Im Gespräch | „Legacy“ welcher Kulturhauptstadt Chemnitz: „Ein Drittel wählt AfD. Haben die sich verändert?“
In Chemnitz ist das Kulturhauptstadtjahr beendet, und gerade hat der Stadtrat ein Rahmenkonzept zum Erbe des Projekts beschlossen: Die „Legacy“ soll festlegen, wie erfolgreiche Formate weitergeführt werden können. Vor der Bewerbung standen die rassistischen Ausschreitungen vom Sommer 2018, noch zum Auftakt des Kulturhauptstadtjahrs im Januar 2025 sind Rechtsextreme aufmarschiert, unter Protesten aus der Zivilgesellschaft.
Was von dem Riesenprojekt bleibt, resümiert Nora Krzywinski, die „Offener Prozess“ leitet, ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex, das seit Mai in Chemnitz besteht. Es bietet neben Vermittlungsangeboten einen Forschungsbereich und war Teil des Programms zur Kulturhauptstadt, wird in diesem Jahr aber weiter bestehen. Krzywinski spricht mit Kim Brian Dudek, der bis Ende 2025 die Pochen-Biennale für Medien- und Videokunst in Chemnitz leitete.
der Freitag: Liest man das „Legacy“-Konzept zum Kulturhauptstadtjahr, bekommt man den Eindruck, dass Chemnitz vor 2025 eine Geisterstadt war und nun belebt wurde. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt?
Nora Krzywinski: Eine Geisterstadt war Chemnitz auch vorher nicht. Wir haben eine lebendige Kulturszene, überregional wird das allerdings nicht so wahrgenommen. Aber man hat einen Unterschied gemerkt. Touristen kamen in die Stadt. Es gibt den Running Gag: In Chemnitz kennt man jetzt das Geräusch von Rollkoffern.
Kim Brian Dudek: Es war ein tolles Jahr, weil viel passiert ist: Ausstellungen, die Belebung des öffentlichen Raums war auch fantastisch. Man muss aber die Komplexität sehen. Chemnitz ist eine Stadt in Sachsen, Deutschland und Europa. Die Kulturhauptstadt war ein mutiges kulturpolitisches Instrument. Man hat versucht, Teilhabe zu ermöglichen. Das Museum Gunzenhauser hatte mit European Realities eine tolle Ausstellung. Es gab Projekte, die die sogenannte unsichtbare Mitte sichtbar gemacht haben, beispielsweise Songs of (In)Security von Tanja Krone.
„European Realities“ war eine große Ausstellung zu Strömungen der realistischen Malerei der 1920er und 1930er, die von Armut und Boom in politisch instabilen Zeiten erzählt hat. „Songs of (In)security“ ein Musiktheater, das sich mit privater und öffentlicher Sicherheit befasst hat – und mit der Frage, wie wir zu innerer Sicherheit finden. Aber welche Rolle spielten die Konflikte vom Sommer 2018 konkret noch?
Dudek: Die Stärke der ursprünglichen Bewerbung zur Kulturhauptstadt war, Konflikte zu benennen. Aber die Erwartung, 2018 selbstkritisch zu bearbeiten, hat das Projekt meiner Meinung nach enttäuscht.
Die Kulturhauptstadt hat der Stadtgesellschaft gezeigt, dass sie etwas in die Hand nehmen kann
Krzywinski: Was uns als „Offener Prozess“ gefehlt hat, ist die politische Auseinandersetzung mit 2018. Aber die Kulturhauptstadt hat der Stadtgesellschaft gezeigt, dass sie selbstwirksam ist und etwas in die Hand nehmen kann. Wenn man in Kontakt mit anderen kommt, lernt man, anders mit abweichenden Meinungen umzugehen. Damit meine ich nicht rechtsextreme Positionen, aber manche finden eben die Wärmepumpe gut, andere den Verbrenner.
Wie geht es auf dieser Basis weiter?
Krzywinski: Eine Aufgabe der Legacy sehe ich darin, die entstandenen Begegnungsräume in bleibende Strukturen zu überführen.
Dudek: Die Stadtratsvorlage zum Legacy-Beschluss sehe ich äußerst kritisch – „Offener Prozess“ fehlt komplett. Warum, ist unklar. Da ist viel Marketing, aber der Mut fehlt. Es gibt bisher keine zivilgesellschaftlichen Initiativen, die diese Kritik in den Diskurs einbringen – muss man selbstkritisch sagen.
Was bewirken Akteur*innen aus der Kultur im politischen Leben in Chemnitz?
Dudek: Als die freie Szene und Akteur*innen aus Stadt und Wirtschaft vergangenes Jahr eine Gegendemonstration gegen die rechten Proteste vom 18. Januar organisiert haben, ging noch ein Ruck durch die Stadtgesellschaft, aber es hat enorm viel Kraft gekostet. Viele der Akteur*innen waren auch bei der Kulturhauptstadt eingebunden. Und dann standen ebenfalls Anfang des Jahres Kürzungen im Raum, die gerade so noch abgewendet werden konnten. Hintergrund war, dass Mittel vom Land für den Chemnitzer Doppelhaushalt fehlen sollten. Damit einher ging aber eine ungute Kommunikation der Stadtverwaltung mit Vertreter*innen der Szene, die viel Vertrauen gekostet hat. Es gab kleine Proteste und viele Gespräche. Die letzten Monate des Kulturhauptstadtjahres hätten wir nutzen können, um auf die Situation, die nach wie vor angespannt ist, aufmerksam zu machen. Da will ich mich da als ehemaliger Projektleiter von Pochen auch nicht aus der Verantwortung nehmen, das haben wir verpasst.
