Glyphosat-Streit: Oberster Gerichtshof gibt Bayer Chance aufwärts Grundsatzentscheidung

Bayer hat im milliardenschweren Rechtsstreit um mutmaßliche Krebsrisiken seines Unkrautvernichters Glyphosat einen wichtigen Etappensieg errungen. Der Oberste Gerichtshof der USA teilte am Freitag mit, den Berufungsantrag des Konzerns anzunehmen und sich damit grundsätzlich mit dem Fall zu befassen.

Die Entscheidung folgt einer Empfehlung des Generalanwalts der US-Regierung und gilt als entscheidender Schritt für Bayer auf dem Weg zu mehr Rechtssicherheit in dem seit Jahren andauernden Glyphosat-Streit. Portfoliomanager Markus Manns vom Bayer-Aktionär Union Investment sprach von einem wichtigen Meilenstein für den Leverkusener Konzern. Eine Entscheidung des Gerichts wird bis zum Sommer erwartet.

Konkret geht es um den Fall des Klägers John Durnell aus dem Bundesstaat Missouri, dem in einer Vorinstanz eine Entschädigung von 1,25 Millionen Dollar zugesprochen worden war. Der Supreme Court soll nun klären, ob Bundesrecht Klagen wegen angeblich fehlender Warnhinweise auf Basis einzelstaatlichen Rechts ausschließt. Bayer argumentiert, ​dass zusätzliche Warnungen unzulässig seien, da die US-Umweltbehörde EPA Glyphosat nicht als krebserregend einstuft und das Produktlabel entsprechend ohne Warnhinweis genehmigt hat. Unternehmen dürften daher nicht haftbar gemacht werden, wenn sie sich an die Vorgaben des Bundesrechts hielten.

Dritter Anlauf vor dem Supreme Court

Die Anwälte Durnells hatten den Supreme Court hingegen aufgefordert, die Berufung Bayers zurückzuweisen. Sie argumentierten, Durnell habe sich bei seiner Kaufentscheidung nicht nur auf das Etikett, sondern auch auf die Werbung für Roundup verlassen. ⁠Das Marketing des Unternehmens habe es versäumt, die Verbraucher vor den Risiken des ​Produkts zu warnen.

Für Bayer war es bereits der dritte Anlauf vor dem Supreme Court, nachdem zwei frühere Versuche 2022 gescheitert waren. Damals hatte der Generalanwalt der Regierung von einer Annahme abgeraten. Vorstandschef Bill ⁠Anderson strebt an, die Rechtsstreitigkeiten bis Ende 2026 deutlich einzudämmen. Eine Grundsatzentscheidung zugunsten des Konzerns könnte dieses Vorhaben erleichtern und die Rechtsrisiken spürbar verringern. Die Aktien von Bayer stiegen in den USA nach der Nachricht ‍um fast fünf Prozent.

„Die Kläger werden vermutlich ihre Strategie ändern“

Portfoliomanager ‍Manns erklärte, mit einem Erfolg vor dem obersten Gericht könne Bayer zwar nicht alle Glyphosat-Klagen sofort aus der Welt schaffen, die Risiken aber deutlich reduzieren. „Die Kläger werden vermutlich ihre Strategie ändern und Bayer nicht wegen einer fehlenden Krebs-Warnung auf dem Label, sondern wegen fehlerhaften Marketings verklagen.“ Das dürfte zukünftige Klagen deutlich erschweren. Was mit den offenen Klagen passieren werde, darüber gingen die Meinungen auseinander, so ⁠Manns. Viele Kläger würden wahrscheinlich eine außergerichtliche Einigung zu einem für Bayer vorteilhaften Preis annehmen.

Die Klagewelle hatte sich Bayer 2018 mit der rund 63 Milliarden Dollar teuren
Übernahme des Glyphosat-Entwicklers Monsanto ins Haus geholt. Der Konzern hat seither rund zehn Milliarden Dollar für Vergleiche gezahlt und für die ‌zuletzt etwa 65.000 offenen Verfahren Rückstellungen von knapp sieben Milliarden Euro gebildet.

Die Vorwürfe gegen Glyphosat hat ‍Bayer stets zurückgewiesen und verweist auf umfangreiche Studien sowie Bewertungen von Regulierungsbehörden wie der EPA. Demgegenüber steht die Einschätzung der Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation, die den Wirkstoff 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ ‍eingestuft hatte. Darauf stützen sich die Kläger. Um die Risiken zu senken, ⁠stoppte Bayer den Verkauf glyphosathaltiger Produkte an US-Privatkunden bereits 2023. Anderson schließt zudem einen vollständigen Ausstieg aus dem US-Glyphosatgeschäft nicht aus.