Wohnungskrise: Kann man Immobilienscout vergesellschaften?

Immobilienscout24 entscheidet mit darüber, wer eine Wohnung findet – und zu welchem Preis. Eine Initiative fordert die Vergesellschaftung der Plattform und denkt die Suche neu: transparent, bedarfsorientiert und demokratisch kontrolliert


Viele Inserate von immobilienscout24.de verstießen mutmaßlich gegen die Mietpreisbremse

Foto: Joko/Imago Images


Stellen Sie sich vor, Sie suchen eine Wohnung in einer deutschen Großstadt. Darum öffnen Sie also immobilienscout24.de und füllen als Erstes einen Fragebogen aus, der fragt, was Sie wirklich brauchen: Wo soll die Wohnung liegen? Wie viel können Sie zahlen? Haben Sie einen Wohnberechtigungsschein, brauchen Sie einen Balkon oder barrierefreien Zugang? Die Plattform gleicht Ihre Bedürfnisse mit passenden Wohnungen ab. Und wenn es mehrere Interessenten gibt, sortiert sie vor – nicht nach Einkommen oder Schnelligkeit, sondern nach sozialen Kriterien.

Klingt nach Utopie? Ist es auch, sagt Leonard Haas. „Software als Utopie“ nennt er das. Seit einem Jahr denken er sowie Sandra, Aline Blankertz und Malte Engeler als Gruppe an der Frage entlang: Wie könnte die Wohnungssuche aussehen, wäre Immoscout keine gewinngetriebene Firma, sondern eine gemeinwohlorientierte Suchmaschine im Interesse der Mieter.

Verstoßen Inserate gegen die Mietpreisbremse?

Dazu nahmen sie die Plattform genauer unter die Lupe. Das Ergebnis ist ernüchternd: Viele Inserate verstießen mutmaßlich gegen die Mietpreisbremse, sagt Haas. Es dominierten hochpreisige Wohnungen – auch weil Genossenschaften und kommunale Anbieter kaum inserieren. Diese Schieflage bleibe nicht folgenlos: Da Immobilienscout-Daten in den Mietspiegel einfließen, trage die Plattform dazu bei, das Mietniveau weiter anzuheben.

Das wird nicht alle Probleme auf dem Mietenmarkt lösen, aber es könnte den Zugang verbessern

Leonard Haas, Aktivist

Mit dieser Kritik steht die Gruppe nicht allein. Recherchen des Manager Magazin zeichnen das Bild eines Unternehmens, das seine Marktmacht konsequent nutzt: steigende Preise für Makler, kostenpflichtige Abos mit fraglichem Mehrwert für Suchende. Während der Wohnungsbau schwächelt, wuchs Scout24 – das Mutterunternehmen – dennoch bis zum DAX-Aufstieg 2025, Porsche musste weichen.

Wie eine Vergesellschaftung den Zugang zu Wohnungen verbessern könnte

Die Antwort? Vergesellschaftung. Als Plattform in Gemeineigentum könnte sie Transparenz schaffen, geltendes Mietrecht abbilden und Wohnungen nach Bedarf statt Zahlungsstärke vermitteln. Und sie könnte demokratisch verwaltet werden über sogenannte Plattformräte. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber die Gruppe arbeitet daran, aus der Utopie ein politisches Projekt zu machen. „Das wird nicht alle Probleme auf dem Mietenmarkt lösen, aber es könnte den Zugang verbessern“, sagt Leonard Haas.

Als konkrete Utopie geht der Vorschlag von der Immobilienscout-Vergesellschaftung darüber hinaus: Er ermöglicht es, darüber nachzudenken, wie Plattformen mit einem wirklichen gesellschaftlichen Nutzen aussähen, die nicht nur dem Profitinteresse der Eigentümer und Investoren dienen.