Häusliche Gewalt in dieser Ukraine: Die Schläger von dieser Front
Das letzte Mal, als Tatjana ihren Mann gesehen hat, drohte er ihr, sie umzubringen. Er hielt sie und die beiden Töchter in ihrer Wohnung fest, schloss die Tür ab. Stundenlang flehte Tatjana ihn an, ihr die Schlüssel zu geben, sie gehen zu lassen. Irgendwie schaffte sie es, einer Freundin zu schreiben. Die rief die Polizei. Doch selbst als die Beamten kamen, öffnete er die Tür nicht.
40 Minuten lang harrten sie so aus: Tatjana und die Kinder in, die Polizisten vor der Wohnung. Dann, ganz plötzlich, schloss er doch auf, ließ sie gehen. Tatjana nahm die beiden Mädchen und rannte aus der Wohnung, mit nicht mehr als dem, was sie am Körper trugen.
„Ich war barfuß“, erinnert sie sich. So standen sie auf der Straße, damals im Herbst 2024. Ihr Mann öffnete die Tür nicht noch einmal. Die Polizei nahm die drei mit und gab Tatjana den Kontakt zu einem Frauenhaus in der Nähe von Kiew, in dem sie vorerst unterkamen.
Ein halbes Jahr später ist Tatjana noch immer dort. Sie sitzt auf einem Sofa, umklammert mit ihren Händen eine Kaffeetasse. Ihre Nägel sind lang, spitz und hellblau lackiert. Auf einem steht „Love“, auf einem anderen ist ein kleines schwarzes Herz gemalt. Das Erzählen fällt Tatjana schwer, immer wieder bricht ihr die Stimme, muss sie Tränen hinunterschlucken. Manchmal fließen sie dennoch. So schmerzhaft sind die Erinnerungen, so groß die Verzweiflung, wie es weitergeht. Sie hat Angst. Angst, dass ihr Mann sie findet und ihre jüngere, die gemeinsame Tochter mitnimmt. Seinen Namen nennt sie nicht einmal im Gespräch, sagt immer nur „er“.
Es muss schlimm gewesen sein, sagt sie
Tatjanas Mann ist Soldat in der ukrainischen Armee, schon 2014 kämpfte er im Donbass, als Russland das erste Mal die Ukraine angriff. Der Krieg hat ihn verändert. Was er an der Front erlebt hat, erzählt sie nicht. Vielleicht weiß sie es auch gar nicht so genau. Sie sagt nur, „es muss schlimm gewesen sein“. So schlimm, dass das Leben mit ihm danach immer schwieriger wurde. „Es gibt diese Momente voller Aggression, wenn er total die Kontrolle über sich verliert.“ Jahrelang schlug er sie. Bestraft wurde er dafür nicht. Gegen Landesverteidiger geht man nicht vor.
Einmal sei sie zur Polizei gegangen, erzählt Tatjana. Als die Beamten erfuhren, dass ihr Mann Soldat ist, wiesen sie sie ab: „Das ist eine Familienangelegenheit, darum kümmern wir uns nicht. Morgen vertragt ihr euch wieder, und alles wird wieder in Ordnung sein.“ Also hielt sie durch, suchte Entschuldigungen für sein Verhalten. Immer wieder sagte sich Tatjana, ihr Mann habe im Krieg viel durchgemacht, viel gesehen. So wiederholt sie es auch mehrmals im Gespräch mit der F.A.S., fast so, als ob sie ihn trotz allem noch in Schutz nehmen wolle. Tatjana ist überzeugt, ihr Mann ist traumatisiert. „Er kann total ausrasten, und nach ein paar Stunden erinnert er sich an nichts mehr.“

Sie bat ihn, sich Hilfe zu suchen. Aber er wollte keine Hilfe. Tatjana schluckt, ihr steigen Tränen in die Augen, als sie davon spricht. Nach und nach wuchs das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, vor allem nach den ersten Todesdrohungen. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder irgendwann ein Monster sehen. Sie haben niemanden außer mir.“
Tatjanas Geschichte ist kein Einzelfall. Hilfsangebote für Frauen haben einen enormen Zulauf in der Ukraine, die Frauenhäuser sind voll. Allein die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, auch wenn sie offiziell sinken. 2023 wurden laut Innenministerium fast 300.000 Fälle von häuslicher Gewalt registriert, im Jahr darauf knapp 200.000 Fälle. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres gingen 103.000 Anzeigen bei der Polizei ein. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Frauen sind zunehmend Gewalt des Partners ausgesetzt
Laut einer im April veröffentlichten Studie der Vereinten Nationen hat die geschlechtsspezifische Gewalt in dem Land seit dem russischen Großangriff vor vier Jahren um 36 Prozent zugenommen. Demnach sind Frauen zunehmend Gewalt durch ihre Partner ausgesetzt. Zudem gibt es vermehrt Berichte über Gewalt gegen ältere Frauen durch ihre Söhne und gegen Mädchen, die von ihren Vätern misshandelt werden. Die Gründe sind vielfältig, haben aber alle etwas mit dem Krieg zu tun: Flucht und Vertreibung, Arbeitslosigkeit, zunehmender Alkohol- und Drogenkonsum.
