Serie „The Lowdown“: Tief in Oklahoma verkaufst du deine Oma
Ein Gedanke lässt sich schon in den ersten Minuten der Serie „The Lowdown“ schwer vertreiben: Das ist alles etwas dick aufgetragen. Nämlich die Heruntergekommenheit des Amateurdetektivs Lee Raybon (Ethan Hawke) und seines Gefährts (ein Dodge-Van aus den Neunzigern), die Leuchtreklamen, Kneipen-Interieurs und Diner-Theken mit „verdammt gutem Kaffee“, die auf Pointe geschriebenen Dialoge.
Die Figur Lee Raybons steht in der Nachfolge von Raymond Chandlers Ermittler Philip Marlowe, vor allem jener der Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ durch Robert Altman 1973, in der Elliott Gould eine Marlowe-Karikatur spielte. Ethan Hawke, das hübsche Knabengesicht aus „Der Club der toten Dichter“ (1989) und dann oft der weiche Schönling, hat sich spätestens seit dem Polizei-Drama „Training Day“ (2001) freigespielt von diesem Image; inzwischen passt er mit halblangen grauweißen Haaren und im arg gebeutelten Cowboyhemd sehr gut in die Ästhetik des Südstaaten-Noirs im Stile des ikonischen Spielfilms „No Country for Old Men“ (2007) der Coen-Brüder.
Er kriegt in comichafter Regelmäßigkeit eins auf die Nase
Von dessen Ästhetik und Charakteren hat die in Tulsa, Oklahoma spielende Serie „The Lowdown“ sich manches geborgt, ist allerdings nicht ganz so apokalyptisch, bisweilen sogar unterhaltsam und stellenweise etwas albern. Lee Raybon muss viel einstecken und kriegt in comichafter Häufung auf die Nase, ist kaum je ohne Blut oder Pflaster im Gesicht zu sehen. Doch der liebenswerte Loser hat Beharrungsvermögen, auch dabei, seine enttäuschte Ehefrau zurückzugewinnen und seine pubertierende Tochter bei sich zu behalten.
Eine weitere Tradition ruft „The Lowdown“ mit dem Auftritt Kyle MacLachlans auf – denn unweigerlich erinnert man sich, sobald man unter einem großen Cowboyhut sein markantes Gesicht erkennt, an David Lynchs Mystery-Krimiserie „Twin Peaks“, in der MacLachlan den Agenten Dale Cooper spielte. Hier mimt er den stinkreichen Patriarchen Donald Washberg, der sich anschickt, Gouverneur des Staates Oklahoma zu werden.
Kryptische Abschiedsbriefe, versteckt in Krimi-Taschenbüchern
Das dritte Gesicht, das sofort Erinnerungen weckt, ist jenes von Tim Blake Nelson – der in der parodistischen Südstaaten-Odyssee der Coens, „O Brother, Where Art Thou“ (2000), einen minderbemittelten Sträfling spielte und hier den zarteren Bruder von Donald Washberg darstellt, allerdings fast nur in Rückblenden. Denn er liegt schon ganz zu Anfang in seinem Blut und hat kryptische Abschiedsbriefe hinterlassen, versteckt ausgerechnet in Krimi-Taschenbüchern seiner Bibliothek – denen Detektiv Raybon dann natürlich auf die Spur kommt.

Das ist zusammengenommen viel Tradition – und es versteht sich fast von selbst, dass ein solches Potpourri nicht an all seine Vorbilder heranreichen kann. Dass die Serie für den zu Disney gehörenden Spartensender F/X konzipiert wurde und hierzulande bei Disney+ gestartet ist, lässt sogar kurz die Frage aufblitzen, ob sie vielleicht die Disneyfizierung des Hardboiled-Genres verkörpert.
