Geheimdienstexperte: „Khamenei würde möglichst sterben, qua Iran zu verlassen“
Die eigentliche Frage ist, ob er der Opposition nur zeigen will, dass er sie unterstützt, oder ob er wirklich einen Regimewechsel anstrebt. Donald Trump mag keine langen Kriege. Er mag es, zu gewinnen. Aber jeder zeitlich begrenzte Angriff, selbst ein heftiger, könnte dieses Regime nicht stürzen. Wenn man Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs, als Marionette installieren wollte, müsste man das bestehende Regime zerstören und sich auf einen langen Krieg vorbereiten. Ich glaube, Trump wird etwas Kurzes, Symbolisches tun wollen, wahrscheinlich die Revolutionsgarde und die Basidsch-Miliz angreifen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das den Demonstranten helfen würde, weil sie keine Führung haben, die das nutzen könnte. Ich wäre nicht überrascht, wenn die Amerikaner am Ende einen Deal mit dem Regime machen.
Könnte die Gefangennahme von Maduro in Venezuela eine Blaupause für das US-Vorgehen in Iran sein?
Im Fall Maduros und auch bei der Operation Midnight Hammer, also dem US-Angriff auf iranische Atomanlagen im Juni, gab es lange Vorbereitungen der Vereinigten Staaten. Diesmal ist es anders. Es ist ein plötzliches Ereignis, auf das sie nicht vorbereitet waren. Bei Maduro haben die USA etwas mit der Vizepräsidentin oder anderen Leuten des Regimes gedeichselt. Sie haben Maduro rausgeholt und die Politik in Venezuela verändert. In Iran aber haben sie keinen Armeechef, der nur darauf wartet, dass Khamenei getötet wird. Das iranische Regime ist noch immer stark, selbst nach den zweiwöchigen Demonstrationen.

Was würde denn geschehen, wenn Khamenei getötet würde?
Er hat keinen klar bestimmten Nachfolger. Ursprünglich sollte das der frühere Präsident Ebrahim Raisi sein, der vor zwei Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam. Wir können die Kandidaten für die Nachfolge in drei Lager einteilen. Da ist zum einen Mojtaba, Khameneis Sohn. Iran ist keine Monarchie, aber er ist definitiv am nächsten dran an seinem Vater und wird von der Revolutionsgarde unterstützt. Das zweite Lager sind die Kleriker in Qom. Und das dritte Lager sind die Reformisten. Sie wären vielleicht die Einzigen, die Unterstützung aus der Bevölkerung bekommen würden. Unter ihnen gibt es zwei prominente Figuren: den Enkel des ersten Revolutionsführers Khomeini, Hassan Khomeini, und den früheren Präsidenten Hassan Rohani. Es gibt auch die Möglichkeit, dass die Revolutionsgarde dann komplett die Macht übernimmt, im Sinne eines Militärputsches. Aber ganz sicher nicht die Opposition oder Pahlavi. Es gibt noch einen anderen Aspekt: Eine Tötung Khameneis könnte die Büchse der Pandora öffnen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Khamenei nicht nur ein politischer, sondern auch ein religiöser Führer ist. Die Tötung eines religiösen Führers könnte dem Konflikt zwischen den USA und Iran eine religiöse Note geben und die Beziehungen zwischen den USA und schiitischen Gemeinschaften auf der ganzen Welt überschatten. Ich glaube nicht, dass die USA das wollen.
Es sieht so aus, als habe das Regime die Proteste vorerst niedergeschlagen. Sehen Sie das auch so?
Absolut. Natürlich haben wir kein komplettes Bild. Aber es sieht so aus, als ob das Regime weiter zusammenhält. Sie folgen Khameneis Befehlen und unterdrücken weiterhin jede Demonstration mit Gewalt. Es gibt definitiv keine Risse im System. Es ist schwer zu sagen, wie viele Demonstrationen es noch gibt, aber sie nehmen definitiv nicht zu. Man muss sagen, dass das Ausmaß der Gewalt nach Khameneis Rede am Freitag beispiellos für Iran ist. Ich bin sicher, dass das und die Internetsperre die führungslose Oppositionsbewegung daran hindern wird, etwas Substanzielles zu erreichen. Auch das muss Trump bedenken, wenn er der Opposition helfen will. Vielleicht gibt es niemanden mehr, dem man helfen kann.

