Schweizer Aktienmarkt: Nestlé schlägt den Anlegern uff den Magen

Der groß angelegte Rückruf von Nestlé-Babynahrung hat nicht nur Eltern in aller Welt verunsichert, er schlug auch vielen Anlegern auf den Magen. Der Aktienkurs des Schweizer Lebensmittelriesen ist seit Jahresbeginn um fünf Prozent auf 74,40 Franken gefallen. Das ist das niedrigste Niveau seit dem Jahr 2018. Die Hoffnung, dass unter dem entschlossen auftretenden neuen Vorstandsvorsitzenden Philipp Navratil ein Ende der Negativschlagzeilen eingeläutet werden würde, hat getrogen. Durch das Öl eines Zulieferers könnte ein Giftstoff in einzelne Chargen der Marken Beba und Alfamino gelangt sein.
Die direkten finanziellen Auswirkungen des schrittweisen Rückrufs in rund 60 Ländern werden für den Konzern nach eigener Einschätzung „voraussichtlich nicht erheblich“ sein. Aber der Imageschaden wiegt schwer und könnte das Geschäft in einem strategisch wichtigen Bereich beeinträchtigen: Im Segment der Säuglingsnahrung hat Nestlé global einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent. Um die Wogen zu glätten, hat sich Navratil Mitte Januar in einer Videobotschaft bei Eltern und Betreuungspersonen entschuldigt. Er bekräftigte, dass es bislang keine bestätigten Krankheitsfälle im Zusammenhang mit den Produkten gebe und die Produktsicherheit in seinem Haus oberste Priorität habe.
Gefragte Dividendenaristokraten
Eine klare Mehrheit der Analysten empfiehlt aktuell, die Nestlé-Aktie zu kaufen oder zu halten. Zur Begründung verweisen sie vor allem auf die – auch infolge des Kursrückgangs – attraktive Dividendenrendite von rund vier Prozent. Tatsächlich gehört Nestlé zu den sogenannten Dividendenaristokraten im Schweizer Aktienmarkt. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie seit Dekaden die Ausschüttung an ihre Aktionäre Jahr für Jahr erhöhen. Auch für 2025 rechnen Analysten damit, dass Nestlé die Dividende weiter aufstockt, und zwar vermutlich um rund vier Prozent.
Zur Liga der Dividendenaristokraten zählen auch Roche und Novartis. Die beiden Basler Pharmakonzerne haben seit Mitte der Neunzigerjahre ihre Ausschüttungen jedes Jahr erhöht. Ihre Dividendenrenditen belaufen sich aktuell auf rund drei Prozent. Übertroffen wird das von dem Versicherungskonzern Zurich, der auf eine Dividendenrendite von knapp fünf Prozent kommt. Deshalb hält Matthias Geissbühler, Anlagechef der Schweizer Raiffeisen-Bankengruppe, die Zurich-Aktie für kaufenswert. Ferner hat er die Versicherer Swiss Re und Swiss Life sowie den Telekommunikationskonzern Swisscom auf seiner Liste mit attraktiven Dividendentiteln.
Im Swiss Performance Index (SPI), in dem alle börsennotierten Unternehmen der Schweiz enthalten sind, liege die Dividendenrendite im Durchschnitt bei rund drei Prozent, sagt Geissbühler, der in diesem Jahr eine weitere Rekordausschüttung im Markt erwartet. „Das spricht für die Anlage in Aktien.“
Anlagenotstand im Schweizer Aktienmarkt
Hinzu kommt: In der Schweiz herrscht Anlagenotstand. Der Leitzins liegt bei null Prozent, Immobilien sind nach dem Preisanstieg in den vergangenen Jahren extrem teuer, und zehnjährige Staatsanleihen werfen gerade einmal 0,3 Prozent ab. Auch Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, preist die hohe Dividendenrendite im Schweizer Aktienmarkt und dessen konservativen Charakter, der gerade in Zeiten der Unsicherheit anziehend sei.
Nach Donald Trumps Zolldrohungen im Streit um Grönland gab der Swiss Market Index (SMI), in dem die 20 gewichtigsten Titel der Schweiz vertreten sind, im Verlauf des Montags nur um rund ein Prozent auf 13.270 Punkte nach. Zu den größten Verlierern gehörten der Luxusgüteranbieter Richemont, der Augenmittelhersteller Alcon, der Logistikriese Kühne + Nagel und der Industriekonzern ABB – allesamt zyklische Werte, die stark vom Geschäft in den Vereinigten Staaten abhängig sind. Defensive Titel wie die wenig konjunktursensible Swisscom und der Versicherer Zurich legten hingegen leicht zu. Als sicherer Hafen war wieder einmal der Schweizer Franken gesucht.
Weil die Schweiz von den neuen Zollandrohungen nicht betroffen sei, werde sich für die Exporteure direkt nicht viel ändern, sagt Geissbühler. Er warnt allerdings vor indirekten Auswirkungen: Falls sich die ohnehin schwache Konjunktur in der Eurozone durch Zusatzzölle weiter eintrübe, bekämen das auch Schweizer Industriezulieferer sowie die Wirtschaft als Ganzes zu spüren. Schließlich sei die Europäische Union immer noch klar der wichtigste Handelspartner der Schweiz. Grundsätzlich zeige die jüngste Episode einmal mehr die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten. Diese erschwere die Planung für die Unternehmen und erhöhe die Volatilität an den Aktienmärkten.
Im vergangenen Jahr ist der Swiss Market Index um rund zwölf Prozent gestiegen. Damit blieb das Schweizer Leitbarometer hinter der Entwicklung in den Aktienmärkten in Deutschland und Amerika zurück. Die starke Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz, die den US-Aktienmarkt beflügelt hatte, ist in der Schweiz allenfalls indirekt bemerkbar: nämlich in dem kräftigen Aufwind, den die Halbleiterausrüster VAT, Inficon und Comet an der Börse zu spüren bekommen haben.
Sollten jene Analysten recht behalten, die noch kein Ende des Chipzyklus voraussehen, haben diese Titel wohl weiterhin Luft nach oben. Am Montag rutschten sie in Reaktion auf Trumps neuesten Irrlauf allerdings klar ins Minus.
Source: faz.net