Allfunds-Entgegennahme: Markt baut Fonds-Champion

Die Deutsche Börse hat knapp drei Jahre nach der Rekordübernahme des dänischen Softwareanbieters Simcorp offenbar wieder genug Geld in der Kasse, um abermals einen Rekord anzustreben. Wie der Frankfurter Börsenbetreiber am Mittwochabend mitteilte, will er den britisch-spanischen Fondsdienstleister Allfunds für 5,3 Milliarden Euro übernehmen. Der Simcorp-Kauf hatte 2023 knapp vier Milliarden Euro gekostet.
Allfunds wäre damit die größte Übernahme in der langen Börsengeschichte, und es wäre die erste große Transaktion unter dem Vorstandsvorsitzenden Stephan Leithner. Der sieht die Börse ohnehin mit dem Wort „Börsenbetreiber“ nicht mehr hinreichend beschrieben, Marktinfrastrukturanbieter ist ihm lieber: „Die Akquisition ist der nächste Schritt in der Entwicklung der Deutsche Börse Group als europäischer Champion für kritische Finanzmarkt-Infrastruktur“, ließ sich Leithner zitieren.
Der Fokus liegt schon lange nicht mehr auf Aktien
Sie bekräftigt den Weg der Börse, sich immer breiter aufzustellen. So machte der klassische Wertpapierhandel (inklusive ETF) in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025 nicht einmal mehr sechs Prozent der Nettoerlöse der Börse aus. Einige Geschäfte sind damit verbunden, wie der Derivatehandel zum Beispiel, der 20 Prozent der Erlöse beisteuert – auch die Abwicklung von Transaktionen und die Verwahrung von Wertpapieren (17 Prozent) sowie Indizes (vier Prozent).
Neu hinzugekommen und ausgebaut wurde in den vergangenen Jahren indes das Angebot von Nachhaltigkeitsdaten (ESG) durch die Übernahme der amerikanischen ISS (vier Prozent), der dänischen Software (elf Prozent) und des Fondsgeschäfts unter anderem mit der Übernahme der UBS Funds Services (acht Prozent). Mit der Allfunds-Übernahme könnte sich dieser Anteil gut verdoppeln. Deutlich ausgebaut wurde zudem der Strom- und Gashandel an der EEX in Leipzig (zehn Prozent), aber auch das Bankgeschäft hat dank der gestiegenen Zinsen seit dem Jahr 2022 wieder einen sehr relevanten Beitrag zu den Nettoerlösen geliefert (14 Prozent).
Die Abhängigkeit von Marktschwankungen an den Börsen und entsprechenden Handelsumsätzen hat sich damit deutlich reduziert und tut es mit der Allfunds-Übernahme weiter. Ob diese gelingt, hängt nun zunächst von den Allfunds-Eigentümern, dann von den Regulatoren vor allem in Brüssel und zuletzt vom Geschick der Integration durch die Deutsche Börse ab.
Der erste Schritt ist gut vorbereitet. Wie die Börse mitteilte, haben die beiden größten Allfunds-Aktionäre dem Angebot der Börse schon zugestimmt. Dies sind der Finanzinvestor Hellman & Friedman , hierzulande vor allem bekannt durch seine Jahre als Großaktionär der Axel Springer AG und der (Immo)Scout-Gruppe. Der Finanzinvestor hält 36 Prozent, die französische Bank BNP Paribas 13 Prozent. Nötig ist eine Zustimmung von 75 Prozent der Aktien. Auch die Unternehmensleitung befürwortet das Angebot der Börse, das eine Prämie von gut 40 Prozent zu einem volumengewichteten Durchschnittskurs vor Erstellung des Angebots entspricht. 3,6 Milliarden Euro will die Deutsche Börse in bar an die Aktionäre zahlen, den Rest gibt es als Dividende und in Aktien der Börse, so dass bei Zustandekommen etwa vier Prozent der Börsen-Aktien dann in Besitz früherer Allfunds-Aktionäre wären.
Was sagen die Wettbewerbshüter in Brüssel?
Weniger gewiss ist der zweite Schritt, die regulatorische Zustimmung. Hier wird mit einigen Monaten gerechnet, die sich vor allem die EU-Kommission mit der Transaktion beschäftigen wird. Das bisherige Fondsgeschäft der Deutschen Börse fokussiert sich durch die UBS-Übernahme vor allem auf Deutschland und die Schweiz. Allfunds, der größte Fondsdienstleister Europas, entstammt einer Gründung in Madrid durch den Banco Santander und die italienische Intesa Sanpaolo. Der Fokus liegt auf den Märkten in Spanien, Italien und Frankreich. Daraus ergibt sich der Sinn der Transaktion: Beide Anbieter ergänzen sich hervorragend, decken aber anschließend einen guten Teil der EU mit einer starken Marktstellung ab.
Florian Merkel, Portfoliomanager der Frankfurter Fondsgesellschaft Union Investment, bezeichnet das Vorhaben als unternehmerisch durchaus sinnvoll und verweist zudem auf die Marktstruktur im Fondsbereich: „Die Plattformen der Deutschen Börse und von Allfunds bringen vor allem kleinere Fondsgesellschaften und den Vertrieb von Fonds zusammen und erleichtern ihnen auch organisatorisch das Leben“, sagt Merkel. „Das ist aber nur ein Teil des Fondsuniversums, wir haben unser eigenes Vertriebsnetz und unsere eigene Plattform und manche anderen größeren Anbieter auch.“
Bliebe der dritte Teil, die Integration in die Deutsche Börse. Hier versprechen sich Analysten gute Synergien. Die Börse rechnet mit Kosteneinsparungen von 60 Millionen Euro im Jahr und 30 Millionen an Investitionseinsparungen. Allfunds beschäftigt gut 1000 Mitarbeiter vor allem in Madrid und London. Der Umsatz betrug 473 Millionen Euro in den ersten neun Monaten 2025. An der Börse selbst kam das Vorhaben gut an. Untypischerweise stieg auch der Aktienkurs des Übernehmers um vier Prozent auf 218 Euro. „Das Narrativ wird anders als bei der Simcorp-Übernahme sofort positiv gesehen“, sagt Merkel. Die Deutsche Börse unterstrich mit der Ankündigung, ihr 500-Millionen-Euro-Aktienrückkaufprogramm im Februar wie geplant zu starten, ihre starke finanzielle Basis. Die operative Gewinnmarge des Konzerns von 60 Prozent hilft Jahr für Jahr, die Kassen wieder gut zu füllen.
Source: faz.net