Wirtschaftsleistung: Erhebliche Zweifel an Chinas Fünf-Prozent-Wachstum

Ein Wachstum von knapp 5 Prozent ist nötig, um das von Präsident Xi Jinping vor fünf Jahren ausgegebene Ziel zu erreichen, die Wirtschaftsleistung je Einwohner bis zum Jahr 2035 zu verdoppeln. Abgesehen von den Pandemiejahren hat China dieses Ziel jedes Jahr punktgenau erreicht.
Allerdings gibt es erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit der offiziellen Wachstumszahlen. „Unsere Mitglieder haben im vergangenen Jahr zwar eine leichte Verbesserung der Geschäftslage gespürt, doch von einem Aufschwung kann man nicht sprechen“, sagte Maximilian Butek, Geschäftsführer der deutschen Auslandshandelskammer in Shanghai, zu den Wachstumszahlen.
Die Bevölkerung fühlt die Krise, die Regierung spricht von Aufschwung
Weite Teile der Bevölkerung wähnen sich in einer handfesten Wirtschaftskrise und nicht in einem Aufschwung. Das Bild ist seit mehreren Jahren unverändert und gilt in den allermeisten Provinzen des Landes. Die US-Denkfabrik Rhodium taxierte das tatsächliche Wachstum Ende vergangenen Jahres auf 2,5 bis 3 Prozent. Es gebe in der Geschichte kein Beispiel einer Volkswirtschaft, die um 5 Prozent gewachsen sei, während sie über Jahre hinweg unter einer Deflation litt, argumentierten die Autoren. China stecke aber seit zweieinhalb Jahren in einer dauerhaften Deflation.
Das nominale Wachstum lag wegen der Deflation abermals unter dem realen, also preisbereinigten Wachstum und betrug 4 Prozent. Die Verbraucherpreise stagnierten im vergangenen Jahr, für Lebensmittel, Tabak und Alkohol sanken sie sogar um 0,7 Prozent. Die Erzeugerpreise für Unternehmen setzten ihre Talfahrt fort und lagen 2,6 Prozent niedriger als im Vorjahr. Die Deflation vergünstigt chinesische Produkte im Ausland.
In den großen Linien bleibt die Kommunistische Partei ihrer Marschroute zwar treu und setzt weiter auf technologische Unabhängigkeit. Die Kommunikation der Regierung deutet zuletzt aber nicht daraufhin, dass sie die Wirtschaftslage für so rosig hält, wie es die Wachstumszahlen nahelegen. Der Konsum müsse gestärkt werden, um die Wirtschaft zu stabilisieren, schrieb Staats- und Parteichef Xi Jinping im Dezember. Zudem kämpft die Regierung in verschiedensten Branchen darum, einem ruinösen Wettbewerb Einhalt zu gebieten und so den Preisverfall zu stoppen. Das gilt etwa für die Autobranche oder die Solarindustrie, in denen viele Hersteller mit Verlusten wirtschaften.
Zweifel an den Angaben zu Konsum und Investitionen
Für viele Lokalregierungen bedeutet das, dass sie weniger Steuereinnahmen erhalten und stattdessen Geld nachschießen müssen, um ihre Unternehmen am Leben zu halten. „Die chinesische Wirtschaft hat im Jahr 2025 mehreren Belastungen standgehalten“, schrieb das Nationale Statistikamt (NBS). „Doch die Auswirkungen des äußeren Umfelds vertiefen sich, und das Ungleichgewicht zwischen starkem inländischem Angebot und schwacher Nachfrage ist deutlich ausgeprägt. Die Wirtschaft steht weiterhin vor zahlreichen alten Problemen und neuen Herausforderungen.“
Die Analysten von Rhodium zweifeln vor allem beim Konsum und den Investitionen an den Angaben Pekings. Den Beitrag des Konsums zu den Wachstumszahlen taxierte die Denkfabrik 0,8 Prozentpunkte niedriger als die Statistiker. Bei den Investitionen gibt es sogar eine Abweichung von rund 2 Prozentpunkten. Rhodium geht davon aus, dass die sinkenden Investitionen das Wachstum um etwa 1 Prozent nach unten gezogen haben. Dass es sich bei diesen beiden Punkten um die beiden Sorgenkinder der chinesischen Wirtschaft handelt, geht indes auch aus den Zahlen des Statistikamtes hervor. Die Anlageninvestitionen gaben um 6,4 Prozent nach. Besonders stark brachen die Investitionen in Immobilien und den Wohnungsbau ein. In Immobilien insgesamt flossen 17,2 Prozent weniger, bei Wohnungen belief sich das Minus auf 16,3 Prozent. Die nicht enden wollende Immobilienkrise lastet wie Blei auf dem Konsum.
Die sinkenden Wohnungspreise führen zu realen Wohlstandseinbußen der Bevölkerung. Deshalb bleib auch der Konsum abermals hinter dem Wachstum zurück. Er legte den Angaben zufolge um 3,7 Prozent zu. Das bedeutet, dass der Anteil des Konsums am Bruttoinlandsprodukt weiter gesunken ist. Auch die neueste Ausgabe einer regelmäßigen Umfrage der chinesischen Zentralbank sah zuletzt einen deutlichen Rückgang der Konsumbereitschaft der Chinesen. Nur noch 19,2 Prozent der Befragten gaben an, ihren Konsum ausweiten zu wollen. Das ist der niedrigste Wert seit mindestens drei Jahren und 4,1 Prozent weniger als im Vorquartal. Drei Fünftel der Chinesen wollen dagegen mehr sparen.
„Strategisch geschönt“
Der wichtigste Treiber des Wachstums blieb der Export. Der Exportüberschuss erreichte ein Rekordhoch von 1,2 Billionen Dollar, das entspricht einem Anteil von 6,6 Prozent am chinesischen Bruttoinlandsprodukt und mehr als 1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Der Exportüberschuss gibt an, um wie viel der Export den Import übersteigt. Das schlug sich auch in den Wachstumsdaten nieder der entsprechenden Branchen nieder.
Vor allem die Industrien, die Deutschland als seine Kernindustrien versteht und die hierzulande in der Krise stecken, wuchsen in China im vergangenen Jahr stark. Im Maschinenbau legte die Wertschöpfung um 9,2 Prozent zu. Allein die Produktion von Industrierobotern stieg dem Statistikamt zufolge um 28 Prozent, die von Elektroautos um ein Viertel. Im vierten Quartal sank das Wachstum auf 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, der niedrigste Wert seit drei Jahren.
Die offiziellen Daten seien zunächst „strategisch geschönt“ worden, um im Handelskrieg mit den USA „wirtschaftliche Widerstandskraft zu demonstrieren“, hieß es vom Analysehaus China Beige Book. „Erst nachdem ein Waffenstillstand erreicht war, legte Peking schwächere Zahlen bei Konsum und Investitionen offen.“ Tatsächlich sei das ganze Jahr „mittelmäßig verlaufen und nicht erst gut und dann schlecht“.