Weltwirtschaftsforum in Davos: „Man kann von den Ärmsten welcher Armen keine Rückzahlung verlangen“

Herr Gates, wir treffen uns hier in Davos in einer geopolitisch extrem angespannten Zeit. Dennoch wirken Sie, wenn man Ihren diesjährigen Brief zum Jahresauftakt liest, ungebrochen optimistisch. Haben Sie sich jemals gefragt, ob Ihre Arbeit vielleicht noch effektiver wäre, wenn die Gates Foundation kein philanthropisches Vehikel, sondern ein Unternehmen mit echter Renditeerwartung wäre?
Im Grunde genommen: Nein. Denn wenn man einem Kind eine Masernimpfung gibt, verlangt man dafür kein Geld. Das ist eine moralische Selbstverständlichkeit, kein Geschäftsmodell. Aber darin liegt ein gewaltiger gesellschaftlicher Gewinn. Die Gesellschaft profitiert davon, dass dieses Kind überlebt, gedeiht, zur Schule geht und später zur Wirtschaft beiträgt. Es ist eine Investition in die Zukunft eines Landes, aber keine, die sich für ein privates Unternehmen in Quartalszahlen auszahlt. Das Geld, um diese Armutsfalle zu durchbrechen, muss aus gutem Willen kommen. Man kann von den Ärmsten der Armen keine Rückzahlung verlangen.
Ein häufiger Einwand ist, dass das Retten von Leben zu einer Bevölkerungsexplosion führt, die diese Länder wiederum überfordert.
Das ist eines der erstaunlichsten Missverständnisse. Viele denken intuitiv: „Oh, wenn ihr Leben rettet, erhöht das die Bevölkerungszahl.“ Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Eltern in armen Ländern entscheiden sich für viele Kinder, um sicherzustellen, dass wenigstens zwei von ihnen das Erwachsenenalter erreichen – quasi als Altersvorsorge. Wir sehen in jeder Gesellschaft, die wir untersucht haben: Sobald die Kindersterblichkeit sinkt, und sich die Gesundheit verbessert, haben die Menschen weniger Kinder. Dann entstehen Ressourcen für Bildung. So entsteht ein positiver Kreislauf, der die Armutsfalle durchbricht.
Wäre eine Unternehmensstruktur aber nicht wenigstens besser geeignet, um die Mittelverwendung vor Ort zu kontrollieren?
Es stimmt, in den Ländern, über die wir sprechen, fehlt oft die Transparenz. Wir reden hier über sehr arme Regionen. Da gibt es vielleicht ein staatliches Zentrum für medizinische Grundversorgung, wo Mütter während der Schwangerschaft oder nach der Geburt hinkommen. Der Hauptgrund, warum wir die Kindersterblichkeit mit der Ausnahme des vergangenen Jahres so deutlich senken konnten, sind Initiativen wie die Impfallianz Gavi, die dafür gesorgt haben, dass Impfstoffe dort überhaupt verfügbar sind. In diesen ländlichen Gebieten gibt es schlicht keinen Markt für private Unternehmen. Es gibt staatliche Gesundheitshelfer. Sobald die Wirtschaft dort wächst, ändert sich das. Aber bis dahin verdienen diese Länder unsere Hilfe.
Indien ist ein Beispiel für ein Land, das diesen Sprung geschafft hat.
Absolut. Indien ist größtenteils aus dem Gröbsten heraus. Das ist das Modell, mit dem wir in den nächsten 20 Jahren fast jedes Land voranbringen wollen. In den nächsten zehn Jahren hoffen wir, dass Pakistan und Bangladesch dieses Niveau erreichen. Die meisten Länder südlich der Sahara werden die vollen 20 Jahre brauchen.
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, schlägt einen anderen Ansatz vor: Zusammenarbeit aus gegenseitigem Interesse statt reiner Wohltätigkeit. Er argumentiert ökonomisch und sicherheitspolitisch.
Es ist wichtig, den reichen Ländern zu erklären, warum sie etwa ein Prozent ihres Budgets für Entwicklungshilfe aufwenden sollten. Mein Argument war immer der moralische Nutzen und der Schutz vor Pandemien. Aber Herr Schularick hat recht: Es geht auch um Stabilität, um die Vermeidung von Kriegen und Migrationsdruck. Wachsende Volkswirtschaften bedeuten zudem neue Handelspartner. Es gibt vielfältige Vorteile, die sich aus dieser Großzügigkeit ergeben. Wenn man den Menschen zeigt: Hey, diese Arbeit kostet nur ein Prozent eures Staatshaushalts, bringt aber so viel, dann wollen die Leute Teil davon sein.
Dennoch sind die Budgets für Entwicklungshilfe im Westen unter Druck. In den USA wird über Kürzungen diskutiert, und auch in Europa fließt viel Geld in die Verteidigung und die Unterstützung der Ukraine.
Die Zahlen sind aktuell nicht toll, das stimmt. Aber wir dürfen nicht nachlassen. Wir werden uns an religiöse Gemeinschaften wenden, an die Diaspora, an Gesundheitsmitarbeiter, um die Botschaft zu verbreiten. Um die Jahrhundertwende hatten wir eine Phase großer globaler Kooperation, die Millenniums-Entwicklungsziele waren klar, die westlichen Mächte arbeiteten zusammen. Heute ist die Innenpolitik vieler Länder polarisiert, denken Sie an die USA. Aber wir kämpfen darum, dass die Kürzungen der staatlichen Mittel zurückgenommen werden.