Auch heimkehrende Soldaten werden in der Studie erwähnt, ebenso wie Männer, die sich vor der Einberufung drücken und deshalb mehr zu Hause sitzen. Oft geht es um das Gefühl fehlender Männlichkeit.

„Das Ausmaß der Gewalt ist sehr groß“, meint auch Tetjana Iwanowa. Größer als vor dem Krieg. Iwanowa leitet den Bereich zur Bekämpfung von Gewalt und zum Schutz der Rechte von Frauen bei der Hilfsorganisation Eleos, der auch das Frauenhaus gehört, in dem Tatjana untergekommen ist. 15 Menschen haben dort Platz, es gibt drei Sozialarbeiterinnen, eine Psychologin und eine Hausmanagerin. Fast immer ist es voll belegt.
Das zweigeschossige Gebäude steht in einem Vorort von Kiew, unscheinbar hinter einem Wellblechzaun. Im Garten gibt es ein Klettergerüst und Gemüsebeete. Die Idylle täuscht darüber hinweg, dass russische Soldaten den Ort im Winter 2022 wochenlang besetzt hielten. Zum Glück war es der Organisation vorher gelungen, das Haus zu evakuieren.
Kurz nach der Befreiung des Gebiets Ende März 2022 kehrten Iwanowa und ihr Team zurück. Damals gab es viele Frauen, die Hilfe suchten, erinnert sie sich. Sie waren von russischen Soldaten vergewaltigt und in Kellern festgehalten worden.
Ein Ort, an dem Frauen ihr Leben neu ordnen können
Die Gewalt der Besatzer ist die eine Seite im Krieg, die andere die Gewalt durch die eigenen Männer. Im vergangenen Jahr hat das Frauenhaus nach eigenen Angaben 30 Frauen und 38 Kinder aufgenommen. Meistens bleiben sie drei Monate, manchmal aber auch wie Tatjana deutlich länger.
Iwanowa versucht, alles auf den neuesten Stand zu bringen, stets wird etwas erneuert: Spielecke, Küche, Bad, Betten. „Wir sind wie ein großer lebendiger Organismus.“ Sie will einen Ort der Unterstützung schaffen, „einen Ort des Neustarts“, wo Frauen ihr Leben neu ordnen können. Tatjana musste das schon mehr als einmal tun. Eigentlich stammt sie aus Donezk im Osten der Ukraine, wo der Krieg schon zwölf lange Jahre tobt, hat dort ein Jahr unter russischer Besatzung gelebt.
Dann fanden die Russen heraus, dass ihr Mann ukrainischer Soldat ist. Sie floh, zog nach Melitopol in der Südukraine, bekam ihre zweite Tochter Anhelina. Am 24. Februar 2022 wurde sie vom Donnern der Kampfflugzeuge und Explosionen geweckt. Sie sahen die Einschläge, wie die Stadt brannte. Die damals Fünfjährige hatte so große Angst, dass sie danach zu stottern anfing und in Therapie musste.

Tatjanas Mann war zu dem Zeitpunkt in Kiew stationiert. Also machte sie sich mit den beiden Töchter auf den Weg zu ihm. Fünf Tage waren sie unterwegs. An jedem Kontrollpunkt der Russen schlug ihr Herz schneller. Würden sie sie durchlassen? Bei einer der Kontrollen musste sich Tatjana vor den Soldaten ausziehen.
„Zum Glück sind diese Demütigungen vorbei“, sagt sie. Heute geht es auch Anhelina besser, aber jeder Luftalarm ruft die Bilder aus Melitopol wieder hervor. Tatjana schnieft, als sie an ihre Tochter denkt. Die ist im Obergeschoss, liegt in einem Doppelstockbett. Die Familienzimmer sind mit Holz ausgekleidet, wirken mit ihren Dachschrägen gemütlich. In Tatjanas Raum stapeln sich die Kuscheltiere. Beide Töchter haben mindestens ein Dutzend, sie sind ein Ersatz für die Haustiere, die sie in Melitopol zurücklassen mussten – zwei Katzen und einen Papagei.
