„German Guilt“ im Zweites Deutsches Fernsehen: Hast du schon mal vom Holocaust gehört?
Folgt man dem Journalisten und Filmautor Thilo Mischke in seiner neuen dreiteiligen Dokumentation „German Guilt“, die kurz vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar im ZDF-Stream läuft, dann hat es die Aufarbeitung von Familiengeschichten während des Naziregimes hierzulande nicht gegeben.
War Opa ein Naziverbrecher?
Als habe er, Thilo Mischke, dieses Neuland, das Verschweigen und Versagen persönlich entdeckt, daraus seine journalistischen, staatsbürgerlichen und gefühlsmäßigen Konsequenzen gezogen, prominente Mitstreiter zum Nachforschen in eigener Familiensache angefragt, sei dabei auf eine Mauer des Schweigens gestoßen, nur bei Katja Riemann und Ronja von Rönne nicht, und habe Michel Friedman um Einordnung gebeten. Nun sei er, Thilo Mischke, ausgezogen, den Menschen hierzulande die Gelegenheit zum Zugang zu ihrer Vergangenheit zu geben. War Opa ein Naziverbrecher? Warum ist über das Schicksal von Oma nichts bekannt?
In „German Guilt“ sind wir so gut wie live dabei, wenn Mischke, Riemann und von Rönne recherchieren. Erleben Premieren der intergenerationellen Gefühlsheilung im deutschen Geschichts-Presenterfernsehen. Während der Autor mehrfach im Off-Text betont: Deutsche lebten nicht nur im Dornröschenschlaf, was ihren persönlichen Zugang zur möglichen Schuld oder zur Verfolgung und Vernichtung ihrer Vorfahren in den Jahren des Naziregimes angehe. Sondern jetzt, und da hat Mischke zweifelsohne recht, lebten wir in Zeiten, in denen die unerträgliche geschichtspolitische Forderung der AfD nach einer „Wende“ in der deutschen Erinnerungskultur immer populärer werde. Allerdings formuliert es Mischke so, als bestimmten Alexander Gaulands unsägliches Wort vom „Fliegenschiss“ und Björn Höckes gezielte Provokationen die Debatten vollständig.

Insbesondere die Bildstrategien der Einführung in Mischkes für den ZDF-Mediathekenkonsum formatierten Info-Dreiteiler (Regie Boris Quatram und Thilo Mischke) wirken in der ersten Folge verkürzend bis fragwürdig, bis falsch. Im schnellen Zusammenschnitt wechseln Massenjubel von NS-Begeisterten, Aufmärsche und Parteitagsszenen mit Massengräbern, Massenerschießungen und zu Bergen geschichteten Ermordeten. Auf der Bildebene kann man darin eine Gleichsetzung von Tätern und Opfern sehen, die sicher nicht beabsichtigt ist. Doch historisch-bildliche Fahrlässigkeit ist hier Programm, so als ob eine historisch-kritisch informierte Herangehensweise mögliche Zuschauer von vornherein abschrecke. „German Guilt“ ist gemeint für Holocaust-Nichtwisser, die auch unterhalten werden wollen. Das kann man angesichts fortschreitender Unkenntnis unter Jüngeren verstehen, das kann als Heuristik vielleicht funktionieren, ist beim Thema deutsche Schuld aber zumindest zweideutig. Es entspricht indes Mischkes journalistischer Herangehensweise an jedwedes Thema.
Wer seine Filmarbeiten länger beobachtet als seit dem vergangenen Jahr, in dem die ARD vorübergehend meinte, in ihm die neue Idealbesetzung eines Moderators des Kulturmagazins ttt zu sehen, bis ein früheres, vielleicht gar lustig gemeintes sexistisches Buch des Autors zur Nemesis zurechtskandalisiert wurde, die Redaktion sich öffentlich gegen Mischkes Besetzung bei ttt wandte, die ARD ein schlimmes Bild der Nichtkommunikation abgab und Konsequenzen des öffentlich-rechtlichen Fiaskos ausblieben, außer für den Mann selbst, der kann in „German Guilt“ wieder einen typischen Mischke erkennen. Seine Markenzeichen: überpersönlicher Zugang, übermäßige, manchmal gewollt naive Zuspitzung, gute Recherche, der Mann als rasender Reporter und Doku-Presenter in fast jedem Bild anwesend und so gut wie jede Szene dominierend und alles Dargestellte mit großer Betroffenheit kommentierend.
