Umgang mit Amerika: Das „düstere Haus“ welcher USA in Davos ist eine Warnung
Wer in diesem Jahr die Promenade von Davos entlanglief, die Schlagader des Weltwirtschaftsforums, konnte das Unbehagen sehen. Es manifestierte sich in schwarzer Folie und grimmigem Schweigen. In einem Ladengeschäft und in einer Kirche, die das Selbstbewusstsein der Supermacht ausstrahlen sollten, herrschte Finsternis. „USA House Davos 2026“ stand dort auf schwarzen Folien, die Fenster verhängt. Eine New Yorkerin brachte es in der Gondel zur Schatzalp treffend auf den Punkt: „Unser amerikanisches Haus sieht ganz schön düster aus.“
Dieses „düstere Haus“ ist die perfekte Metapher für die geopolitische Realität einer neben Russland und China mit aller Macht vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump gelebten Politik der Stärke, die in dieser Woche über dem Schweizer Zauberberg hereinbrach. Der kanadische Premierminister Mark Carney hielt in den Tagen des Forums die beste Rede dazu. Sie war der Hammerschlag auf den Tisch, den europäische Regierungsvertreter sich in der intellektuellen Tiefe nicht zu trauen wagten.
„Nostalgie ist keine Strategie“, rief Carney in den Saal. Die regelbasierte Ordnung? Eine „Fiktion“, sagte Carney. Europa hat sie aufrechterhalten, solange sie dem Kontinent nutzte. Heute, in der Ära des zweiten Trump-Sturms, in der Lieferketten zu Waffen und Zölle zu Erpressungsinstrumenten werden, gelte das Gesetz des Dschungels. „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte“, warnte Carney die „Mittelmächte“. Damit meinte er auch die Europäer, die immer noch hoffen, dass der amerikanische Adler nur spielt. Doch er spielt nicht.
„Trump erkennt Schwäche wie niemand sonst“
Donald Trumps Reaktion folgte prompt. Seine Replik, auch Kanada existiere nur dank der Gnade der Vereinigten Staaten, zeigte die neue Währung der Diplomatie: Macht. Und Europa? Zögerte. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) pochte abermals auf die Macht der Regeln. Es brauchte ausgerechnet einen Amerikaner, um den Europäern den Spiegel vorzuhalten. Gavin Newsom, der demokratische Gouverneur von Kalifornien, nannte die europäische Reaktion auf Trumps Drohungen zu Beginn des Forums „pathetisch“ und „peinlich“. Am Tag nach der Rede seines Präsidenten beklagte Newsom, ein Auftritt von ihm im „USA House“ sei verhindert worden. Das sei „Amerika falsch herum“.
Newsoms Urteil – „Trump erkennt Schwäche wie niemand sonst“ – schmerzt, weil es wahr ist. Die Europäer räumten in Davos im Vertrauen ein, man sei zuletzt die ganze Zeit nur damit beschäftigt gewesen, die jeweils nächsten Social-Media-Nachrichten von Trump zu analysieren. Dabei lag eine Strategie für das Überleben direkt vor ihren Augen – in Davos, wenige Meter vom düsteren USA-Haus entfernt, in dem der Gouverneur aus Kalifornien nicht auftreten sollte. Man musste nur den richtigen Leuten zuhören. Da war zum Beispiel eine Diskussionsrunde amerikanischer Gouverneure mit Gretchen Whitmer aus Michigan, Andy Beshear aus Kentucky und Kevin Stitt aus Oklahoma. Sie demonstrierten etwas, das den Deutschen abhandengekommen zu sein scheint, was NATO-Generalsekretär Mark Rutte allerdings noch hat, wie er mit dem überraschenden Grönland-Deal bewiesen hat: Es ist die Eigenschaft des aggressiven Pragmatismus.

