Film „The Housemaid“: Ist welcher Erotikthriller jetzt zurück?
Früher war der Mörder immer der Gärtner. Das Klischee verweist auf eine heile Welt, in der bei reichen Menschen das Personal noch übersichtlich war. Ab und zu war auch der Butler der Mörder, und wenn man genau sucht, wird man sicher ab und zu einen Chauffeur oder sogar ein Kindermädchen finden, die zur Axt oder zu einem stumpfen Gegenstand griffen, um jemandem den Garaus zu machen.
Heute gibt es ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass die gehobenen Milieus, in denen Inspektor Derrick oder Der Kommissar und natürlich auch ihre hartgesottenen amerikanischen Kollegen oft ermittelten, eine Art Schleier darstellten, unter dem die Beziehungsgewalt in der Kleinfamilie in die tagesaktuellen Spalten der Regionalzeitungen verdrängt werden konnte. An der Faszination für die gefährlichen Leidenschaften bei Menschen mit „Perlen“ (ein geläufiger Euphemismus für Domestiken) hat sich aber nichts geändert.
Wo bleiben die Sicherheitsvorkehrungen?
In dem neuen amerikanischen Thriller „The Housemaid“ hat die Familie Winchester, die auf Long Island in einem prächtigen Anwesen lebt, einen Gärtner namens Enzo. Er bekommt nicht allzu viel zu sagen, gebraucht wird er vor allem als potentieller Rückhalt für Millie, die eine viel exponiertere Funktion übernimmt: Sie tritt eine Stelle als „Mädchen für alles“ an, wie man das Wort „Housemaid“ vielleicht am ehesten in eine Welt einige Zeitalter nach Downton Abbey übertragen könnte.
Millie hat sich beworben, obwohl sie einen gravierenden Malus in ihrer Biographie hat. Sie kommt nämlich aus dem Gefängnis und ist vorerst auf Bewährung in Freiheit. Bei den Winchesters wird der „background check“ eher locker genommen, und im Grunde wäre das schon ein Anlass, argwöhnisch zu werden. Denn wenn privilegierte Menschen jemanden in ihr Leben lassen, treffen sie zumeist penible Sicherheitsvorkehrungen. Nina Winchester aber scheint mit Millie sofort auf einer Wellenlänge, die Tochter Cece ist nicht ganz so zugänglich, und der Mann im Haus ist ohnehin meistens außer Haus: Andrew arbeitet in der Stadt und beschränkt sich bei Anwesenheit auf die Präsentation beeindruckender Armmuskulatur.
Eine Künstliche Intelligenz, die gar nicht einmal besonders intelligent sein muss, hätte zu dieser Konstellation sofort die geläufigsten Varianten parat: Millie kriegt Andrew, muss aber zurück ins Gefängnis, weil das Ehedrama ihre Neurosen triggert. Millie kriegt Nina, aber Andrew behält das Haus. Millie tötet Nina (aus Liebe), woraufhin Andrew Millie tötet (aus Treue). Eher unwahrscheinlich ist die Variante, in der Millie ein paar Jahre brav das Frühstück kocht, den Boden schrubbt, Cece zum Balletttraining fährt und schließlich mit einem guten Zeugnis zur nächsten Herrschaft weiterzieht.
Freida McFadden, die den Bestseller „The Housemaid“ geschrieben hat, hatte diese Möglichkeiten sicher alle parat, aber die Schmökerindustrie ist längst ein paar Ebenen weiter, und so geht es auch in diesem Fall keineswegs mehr nur darum, wer den Mann mit den Muskeln bekommt. Vielmehr entsteht Spannung zunehmend aus der Ungewissheit, wer Andrew Winchester, diese anfangs lächerliche Attrappe männlicher Anziehungskraft, in Wahrheit ist. Die Tatsache, dass er Millie ein Zimmer unter dem Dach zuteilt, das nur von außen abschließbar ist, mag als Andeutung genügen. Den nicht zu spoilernden Rest deutet die Altersfreigabe an: ab 16. In Amerika galt gleich richtig Jugendverbot.
Erotik und Sex stehen nicht mehr im Vordergrund
In den Neunzigerjahren gab es für eine Weile ein Filmgenre, zu dem „The Housemaid“ nun so etwas wie ein Nachzügler oder doch eine Aktualisierung ist: Der Erotikthriller verband sexuelle Freiheiten mit den Verlockungen des Gesetzesbruchs. Der berühmte Blick zwischen ihre Beine, den Sharon Stone für einen Sekundenbruchteil in „Basis Instinct“ gewährte, war wie eine Tür, die sich zur Pornographie niemals öffnen durfte. Bis heute wird über die Szene gestritten: Wurde die Schauspielerin von Regisseur Paul Verhoeven in diesem Moment missbraucht? Oder war es ein Akt souveräner Ironie?