Mischke ist die personifizierte Anschlussfähigkeit
Niedrigschwelliger Zugang und voraussetzungsloser Einstieg in ganz egal welches Thema, das macht Mischkes Dokumentationen über Afghanistan, Syrien oder Rechtsextremismus aus. Mischke, und das mag die Verantwortlichen des auf den Hund gekommenen öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehens angezogen haben, nimmt am liebsten die Rolle der personifizierten Anschlussfähigkeit ein. Sein weithin sichtbarer Anspruch ist es, jeden mitzunehmen in die präsentierten Themen und auf dem Weg seiner Recherchen. Das hatte auch schon positive Folgen. 2021 wurde der Autor für die Pro-Sieben-Dokumentation „Rechts. Deutsch. Radikal“ in der Kategorie Information & Kultur für einen Grimme-Spezial-Preis nominiert (woran die Autorin dieses Artikels als Teil der Jury beteiligt war). Dort gezeigte Undercoveraufnahmen mit menschenverachtenden Aussagen aus der AfD führten zu Aufruhr in der Partei. Mehrfach wurde Mischke mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet oder für diesen nominiert. Etwa für „Pro Sieben Spezial – Verlassen und Vergessen? Afghanistan im Griff der Taliban“. Viele begreifen seine Filme als Infotainment.

Im Verlauf der drei Folgen von „German Guilt“ wird es, nachdem man direkt abschalten wollte, tatsächlich interessant – immer dann, wenn die Mätzchen zugunsten journalistischer Recherche weggelassen werden. Mischke entdeckt, dass seine Großmutter, überzeugte Sozialistin und DDR-Spionin, ein Lebensborn-Kind war. War der unbekannte Urgroßvater vielleicht SS-Mitglied der Leibstandarte Adolf Hitler? Riemann erforscht, dass ihre Vorfahrin in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen durch gezielte Vernachlässigung ermordet wurde. Von Rönnes Urgroßvater war in der Wehrmacht und landete auf Kreta. Hat er Verbrechen begangen? Mischke und Rönne entdecken auf der Insel Spuren von Aktivitäten deutscher Geschichtsleugner. Mischke spricht mit Hochbetagten, die im „Lebensborn“-Entbindungsheim geboren oder dorthin als Kinder verschleppt wurde. Irgendwann wird der Presenter selbst zum Porträtsubjekt, als sein Regisseur Quatram ins Bild kommt, Dokumente der Identifizierung des Urgroßvaters überreicht und die Kamera Mischkes Schock und Ekel von Nahem einfängt. Manches wirkt hier inszeniert oder seltsam, aber nur halb so seltsam und um ein Vielfaches wichtiger als Mischkes letztjähriger Auftritt im Ersten als Literatursachverständiger neben Daniel Kehlmann und Rüdiger Safranski („Kafka und ich – Wer war der legendäre Schriftsteller?“, NDR). Zu den Pluspunkten von Mischkes neuem ZDF-Dreiteiler gehört der Verweis auf die Bedeutung der Archive und das Lob ihrer Arbeit.
In „German Guilt“ (der englische Titel erschließt sich nicht, außer als Click-Bait) hat es, und das zählt zum Minus, in der jüngeren Zeitgeschichte keine Bücher gegeben wie Ralph Giordanos „Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein“ (1987), keinen Guido Knopp und dessen ZDF-Filme zur NS-Geschichte, keine Dokumentationen wie die über die „ganz normalen Männer“ der Polizeibataillone, keine Filme wie das vielfach ausgezeichnete Dokudrama „Ich bin! Margot Friedländer“ oder zuletzt den hervorragenden Geschichtsfilm „Calmeyers Dilemma“ des 2024 verstorbenen Publizisten Lutz Hachmeister. Hier scheint es, als existiere die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) mit ihrer wichtigen Arbeit gar nicht. Erinnerungskultur, so das am Anfang der drei Teile von „German Guilt“ gezogene Fazit, sei in Deutschland entweder unbekannt oder werde von Rechtsextremen instrumentalisiert. Am Ende steht für Mischke fest, dass er einen Anfang gemacht habe. Punktuell ist „German Guilt“ durchaus sehenswert, aber wollen wir wirklich ein Geschichtsfernsehen, in dem es vor allem ums emotionale „Abholen“ geht?
German Guilt, ab Mittwoch im ZDF-Stream.
Source: faz.net