Europas gRÖßter Hafen: Hafen Rotterdam meldet maues Geschäft

Der Rotterdamer Hafen hat ein mäßiges Jahr 2025 hinter sich und rechnet damit, dass der Umschlag gesunken ist. Er hat das Minus aus dem ersten Dreivierteljahr wohl im Schlussquartal nicht kompensieren können. Das sagte Vorstandsvorsitzender Boudewijn Siemons im Gespräch mit der F.A.Z. Europas größter Hafen – ein Konjunkturbarometer auch für die deutsche Industrie – will seine Zahlen am 26. Februar veröffentlichen.

Siemons wollte mit Blick auf den Termin zwar noch keine konkrete Schätzung nennen, gab aber doch einen Fingerzeig. In den ersten neun Monaten ist die Umschlagmenge um 2,6 Prozent auf 320 Millionen Tonnen gesunken. Dazu trug bei, dass das Umschlagvolumen von Eisenerz und Schrott um ein Achtel geschrumpft ist, maßgeblich wegen der gesunkenen deutschen Stahlproduktion. Eine Anzahl Segmente habe rückläufige Geschäfte gesehen, sagte Siemons, das Containergeschäft habe dagegen ein Plus verzeichnet. „Ansonsten waren es einfach keine sehr starken neun Monate, und wenn ich doch einen kleinen Spoiler-Alarm auf die Jahreszahlen geben darf, dann erwarte ich nicht, dass das Minus der neun Monate in einem Quartal vollständig umgekehrt wird.“ Offenkundig blieben konjunkturelle Impulse aus. Wirtschaftlich gesehen habe man im vierten Quartal keine „enormen Entwicklungen“ gesehen, sagte Siemons. Ein einziges Quartal müsste ja nun drei vorangegangene Quartale kompensieren: „Und ich denke nicht, dass das sehr realistisch ist.“

Leistungsträger der niederländischen Wirtschaft

Die niederländischen Seehäfen – neben Rotterdam und Amsterdam gehören noch einige kleinere dazu – sind ein bedeutender Faktor der fünfgrößten Volkswirtschaft der EU, wie der „Hafenmonitor 2025“ ergab, den das Statistikamt CBS und andere Einrichtungen im Auftrag des zuständigen Ministeriums erstellt hat. Demnach steuerten die Seehäfen im Jahr 2024 zum Bruttoinlandsprodukt 4,0 Prozent bei und zur Beschäftigung 3,6 Prozent.

Siemons äußerte sich im Rahmen eines Doppelinterviews der F.A.Z. mit ihm und seinem Kollegen Jacques Vandermeiren, der den zweitgrößten europäischen Hafen Antwerpen-Brügge führt. Rang drei belegt Hamburg. Die beiden Manager erläuterten die Kooperation, welche sie vor beinahe genau einem Jahr bekannt gegeben hatten. Sie soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie stärken, die ihrer Ansicht nach nachlässt – speziell der Chemieindustrie. Rotterdam hatte aus dieser Branche in jüngster Zeit mehrere Rückschläge hinzunehmen. Lyondell-Basell und andere Chemiekonzerne kündigten an, Fabriken am Hafen stillzulegen oder Investitionen zu kürzen.

In einer Analyse im Auftrag beider Häfen haben die Freie Universität Brüssel und die Erasmus-Universität Rotterdam ermittelt, dass beide als integrierter Industrie- und Logistikkomplex zu sehen seien. Eine Kooperation mache Betriebsabläufe, Investitionen und Innovationen effizienter. Überlappende Netze und Verbindungen bedeuteten, dass „ihr Ganzes größer ist als die Summe ihrer Teile“. Vandermeiren nannte als Beispiel für die Kooperation Investitionen in Pipelines.

40 Prozent der europäischen Petrochemie in einer Region

Das Dreieck Antwerpen–Rotterdam–Ruhrgebiet steuert nach dieser und früheren Analysen zur europäischen Petro­chemie 40 Prozent bei, also zur chemischen Produktion auf Basis von Erdöl und Erdgas. „Es ist das größte oder eines der größten Cluster der Welt“, sagte Siemons: „Dieses Cluster hat momentan Schwierigkeiten, mit anderen zu konkurrieren, und es muss auf nachhaltige Produktion umstellen. Wenn Sie das getrennt für sich in den Niederlanden tun, für sich in Belgien und für sich in Deutschland, bekommen Sie nie das optimale Energiesystem der Zukunft.“ In Europa sei es nun nicht die Aufgabe, als Länder oder Häfen untereinander zu konkurrieren. Vielmehr müsse Nordwesteuropa wieder konkurrenzfähig werden: „Nur indem wir zusammenarbeiten, können wir dafür sorgen, dass Europa relevant bleibt.“ Siemons sieht die Grundchemie als kritische Branche für die Wirtschaft und Widerstandsfähigkeit des Kontinents in einer Welt, in der die Spannungen zunehmen. „Je mehr wir an Basisindustrie verlieren, desto verwundbarer werden wir als Region.“

2022 hatten sich in Belgien Antwerpen und Zeebrugge zum Hafen Antwerpen-Brügge zusammengeschlossen. Rotterdam und Antwerpen-Brügge bleiben im Tagesgeschäft Konkurrenten um Waren und Marktanteile. Eine Fusion ist den Angaben zufolge nicht vorgesehen, aus kartellrechtlichen Gründen will man sogar jeden dahingehenden Eindruck vermeiden. „Wir sind in dieser Hinsicht vorsichtig, wir sprechen nicht über Preise, nicht über kommerzielle Kontakte und so weiter“, sagte Vandermeiren. „Das Ziel ist nicht, zu fusionieren – das Ziel ist, Europa wieder konkurrenzfähig zu machen“, sagte Siemons: „Es sind viele Haken und Ösen mit einer möglichen Fusion verbunden.“ Das würde intern Ressourcen binden. Besser verbringe man die Zeit damit, die Zusammenarbeit auszubauen. „Wir konkurrieren, wo es nötig ist, und wir arbeiten zusammen, wo es geht.“

Antwerpen-Brügge schlug in den ersten neun Monaten 202,6 Millionen Tonnen an Gütern um, 3,8 Prozent weniger als in der Vergleichsperiode des Vorjahres. Wie in Rotterdam trotze das Containergeschäft dem Trend. Der Hafen will über das Geschäft im Gesamtjahr am 27. Januar informieren.