Argentiniens Autobranche zittert nachher Mercosur-Abkommen

Containerschiff im Hafen von Buenos Aires, Argentinien.

Stand: 17.01.2026 11:57 Uhr

Ein Industriezweig in Argentinien zittert wegen des EU-Mercosur-Abkommens: die Autozulieferer. Sie befürchten eine massive Konkurrenz aus Europa. Die könnte viele Arbeitsplätze kosten.

Von Oliver Neuroth, ARD Rio de Janeiro

Argentinien ist das Land auf dem südamerikanischen Kontinent mit der längsten Tradition im Autobau: 1913 eröffnete Ford seine erste Fabrik in Buenos Aires, 1951 entstand ganz in der Nähe das erste Mercedes-Benz-Werk außerhalb Deutschlands. Heute ist vor allem die Autozuliefererbranche groß: Sie beschäftigt rund 50.000 Menschen.

„Für Argentinien ist das eine relevante Zahl an Jobs im Industriebereich“, sagt Juan Cantarella, der Präsident des Verbandes der argentinischen Autozulieferer. Ihm ist klar: Seine Branche wird vom Handelsabkommen zwischen dem Mercosur-Bündnis und der Europäischen Union mit am stärksten betroffen sein – und zwar im negativen Sinne.

Freihandelsabkommen könnte Arbeitsplätze gefährden

Studien sagen voraus, dass rund ein Drittel der Arbeitsplätze in der Autobranche Argentiniens auf der Kippe stehen könnte. Es sind Untersuchungen aus dem Jahr 2019, die nach Ansicht von Experten aber auch heute noch in großen Teilen Gültigkeit haben und als Worst-Case-Szenario gesehen werden können. Und zwar dann, wenn die Zölle im Automobilbereich in recht großen Schritten heruntergefahren werden.

Für Cantarella heißt das: Die Autoteilebranche muss sich anstrengen, um wettbewerbsfähig zu sein. Nach seinen Worten arbeiten seine Kollegen jetzt schon hart. Aber oft gingen Handelsöffnungen schneller vonstatten als die Zeit, die wirtschaftlicher Erfolg brauche. Cantarella spricht von einer Zeitdifferenz, die „unerwünschte Effekte“ haben kann. Sprich: Ein Unternehmen muss Stellen streichen, weil es sich nicht schnell genug auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen kann.

MERCOSUR

Der Gemeinsame Südamerikanische Markt (Mercado Común del Sur, MERCOSUR) ist ein regionaler Zusammenschluss der südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Venezuela und Bolivien.

Die Mitgliedschaft von Venezuela ist seit 2017 suspendiert. Bolivien ist zunächst nicht Teil des MERCOSUR-Abkommens mit der EU.

Der MERCOSUR wurde 1991 gegründet und hat zum Ziel, durch politische, soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit die regionale Integration zu fördern. 

Quelle: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dpa

Bisher liegen die Importzölle auf Autoteile in den Mercosur-Staaten zwischen 14 und 18 Prozent. Fallen diese Zölle schrittweise weg, so wie es das Abkommen vorsieht, sinkt der Preis für EU-Teile in Argentinien. Europäische Anbieter können ihre Produkte also günstiger verkaufen als bisher – zum Beispiel die vergleichsweise starke Autobranche in Deutschland. Die Konsequenz: Argentinische Zulieferer könnten Marktanteile verlieren.

Neue Chancen durch stärkere Vernetzung

Roberto Jaguaribe sieht die Sache weniger dramatisch. Der Diplomat aus Brasilien gilt als profilierter Europa-Kenner, er war von 2009 bis 2012 Botschafter in Berlin und anschließend Brasiliens Botschafter bei der EU in Brüssel. Er hat die Verhandlungen über das Handelsabkommen begleitet.

Sein Appell: Die Industrie der Mercosur-Staaten müsse das Abkommen mit Europa als Chance verstehen. „Meiner Ansicht nach geht es um die Schaffung wettbewerbsfähiger globaler Produktionsketten, in denen Europa und Südamerika – insbesondere der Mercosur – eine herausragende Rolle spielen werden“, erklärt der Diplomat.

Für ihn steht gerade Deutschland vor einem Dilemma: Das Land habe eine außergewöhnlich große Kompetenz in Industrie und Technologie, gleichzeitig fehlten Ressourcen bei der Produktion. Jaguaribe hält dieses Problem aber für lösbar, wenn sich Europa und die Mercosur-Staaten enger miteinander vernetzen und Unternehmen über den Atlantik hinweg gemeinsam produzieren. „Ich denke, dieses Abkommen hat einen unbestreitbaren kommerziellen Wert, der sowohl für Europa als auch für den Mercosur sehr vorteilhaft sein wird“, meint der brasilianische Diplomat.

Großes Potenzial in Argentinien

Für Juan Cantarella, den Präsidenten der argentinischen Autozulieferer, hat eine solche Vernetzung der Produktion allerdings Grenzen. Er weist darauf hin, dass im Automobilbereich die Nachfrage auf den beiden Kontinenten unterschiedlich ist. Argentinien produziert vor allem Pick-ups, die in Europa kaum gefragt sind.

Cantarella will sich daher auch künftig eher auf den argentinischen Markt konzentrieren. „Wir müssen bedenken: Der Markt hier ist bei weitem nicht so gesättigt wie der in den USA oder in der EU, was das Verhältnis von Einwohnern und Autos angeht. Das heißt, hier liegt ein großes Potenzial.“ Dazu komme, sagt Cantarella: Er sei Optimist. Auch wenn die Situation für seine Branche durch das Mercosur-Abkommen eher schwieriger als einfacher wird.

Source: tagesschau.de