Es gibt Schätzungen, wonach 12.000 Menschen getötet worden sein könnten. Halten Sie die Schätzungen für glaubhaft?
Es sind definitiv Tausende. Die schiere Zahl ist beispiellos im Vergleich zu früheren Protesten in Iran. Bei den konkreten Zahlen sollten wir aber sehr vorsichtig sein, denn die iranische Opposition versucht, Druck auf Trump auszuüben, damit er angreift. Und es ist Desinformation in Umlauf.
Könnte es sein, dass Trumps Drohungen das Regime dazu gebracht haben, die Demonstrationen so schnell wie möglich niederzuschlagen?
Trump hat gehofft, dass seine Tweets und Drohungen das Regime stoppen würden und er keine Gewalt anwenden muss. Er hat nicht verstanden, dass dieses Regime um sein Überleben kämpft und dass es nichts davon abhalten kann, diese Leute zu töten. Ob Trump die Niederschlagung befeuert hat, weiß ich nicht, aber er hat sie definitiv nicht eingedämmt.
Bei so vielen Toten stellt man sich die Frage, ob einige in der Opposition sich bewaffnen könnten. Ist das denkbar?
Das Regime sagt, dass mehr als 500 seiner eigenen Leute getötet wurden. In diesen Demonstrationen sind also definitiv viele Waffen zum Einsatz gekommen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in Iran bewaffnete Gruppen gibt, die täglich iranische Kräfte töten. Kurden an der irakischen Grenze und Belutschen an der pakistanischen Grenze. Aber das bringt das Regime nicht in Bedrängnis.
Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen in Iran für die Sicherheit Israels?
Israel zieht es vor, sich rauszuhalten, weil wir glauben, dass ein Eingreifen unsererseits nicht den Demonstranten helfen würde, sondern dem Regime. Außerdem könnte es zu einer unnötigen Eskalation führen. Wir lecken noch unsere Wunden vom vorherigen Krieg vor sechs Monaten. Wenn das Regime bleibt, wird es langfristig zwischen Israel und Iran zu einem weiteren Krieg kommen, weil Iran seine militärischen Fähigkeiten ausbaut. Aber kurzfristig, denke ich, hofft Israel, dass die USA die Führung übernehmen und einen Regimewechsel herbeiführen. Selbst wenn das Regime fällt, bin ich nicht sicher, ob das, was dann kommt, unbedingt den Interessen Israels dienen wird. Trotzdem will Israel einen Regimewechsel. Auch wenn sich durch einen amerikanischen Angriff die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Israel in diese Eskalation hineingezogen wird. Es muss aber nicht dazu kommen. Es hängt sehr davon ab, was die Amerikaner tun werden und wie die Iraner es wahrnehmen. Es gibt außerdem einen Deeskalationskanal zwischen Israel und Iran über Russland.
Die Zeitung „The Times“ hat berichtet, dass Khamenei und seine Familie für den Fall der Fälle angeblich einen Plan B haben, der eine Flucht nach Russland vorsieht. Halten Sie das für denkbar?
Dieses Szenario wird niemals eintreten. Khamenei sieht sich als Patrioten, der nicht nur Iran, sondern schiitische Gemeinschaften auf der ganzen Welt beschützt. Er hat seit seiner Wahl zum Obersten Führer kein einziges Mal das Land verlassen. Er würde lieber sterben, als Iran zu verlassen.
Die Fußsoldaten der Revolutionsgarde leiden doch vermutlich auch unter der hohen Inflation. Was tut denn das Regime, um sie bei der Stange zu halten?
Die Revolutionsgarde würde bis zum letzten Mann kämpfen, wenn die USA versuchen würden, einen Regimewechsel herbeizuführen. Weil sie mehr zu verlieren haben als alle anderen. Nicht nur mit Blick auf die Kontrolle über das Regime, sondern auch ihre Kontrolle der iranischen Wirtschaft. Sie missbrauchen die Wirtschaft zu ihren Gunsten. Im Gegensatz zu einfachen Iranern haben sie ein Fettpolster. Trotzdem gibt es selbst in der Revolutionsgarde das Verständnis, dass sich etwas ändern muss. Die USA und Iran müssen zu einer Vereinbarung kommen. Ich halte das nicht für unmöglich.