Ich finde schwierig, dass die Kulturhauptstadt immer noch mit dem Begriff von der „stillen Mitte“ agiert
Wir haben vor einem Jahr schon über die politische Mitte gesprochen. Damals haben Sie kein so optimistisches Bild von Chemnitz gezeichnet. Wo sehen Sie die politische Mitte heute?
Dudek: Ich finde schwierig, dass die Kulturhauptstadt immer noch mit dem Begriff von der „stillen Mitte“ agiert. Wenn danach gefragt wird, verweist man oft auf die 1.300 Freiwilligen, um zu belegen, dass das Projekt die Mitte erreicht hat. Aber ist das die stille Mitte, die sich in diesen intensiven, zeitraubenden Prozess einbringt? Das würde ich nicht so sehen. Bei dem Projekt #3000Garagen, das zu DDR-Zeiten in Eigenleistung gebaute Garagen als lebendige Orte geöffnet hat, sehe ich eher einen Querschnitt der Stadt. Da haben schon einige Leute ihr Herz an Kultur verloren. Aber es wählt auch ein Drittel in dieser Stadt die AfD. Sind die erreicht worden, haben die sich verändert?
Krzywinski: Ich finde den Begriff auch schwierig. Wenn ich für uns als „Offener Prozess“ spreche, sind mir zwei Aspekte wichtig. Wir hatten über 15.000 Tagesbesucher*innen seit Mai. Mit so vielen haben wir nicht gerechnet. Ich schätze, davon sind vielleicht 80 Prozent aus den westlichen Bundesländern. Aber bei den Abendveranstaltungen sind 90 bis 95 Prozent aus Chemnitz und Umgebung. Außerdem haben wir ein Workshop-Angebot. In diesem Jahr wollen wir verstehen, was es braucht, damit die Stadtgesellschaft mehr auf uns zukommt und sich mit einem Thema wie dem NSU beschäftigt.
Dudek: Wir wissen nicht, wen wir alles erreicht haben. Es ging oft darum, eine schöne Zeit zu haben, aber wer dir wirklich gegenübersitzt, und ob die Person eine andere Meinung hat, ob sie 2018 zur „stillen Mitte“ gehörte, ob sich ihre Position verändert hat – das wissen wir nicht.
Bei „Offener Prozess“ geht es nicht darum, eine schöne Zeit zu haben. Unterscheidet es sich damit von den meisten Projekten?
Krzywinski: In dieser Deutlichkeit schon. Wir sind ein politisches Haus, aber wir zeigen das durch eine künstlerische Annäherung. Wir behandeln das brisante, schmerzvolle Thema auf eine Weise, dass man sich an dem Ort auch aufhalten will. Viele Menschen bleiben, lesen und kommen ins Gespräch. Wir wollen ein Diskursort für die Stadt sein, nicht nur auf den NSU bezogen, sondern für aktuelle Debatten.
Der Oberbürgermeister befürchtete, das NSU-Dokumentationszentrum würde Chemnitz‘ Image schaden. Ist das emblematisch für den Umgang mit Rechten?
Krzywinski: Das war einmal das Narrativ. Wir versuchen, das zu ändern. Wir wollen zeigen, dass man als Stadt Verantwortung übernehmen kann. Zu unseren Bildungsschienen gehört die Polizeiarbeit. In Polizeifachschulen führen wir Workshops zu Rassismus durch, und der Polizeipräsident in Chemnitz bekennt sich ganz klar zu unserem Bildungsangebot. Es ist unabdingbar, dass sich die Polizei mit diesem Thema auseinandersetzt, denn es gab viele Verfehlungen.
Hat dieses Jahr dazu beigetragen, dass der Westen mehr über Chemnitz und die Region lernt?
Dudek: Wir hatten in unserem Diskursprogramm eine Gruppe von Westdeutschen, die sagten, dass sie seit der Wende jedes Jahr in den Osten reisen, und sie waren ganz bewegt von den Geschichten über Umbruch, aber auch über die Rassismuserfahrung etwa von Vertragsarbeiter*innen. Ich habe auch einen über 80-Jährigen kennengelernt, der in Chemnitz geboren ist und jetzt zum ersten Mal wieder in seiner Geburtsstadt war. Aber man darf das alles nicht überbewerten, denn eine Kulturhauptstadt verändert keine Systeme, sie ergänzt höchstens Diskurse.
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Kim Brian Dudek, geboren in Hessen, hat in Jena und Halle Politik- wissenschaft und Philosophie studiert. In Halle war er für die Werkleitz Gesellschaft tätig. Bis Ende 2025 leitete er zusammen mit Benjamin Gruner die Pochen-Biennale in Chemnitz, wo er seit 2021 lebt.