Der Erotikthriller war als Form immer schon eine Totgeburt, denn er musste just vor den Schwellen haltmachen, hinter denen die wahre Transgression begann – und er verfügte zugleich nicht mehr über die Register der Andeutung, die in einer zensierten Filmwirtschaft den Genuss in die Bereiche jenseits des Gezeigten verschob. Kim Basinger, Demi Moore, Gina Gershon und eben Sharon Stone waren die Idole in dieser Phase, in der das Mainstream-Kino die Freiheitsgewinne seit den Sechzigerjahren konventionell machte. Es dauerte danach noch einmal fast zwanzig Jahre, bis die Geschlechterbilder auch im amerikanischen Kino allmählich widerzuspiegeln begannen, dass im Publikum keineswegs immer nur Männer sitzen. Demi Moore vor allem hat den Körperhorror, der in den Rollengefängnissen lauerte, 2024 mit „The Substance“ spektakulär freigesetzt.
Sydney Sweeney spielt in „The Housemaid“ Millie. Auf den ersten Blick könnte man sie in die Tradition der genannten Sexsymbole stellen. Sie hat sich in ihrer Karriere immer wieder freizügig gezeigt, schon in der Serie „Euphoria“, mit der sie berühmt wurde. Kürzlich hat sie mit einer Jeans-Werbung provoziert, in der sie auf „genetische Ausstattung“ anspielte – eine Ergebenheitsadresse an das konservative Amerika, in dem weiße Menschen selbstverständlich allein das Sagen haben? Der Spot war jedenfalls als „anrüchig“ lesbar und für das Marketing von „The Housemaid“ sicher von Vorteil. Er legte auch eine falsche Fährte. Denn Sex oder Erotik sind nicht die zentralen Kategorien im Film. Das Geheimnis, das durch das Hausmädchen enthüllt wird, betrifft einen Aspekt, der in das Innerste der Vorstellungen von männlicher Dominanz führt, die vor allem durch „Fifty Shades of Grey“ populär wurden. Mit den harmlosen Werkzeugen, die an der zarten Anastasia ausprobiert werden, hält sich in „The Housemaid“ niemand lange auf.
Der Sinn steckt in der Oberfläche
Vor diesem Hintergrund eines Spiels mit Genres und Mustern ist auch der Regisseur von Interesse. Denn Paul Feig kommt eigentlich von der Komödie. Er schuf 1999 die Kultserie „Freaks and Geeks“, in der unter anderem James Franco, Seth Rogen und Jason Segel auftraten. „Brautalarm“ (2011) ist bis heute ein kanonisches Werk für jenes Hollywoodkino, das auf die politische Korrektheit und die erneuerten Emanzipationsbewegungen seit den Nullerjahren reagierte, indem es die entsprechenden Fragen und Probleme in komischer Form durcharbeitete.
Feig wechselt mit „The Housemaid“ also deutlich das Register. Andererseits bietet sich der Gedanke an, die Geschichte von Millie, Nina und Andrew, in der es im zweiten Teil ziemlich drastisch zugeht, auch als Extremkomödie zu lesen. In jedem Fall aber zeigen sich deutlich Verschiebungen im kulturellen Feld: Nicht mehr die Umwege zur Lust stehen im Zentrum, sondern deren brutale Konsequenzen. Die strenge Kammer, die in der Horrorserie „Saw“ noch ein abseitiger Außenposten war, gehört nun zum bürgerlichen Haushalt. Und der Erotikthriller, der ja auch immer von der Erotik des Besitzens handelte, verwandelt sich in ein Psychogramm grausamer Verfügung.
„The Housemaid“ ist grober Trash, aber wie so oft steckt in Werken, die keinen tieferen Sinn beanspruchen, dieser Sinn an der Oberfläche. Der Argwohn, dass „normale“ Menschen kaum mehr zu finden sind und jede neue Begegnung potentiell monströs sein könnte, verleiht allen Vorstellungen von der Traumfrau, dem Traummann, einem Traumhaus oder einem Traumurlaub – und damit auch der Traumfabrik – einen Stachel. „The Housemaid“ kitzelt diesen Argwohn so erfolgreich, dass eine Fortsetzung bereits angekündigt ist. Wieder dabei soll auf jedem Fall Enzo, der Gärtner, sein. Zu ihm wird sich sicher auch ein finsteres Geheimnis finden.
Source: faz.net