Hohes Maß an Aggression in der Gesellschaft
Geflüchtete wie Tatjana sind besonders häufig von häuslicher Gewalt betroffen. Sie müssen sich in einem neuen Umfeld einfinden, neue Jobs suchen, es fehlt ein soziales Netz wie Freunde, Eltern, Verwandte. Das gilt für Familien von Soldaten ebenso wie für jene, die zusammen vor dem Krieg fliehen. Grundsätzlich verschärft der Krieg die angespannte Lage in vielen Familien. „Es herrscht ein hohes Maß an Aggressionen in der Gesellschaft“, sagt Halyna Skipalska, Geschäftsführerin der Ukrainischen Stiftung für öffentliche Gesundheit (Healthright). „Das steigert die Akzeptanz für Gewalt in Beziehungen.“ Wer jede Nacht fürchtet, sein Haus könnte von einer Rakete getroffen werden, nimmt ein paar Schläge als weniger schlimm wahr.
Die F.A.S. erreicht Skipalska über Video in Kiew, wo derzeit wegen der russischen Angriffe oft Strom, Wasser, Heizung ausfallen – bei zweistelligen Minusgraden. In Skipalskas Büro ist es so kalt, dass sie ihre dicke Winterjacke anbehalten muss. Ihre Organisation arbeitet viel mit Frauen in Notlagen. Die Stiftung betreibt unter anderem Frauenhäuser und bietet online psychologische, soziale und rechtliche Beratung an. Sie können sich vor Anfragen nicht retten.

Für Skipalska ist eines der größten Probleme, dass häusliche Gewalt in der Gesellschaft noch immer als Tabuthema gilt. Vor allem, wenn die Gewalt von einem Soldaten ausgeht. Sie sind monate-, teils jahrelang von ihren Familien getrennt und kommen meist nur für eine kurze Zeit nach Hause. In diesem Momenten konzentrieren sich die Frauen nicht darauf, dass er sie schlägt, sondern darauf, dass er wieder da ist. Und sie haben Angst, dass andere mit Unverständnis oder sogar Ablehnung reagieren. Schließlich gelten die Soldaten als Helden.
Skipalska sagt auch, dass es vielen Männern schwerfällt, bei diesen kurzen Heimatbesuchen umzuschalten vom Leben in der Armee, vielleicht sogar an der Front. Auf einmal ist man wieder im zivilen Leben, das zwischendurch ohne einen weitergelaufen ist. Frauen bewältigen den Alltag ohne sie, Kinder werden größer, Familien entfremden sich. Hinzu kommen Traumata.
Erklären, dass es keine gute Beziehung ist, wenn er zuschlägt
Vor dem Krieg hat Healthright auch Polizisten geschult, wie sie mit Fällen von häuslicher Gewalt umgehen. Denn nicht erst jetzt ist es ein großes Problem in der Ukraine. Doch viele der Polizisten von damals sind nun in der Armee. Man müsste neue Trainings abhalten. Aber weder dort noch im Justizsystem wird das Thema häusliche Gewalt prioritär behandelt. Ein anderer Ansatz ist die Arbeit mit den Frauen selbst, ihnen zu erklären, dass es keine gute Beziehung ist, wenn er zuschlägt, dass Gewalt auch psychisch sein kann. Vor allem aber hilft es, wenn Frauen wirtschaftlich unabhängiger werden. Zumindest in diesem Bereich eröffnet der Krieg neue Möglichkeiten: Frauen übernehmen Stellen, die frei werden, wenn Männer eingezogen werden.
Für Tatjana ist das allerdings nicht so einfach. Anhelina geht noch in die Grundschule, muss nachmittags betreut werden. Eine Halbtagsstelle ist schwierig zu finden, sagt Tatjana. Dabei wäre sie zu vielem bereit. Sie hat schon in einem Schweinebetrieb, im Supermarkt, in der Verwaltung gearbeitet.
„Der Mensch ist so universell, dass er alles lernen und sich anpassen kann“, ist sie überzeugt. Ihr Traum wäre eine Ausbildung zur Handpflegerin, um einen eigenen Salon zu eröffnen. „Mit einer Spielecke und Kinderbetreuung“, betont sie. Zu viele Mütter schafften es nicht zur Kosmetikerin oder zum Friseur, weil sie niemanden haben, der auf ihre Kinder aufpasst. „Ich würde sehr gerne so einen Ort schaffen.“ Dann denkt sie wieder an die Realität. Sollte ihr Mann sie finden und Anhelina mitnehmen, würde Tatjana wohl für ihre Tochter zu ihm zurückkehren. „Dann werde ich es weiter ertragen.“
Auch Skipalska blickt mit Sorge auf die Zukunft. Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Die Frauen haben sich verändert. Viele Männer kämen damit nicht klar. Sie fürchtet eine weitere Zunahme häuslicher Gewalt. „Wenn es eine Waffenruhe gibt, wenn es zu einer Demobilisierung kommt, werden diese Probleme zunehmen“, sagt sie. „Wir sind darauf überhaupt nicht vorbereitet.“
Source: faz.net