„Washington liefert das Drama, wir liefern die Deals“, war die Botschaft der Gouverneure, die sich als oberste Wirtschaftsförderer ihrer Bundesstaaten sehen, wie es Beshear sinngemäß formuliert. Es war faszinierend zu beobachten. Ein Republikaner wie Stitt, der Trumps „MAGA“-Welt eigentlich nahesteht, und Demokraten wie Beshear und Whitmer, die sich als Gegenpol inszenieren, bauten gemeinsam eine Wagenburg. Ihre Logik: Wenn Washington Chaos produziert, müssen die Bundesstaaten Stabilität garantieren. Stitt warb unverhohlen um deutsche Unternehmen: „Wenn euch die ESG-Regularien und hohen Strompreise in Europa zu viel werden, kommt nach Oklahoma.“
Deutschland verharrt im Schockzustand über den Verlust der alten Ordnung
Das ist keine freundliche Einladung unter Freunden, das ist ein harter Standortwettbewerb um Investitionen, geführt nicht mit Ideologie, sondern mit Vorteilen niedrigerer Kosten oder weniger Regulierung. Gouverneure wie Beshear, der als Demokrat einen eigentlich republikanisch wählenden Bundesstaat führt, warten nicht darauf, dass der Präsident wieder bessere Laune hat. Sie haben verstanden, dass die USA heute in zwei Sphären zerfallen: die geopolitische Sphäre Trumps, die Risiken produziert, und die ökonomische Sphäre der Bundesstaaten, die Subventionen und Sicherheit bietet. Wer in Amerika investieren will, ruft nicht im Weißen Haus an, sondern in Lansing, Frankfort oder Oklahoma City. Deutschland verharrt im Schockzustand über den Verlust der alten Ordnung. Die amerikanischen Gouverneure haben diesen Verlust in der ihnen eigenen Irritation über Trump – „Das mit Grönland ist etwas seltsam“, sagte selbst der Republikaner Stitt – längst eingerechnet. Sollten sie Demokraten sein, gehen sie einfach juristisch gegen Entscheidungen aus Washington vor.
Es ist diese Diskrepanz zwischen Analyse und Aktion, die sich wie ein roter Faden durch die Tage von Davos zog. Eric Schmidt, der ehemalige geschäftsführende Vorstandsvorsitzende von Google , legte den Finger in die europäische Wunde. Schmidt ist kein Visionär der Herzen, er ist, so wie früher bei Google, die „Erwachsenenaufsicht“, dieses Mal nicht für ein Unternehmen, sondern für den Westen. Seine Warnung war so simpel wie brutal: Der eigentliche Kampf findet nicht um Zölle für Stahl oder Autos statt, sondern um die Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz. Wenn Europa nicht sofort Milliarden Euro in quelloffene KI-Modelle investiert, über die es selbst die Kontrolle habe, werde der Kontinent zur digitalen Kolonie.
Schmidts These: Schaffe Europa diesen Schritt nicht, gerate es in die Abhängigkeit von chinesischen Modellen, die zwar kostenlos, aber politisch vergiftet seien, oder in die Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern. Für Schmidt ist die europäische Regulierungswut – vom „AI Act“ bis zur DSGVO – nichts weiter als Selbstfesselung. Seine Botschaft an Europa: Ihr habt nur Regeln, keine KI-Strategie. Ihr habt nur Talente. Aber Talente ohne Rechenzentren und ohne Energie sind wie Generäle ohne Armee. Der amerikanische Präsident Donald Trump machte in seiner Rede keinen Hehl daraus, dass er das auch weiß. Er lässt es Europa spüren.
Die Europäer müssen die Analyse von Carney verstehen
Deutschland braucht einen anderen Auftritt. Dass das möglich ist, bewies einer der Jüngsten in der Runde der deutschen Topmanager: Thomas Saueressig vom Softwarekonzern SAP aus Walldorf. In einer Zeit, in der viele deutsche Vorstandsvorsitzende sich eher wegducken, um nicht auf Trumps Radar zu erscheinen, forderte Saueressig offensiv: „Deutschland muss Flagge zeigen!“ Sein Argument: Deutschland macht sich kleiner, als es ist. SAP ist Weltmarktführer bei Unternehmenssoftware, im Herzen der globalen Wirtschaft. Saueressig, der als Eigengewächs des Konzerns die Transformation von innen kennt, verkörpert genau jene Verbindung aus Tradition und radikaler Modernisierung, die dem Standort Deutschland oft fehlt.