Was wäre das für eine Vereinbarung?
Das ist schwer zu sagen, aber ich habe das Gefühl, dass es hinter den Kulissen verstärkte Bestrebungen gibt, die Politik anzupassen, um die Zukunft des Regimes zu sichern. Das Regime ist kein Monolith. Ich glaube, Leute wie Präsident Peseschkian oder Außenminister Araghchi verstehen, dass sich etwas ändern muss. Denn selbst wenn dieser Protest niedergeschlagen wurde, wird es bald den nächsten geben. Der Hauptpunkt wäre zu akzeptieren, dass Iran kein Uran im eigenen Land anreichern darf. Khamenei davon zu überzeugen, wird ein langwieriger Prozess sein, weil es für ihn eine Kapitulation vor dem Westen wäre.
Sie haben eingangs den früheren Kronprinzen Pahlavi erwähnt. Sehen Sie eine Rolle für ihn?
Dieser Mann hat aus meiner Sicht kein Charisma und keine Fähigkeit, die Iraner zu einen. Er hat die Tatsache, dass es in der Opposition ein Vakuum gibt, genutzt, um wie jemand zu erscheinen, der Einfluss im Land hat. Ich glaube nicht, dass er das hat. Wenn die Leute „Pahlavi“ rufen, tun sie das, um das Regime zu ärgern. Sie tun es nicht, weil sie eine Rückkehr zur Monarchie wollen. Ich glaube nicht, dass Pahlavi eine signifikante Rolle spielen wird.
Warum gibt es nach 47 Jahren Islamischer Republik keinen starken Oppositionsführer?
Wie jedes totalitäre Regime kontrolliert es alles, was im Land passiert. Die Leute haben nicht die Möglichkeit, eine starke Opposition aufzubauen. Das Regime kontrolliert die Medien, das Internet, sie haben die Waffen, die Führung ist geeint. Khamenei hat eine interessante Art, verschiedenen Gruppen das Gefühl zu geben, dass sie innerhalb des Regimes Einfluss haben. Ohne Hilfe von außen wird die Opposition niemals die Macht übernehmen können. Und auch dann nur, wenn es sehr umfangreiche Hilfe wäre. Aber man darf nicht vergessen, dass es viele Demonstrationen gegen das Regime gab. 1999 die Studenten, 2009 die Grüne Bewegung, 2019 wegen der Benzinsubventionen, 2022 wegen Mahsa Amini. Die Abstände zwischen den Demonstrationen werden immer geringer. Das Regime wird immer gewalttätiger und verliert Legitimität. Wenn sie keinen Wandel einleiten, werden sie ernste Probleme bekommen.
Die Führung in Teheran bezichtigt die Demonstranten, Terroristen zu sein, die von Israel und den USA unterstützt werden. Denken Sie, dass das Regime seine eigene Propaganda glaubt?
Ja und nein. Ich versuche zu erklären, warum: Es gibt ein Kernklientel, das wirklich an die Revolution glaubt. Bei der Präsidentenwahl hat der ultrakonservative Kandidat Said Dschalili 13 Millionen Stimmen bekommen. Er ist verrückter als Khamenei. Nicht alle im Regime glauben an das, was sie sagen. Aber selbst für sie ist ein Regimewechsel das schlimmste Szenario, weil sie Angst haben, was passieren kann. Sie haben Angst vor einem Bürgerkrieg. Das Problem ist Khamenei. Er will keine Atombombe bauen, aber ist auch dagegen, auf Urananreicherung zu verzichten. Wenn Iran das täte, würde das den Weg für Investitionen öffnen und das Leben der Iraner verbessern. Niemand schafft es, Khamenei davon zu überzeugen. Das Land steckt in einem Stillstand fest, der zu immer mehr Demonstrationen führt. Das lässt sich nicht dauerhaft durchhalten. Ich vermute, dass es hinter den Kulissen Diskussionen zwischen den Moderaten und den Konservativen gibt, wie man die Politik für die Zukunft anpassen kann.
Source: faz.net