größten Summen, die sich ein Start-up jemals in seiner Anfangsphase sichern konnte. Medienberichten zufolge bekam Thinking Machines auch ein Übernahmeangebot des Internetkonzerns Meta, ließ ihn aber abblitzen.
Mitarbeiter gehen zurück zu Open AI
Nicht einmal ein Jahr nach seiner Gründung wird Muratis Unternehmen aber von internen Turbulenzen erschüttert. In den vergangenen Wochen gab es einen Exodus von Mitarbeitern, einige von ihnen sind zu Open AI zurückgegangen. Die 37 Jahre alte Murati muss jetzt mit einer dezimierten Belegschaft auskommen, vom sechsköpfigen Gründungsteam sind inklusive ihrer nur noch drei Personen übrig geblieben. Und im Fall von Barret Zoph, einem der ausgeschiedenen und zu Open AI zurückgekehrten Mitgründer, gab es offenbar gravierende Misstöne.
Das „Wall Street Journal“ berichtete, Murati habe im vergangenen Jahr von einer Beziehung Zophs mit einer Kollegin erfahren, danach habe sie ihm Verantwortung entzogen und sich wiederholt über seine mangelnde Produktivität beklagt. Zoph und zwei seiner Kollegen wiederum hätten Murati kürzlich mitgeteilt, sie seien unzufrieden mit der strategischen Ausrichtung des Unternehmens und überlegten, es zu verlassen. Wenige Tage später sei ihr Abschied publik geworden. Gegenüber der Belegschaft habe Murati die Trennung von Zoph unter anderem mit einem gestörten Vertrauensverhältnis begründet.
Start-ups können bei Meta-Gehältern nicht mithalten
Die Hintergründe für die jüngsten Abgänge bei Thinking Machines sind offenbar nicht in jedem Fall die gleichen. Aber die Häufung der Beispiele deutet auch darauf hin, dass Start-ups im Kampf um begehrte Spitzentalente auf dem Gebiet der KI in einer schwierigen Ausgangsposition sind, auch wenn sie so viele Vorschusslorbeeren bekommen haben wie Thinking Machines. Techgiganten wie Google und Meta können deutlich üppigere Gehaltspakete anbieten.
Etabliertere KI-Spezialisten wie Open AI oder Anthropic werden wohl in naher Zukunft an die Börse gehen, was Mitarbeitern, die Aktien halten, die Aussicht auf einen größeren Zahltag bringt. Meta-Chef Mark Zuckerberg hat in jüngster Zeit besonders aggressiv versucht, KI-Kräfte von anderen Unternehmen abzuwerben, und soll dabei Jahresgehälter in dreistelliger Millionenhöhe geboten haben. Er nahm dabei auch Thinking Machines ins Visier, im Herbst rekrutierte er Andrew Tulloch, einen weiteren Mitgründer. Eine ähnliche Erfahrung wie Murati musste auch Ilya Sutskever machen, ihr früherer Kollege bei Open AI, der das Unternehmen vor knapp zwei Jahren verließ und danach das KI-Start-up Safe Superintelligence gründete. Sein Mitgründer Daniel Gross wurde ebenfalls von Meta abgeworben.
Investoren zögern vor weiterer Finanzierung
Thinking Machines geht es offenbar nicht in erster Linie darum, große KI-Modelle zu entwickeln, so wie Open AI, Google oder Meta dies tun. Das Unternehmen will dabei helfen, bestehende KI-Systeme für bestimmte Aufgaben oder Branchen anzupassen. Es richtet sich nach eigener Beschreibung vor allem an KI-Entwickler, also nicht an Endverbraucher. Im Oktober brachte es Tinker heraus, sein erstes Produkt. Es handelt sich dabei um eine Programmierschnittstelle zur „Feinjustierung“ von KI-Systemen. Das Geschäftsmodell von Thinking Machines bleibt aber bislang noch recht vage.