Sie setzen große Hoffnungen in die Technologie, um diese Lücken zu füllen. Gerade gab es hier in Davos gemeinsam mit Open AI eine Ankündigung zur Künstlichen Intelligenz (KI) in der Medizin.
Das ist extrem spannend. Wir werden KI in unserer Gesundheitsarbeit massiv einsetzen. Zum einen, um neue Impfstoffe und Medikamente viel schneller zu entdecken. Die Modellierung biologischer Vorgänge ist komplex, KI hilft uns dabei enorm. Aber noch wichtiger ist der Einsatz von KI bei der medizinischen Beratung der Patienten.
Wie sieht das konkret aus?
Die Idee ist, dass wir alle afrikanischen Dialekte in KI-Modelle integrieren. Ein Bürger in einem abgelegenen Dorf in Afrika, der nur ein einfaches Mobiltelefon besitzt und keinen Arzt in der Nähe hat, kann seine Symptome beschreiben. Die KI versteht den Dialekt, transkribiert das Gespräch und nimmt eine erste Triage vor. Wenn es ernst ist – etwa hohes Fieber oder Komplikationen in der Schwangerschaft –, organisiert das System einen Termin in der Klinik.
Das klingt nach einer enormen Entlastung für das knappe medizinische Personal.
Genau das ist der Punkt. Wenn der Patient dann in der Klinik ankommt, muss der Arzt keine Formulare mehr ausfüllen. Die KI hat schon eine Zusammenfassung erstellt. Das macht die Behandlung doppelt so effizient. Das Teuerste am Gesundheitssystem sind nicht die Medikamente – die liefern wir oft kostenlos –, sondern das Personal. Die Papierarbeit verschwendet heute unglaublich viel Zeit. Unser Ziel ist es, allen Afrikanern in den nächsten Jahren diese „Rechenleistung“ kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wir starten Pilotprojekte in Ruanda, weil das Land bereits über ein recht hochwertiges System der medizinischen Grundversorgung verfügt.
Lassen Sie uns über Ihre Stiftung sprechen. Sie haben angekündigt, bis zum Jahr 2045 das gesamte Kapital der Gates Foundation ausgeben zu wollen. Das bedeutet, Sie müssen das Tempo Ihrer Ausgaben deutlich erhöhen.
Wir wollen unsere Gemeinkosten stabil bei etwa 13 Prozent halten, aber ja, wir haben einen erheblichen Anstieg bei den Programmausgaben. Wir agieren hier fast wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen: Wir achten extrem auf Effizienz, weil uns die Zeit im Nacken sitzt. Wir wissen heute, wie man Impfstoffe für einen Dollar herstellt. Wir sind der kostengünstigste Akteur in diesem Bereich. Das Ziel ist es, Platz für neue Initiativen zu schaffen und Probleme endgültig zu lösen, statt sie nur zu verwalten.
Wenn Sie heute auf Afrika blicken – sind Sie frustriert? Ist der Kontinent immer noch das „Sorgenkind“, als das er zu unserer Schulzeit galt?
Die Lage ist heute viel besser als vor 20 Jahren, aber die Herausforderungen bleiben riesig. Afrika hinkt hinterher. Die Strommenge pro Kopf ist verschwindend gering. Aber für mich ist das Glas halb voll. Die Mehrheit der Kinder wird in diesem Jahrhundert in Afrika geboren werden. Die Frage ist: Werden diese Kinder gesund und gut ausgebildet sein, um zur Weltwirtschaft beizutragen? Oder werden sie eine Quelle von Instabilität sein?
Sehen Sie diese Dynamik schon?
Absolut. In Ländern wie Nigeria, Kenia oder Tansania gibt es eine unglaubliche Energie. Wir arbeiten eng mit lokalen Philanthropen zusammen. Sie kennen die Gegebenheiten vor Ort besser als wir. Diese Probleme sind lösbar. Wenn unser Ziel ist, dass Afrika in 20 Jahren autark ist, dann müssen wir jetzt in die Gesundheit und Bildung dieser jungen Generation investieren.
Zur Person
William „Bill“ Henry Gates III. (geboren 1955 in Seattle) revolutionierte als Mitgründer von Microsoft die Welt der Personal Computer und wurde zu einem der reichsten Menschen der Welt. Im Jahr 2000 zog er sich schrittweise aus dem operativen Geschäft zurück, um sich gemeinsam mit seiner damaligen Frau der Bill & Melinda Gates Foundation zu widmen. Die Stiftung, die er heute alleine betreibt und nur noch Gates Foundation heißt, ist heute die größte private Wohltätigkeitsorganisation der Welt und konzentriert sich auf die Bekämpfung von Krankheiten sowie die Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Bildung in Entwicklungsländern. Gates ist Mitinitiator von „The Giving Pledge“, einer Kampagne, die Milliardäre dazu aufruft, den Großteil ihres Vermögens für philanthropische Zwecke zu spenden.