Er sieht die Fragmentierung der Weltwirtschaft nicht nur als Gefahr, sondern als Chance für Software, die Komplexität erst beherrschbar macht. „Vielleicht sehen wir in fünf Jahren hier in Davos auch wieder mehr europäische Unternehmen, die an der Promenade mit eigenen Auftritten Flagge zeigen“, sagte er. Es klang fast wie eine Beschwörung: Das Land ist noch wer, wenn es sich nur traut. Im kommenden Jahr, das haben sich hier viele bis hin zum Bundesbankpräsidenten vorgenommen, soll es auch ein „Deutsches Haus“ auf der Promenade geben. Und der Bundeskanzler verspricht weniger Regulierung, mehr Wachstum. Man habe in den vergangenen Jahren zu viele Chancen nicht genutzt.
Doch zwischen dem Wunsch und der Realität, die Newsom als pathetisch beschimpfte, klafft eine Lücke. Deutschland und Europa leiden an einem strategischen Vakuum. Die Europäer müssen die Analyse von Carney, dass die alte Ordnung tot sei, erst einmal verstehen. Und Europa ignoriert die Warnung von Schmidt, dass seine technologische Souveränität am seidenen Faden hängt, trotz aller Bekenntnisse auch des Bundeskanzlers, dass man in der Digitalisierung Gas gebe.
Der Rückblick auf das Jahr 2017 ist in einer Zeit, in der Trump den Namen seines Vorgängers als Schimpfwort nutzt, lehrreich. Damals stand Joe Biden, kurz vor dem Ende seiner Vizepräsidentschaft, auf der Bühne in Davos und beschwor die transatlantische Einheit. „Wir können Angst nicht durch Rückzug bekämpfen“, sagte er seinerzeit. Es waren prophetische Worte, die heute wie ein Echo aus einer besseren Vergangenheit klingen. Biden warnte schon damals, dass die liberale internationale Ordnung verteidigt werden müsse. Neun Jahre später muss Deutschland feststellen: Es hat sie nicht verteidigt. Die Deutschen haben sie verwaltet, bis sie zerbrach. Wenn Carney recht hat und sich der Kontinent inmitten eines Bruchs befindet, dann ist Passivität keine Option mehr. Die „Mittelmächte“ müssen sich neu sortieren.
Die Deutschen sollten lernen, wie die Gouverneure aus Oklahoma und Michigan selbst „Deals“ zu machen, die den eigenen Interessen dienen, ohne sich in Kulturkämpfen zu verheddern. Europa muss, wie Schmidt fordert, Milliarden in seine technologische Unabhängigkeit pumpen, statt sich in Regulierung zu erschöpfen. Und Deutschland sollte, wie Saueressig es vorlebt, mit breiter Brust auftreten und sagen: Wir sind relevant.
Das „düstere Haus“ der USA in Davos ist eine Warnung. Wenn Europa das Licht nicht selbst anknipst, wird es dunkel bleiben. Die Zeiten, in denen die Deutschen sich darauf verlassen konnten, dass Washington die Beleuchtung zahlt, sind vorbei. Deutschland braucht einen anderen Auftritt. Einen, der weniger auf moralische Überlegenheit setzt und mehr auf strategische Härte. Einen, der nicht nur „Kenntnis nimmt“ von Trumps Drohungen, sondern Gegenangebote auf den Tisch legt – oder Gegendrohungen, wenn es sein muss. Die Welt wartet nicht. Die regelbasierte Ordnung ist Geschichte, willkommen in einer Ordnung, die sich an „Deals“ ausrichtet. Es wird Zeit, dass Deutschland und Europa lernen, wie man in dieser neuen Welt Geschäfte macht – gerne nächstes Jahr auch im hoffentlich hellen „Deutschen Haus“.