In der ersten Finanzierungsrunde im vergangenen Juli ist Muratis Unternehmen aus dem Stand mit zwölf Milliarden Dollar bewertet worden. Zu den Geldgebern gehörten die Wagniskapitalgesellschaften Andreessen Horowitz und die Chipkonzerne Nvidia und Advanced Micro Devices. Im Moment soll es Gespräche über eine weitere Finanzierungsrunde zu einer Bewertung von 50 Milliarden Dollar geben. Die „New York Times“ berichtete aber vor wenigen Tagen von Schwierigkeiten, Investoren zu überzeugen. Manche von ihnen hätten Bedenken, ob Thinking Machines eine Zukunft als unabhängiges Unternehmen hat.
Von Tesla zu Open AI
Murati stammt ursprünglich aus Albanien. Sie wurde 1988 in Vlora an der Adriaküste geboren, zu einer Zeit, in der sich die kommunistische Diktatur nach dem Tod des langjährigen Machthabers Enver Hoxha sich schon dem Ende zuneigte. Nach eigenem Bekunden hatte sie schon als Kind ein großes Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften. Mit 16 Jahren bekam sie ein Stipendium an einer Schule in Kanada und verließ ihre Heimat. Von Kanada aus ging sie in die USA, um Mathematik und Maschinenbau zu studieren. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie mehrere Jahre für den Elektroautohersteller Tesla, sie war dort als Produktmanagerin für das Model X zuständig.
In einem Interview mit der Zeitschrift „Fortune“ beschrieb sie das einmal als prägende Zeit, weil sie an wichtigen Phasen für diese Autoreihe von der Entwicklung bis zur Einführung beteiligt gewesen sei. 2018 kam sie zu Open AI und war zunächst als Vice President direkt unter Unternehmensleitung für die Entwicklung von KI-Anwendungen und die Zusammenarbeit mit externen Partnern zuständig. Im Frühjahr 2022 wurde sie Technologiechefin, rund ein halbes Jahr später brachte Open AI ChatGPT heraus. Es war ein wegweisender Moment, der Open AI zum tonangebenden KI-Unternehmen machte und Goldgräberstimmung in der ganzen Branche auslöste.
Fast genau ein Jahr danach stürzte die Entlassung von Sam Altman Open AI ins Chaos. Der Verwaltungsrat des Unternehmens führte damals zur Begründung vage an, Altman sei „nicht durchgehend aufrichtig“ gewesen. Murati spielte in dem Drama eine etwas undurchsichtige Rolle. Obwohl sie übergangsweise zu Altmans Nachfolgerin erklärt wurde, setzte sie sich auch öffentlich für seine Rückkehr ein. Sie schloss sich einer internen Rebellion an und gehörte zu einer Gruppe von mehreren Hundert Mitarbeitern, die den Verwaltungsrat von Open AI aufforderten, die Entlassung rückgängig zu machen, und andernfalls mit Kündigung drohten. Allerdings berichtete die „New York Times“ später, sie selbst habe sich beim Verwaltungsrat über Altmans Führungsstil beklagt und ihn als manipulierend beschrieben, bevor er entlassen worden sei. Ähnliche Kritik sei damals auch von Ilya Sutskever gekommen.
Nach Altmans Rückkehr entstand zumindest nach außen hin nicht der Eindruck, dass das Verhältnis zwischen ihm und Murati gestört sei. Sie repräsentierte das Unternehmen weiter prominent bei Produktvorstellungen. Schließlich trennten sich die Wege aber doch. Bei der Ankündigung ihres Abschieds sagte Murati, sie wolle sich fortan auf eigene Projekte konzentrieren. Sie fand dabei freundliche Worte für Altman, im Gegenzug schrieb er auf der Plattform X, es könne kaum überbewertet werden, wie wichtig sie für Open AI gewesen sei. Mit Thinking Machines hat sie dann recht schnell ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ob daraus eine Erfolgsgeschichte wird, ist noch völlig ungewiss.