In erster Linie Investigativjournalist
Aber so einfach ist es bei Weitem nicht. Denn das Potpourri hat Geschmack und gewinnt zunehmenden an Schärfe. Raybon, für dessen Figur es ein reales Vorbild in Tulsa gibt, ist in erster Linie Investigativjournalist, der gegen Rassismus und Klassismus kämpft und historische Skandale aufdeckt (er nennt sich selbstüberhöhend „Truthstorian“). Zudem betreibt er ein Antiquariat namens „Hoot Owl Books“. Damit bedient die Serie eine doppelte Nostalgie, die zuletzt auch in den Kriminalromanen John Grishams zu spüren war: Wo immer weniger freier Journalismus möglich ist und wo gedruckte Bücher immer seltener zu finden sind, wird beides zum Sehnsuchtssymbol für bessere Zeiten.
Literarische Nostalgie bedient die Serie auch in ständigen Bezügen auf Klassiker, insbesondere solche der Kriminalliteratur: Ein roter Faden bei den Ermittlungen sind Bücher des Hardboiled-Autors Jim Thompson (1906 bis 1977) und Anspielungen auf diese. So entsteht ein dichtes Motivnetz, in das man sich gern verstrickt. Spätestens jedoch, wenn man tief in der ersten Staffel angelangt ist, in der Raybon in die Fänge von poetischen Hinterwäldlern gerät, die falschen Kaviar verkaufen, oder sich mit seinem ehemaligen WG-Genossen (Peter Dinklage) auf Suche nach einem Stück kriminell enteignetem Indianerland macht, dabei kiffend, sich prügelnd und um einen Freund trauernd, der Selbstmord begangen hat, muss man anerkennen: Hier ist doch etwas Eigenes, Stimmiges und humorvoll Abgründiges entstanden, das man ansatzweise einen satirischen Neo-Western nennen könnte.

Dafür verantwortlich ist der selbst aus Oklahoma stammende Sterlin Harjo, der 1979 im Reservat der Seminole Nation geboren wurde. Harjo hat an der University of Oklahoma Film studiert und debütierte vor gut zwanzig Jahren bei Robert Redfords Sundance-Festival mit seinem ersten Kurz- und Langfilmen, die um das Leben von Indigenen in den USA kreisen. Das tut auch seine bei Netflix laufende Doku „Love and Fury“, die Künstler und Schriftsteller porträtiert, und jüngst hat sich Harjo mit der Serie „Reservation Dogs“ im Comedy-Fach versucht.
Kinder spielen den „Land Run“ von 1889 nach
Mit „The Lowdown“, wofür er auch selbst das Drehbuch geschrieben hat, führt Harjo nun die Fäden zusammen: die der Genres, in denen er zuvor schon Erfahrungen gesammelt hat, und die der Gewaltgeschichte der Vereinigten Staaten, ob sie nun Indigene, Nachfahren von schwarzen Sklaven oder Homosexuelle betrifft. Diese Gewaltgeschichte begegnet dann noch satirisch dem Populismus der Gegenwart, etwa wenn Donald Washberg Kinder dazu animiert, den „Land Run“ von 1889 nachzuspielen, bei dem der amerikanische Präsident in Oklahoma etwa 8000 Quadratkilometer „nicht zugeteilten“ Landes für weiße Siedler freigab. Eine Aktivistengruppe wütender Cherokee-Nachfahren stört das Spektakel und fragt, was es da zu feiern gebe.
Der fiktive Washberg-Clan, dessen Chef lange den Eindruck macht, dass er zur Not auch seine Oma verkaufen würde, begegnet in dieser Geschichte schließlich noch viel krummeren Hunden, die sich religiös geben, aber teuflisch handeln. Die Serie hat genau den richtigen Soundtrack mit Musik zwischen J.J. Cale und Gangster-Rap, und sie ist glänzend besetzt, auch mit Jeanne Tripplehorn als trunksüchtiger, manipulativer Witwe und Keith David als weiterem Ermittler, der in einem rätselhaften Abhängigkeitsverhältnis zu den Washbergs steht. Und schließlich hat der jüngst verstorbene Graham Greene, der von den Oneida-Indigenen abstammte und die legendäre Augenbrauen-Szene in „Der mit dem Wolf tanzt“ spielte, einen Gastauftritt, der den Zuschauern die Augen öffnet und der ersten Staffel von „The Lowdown“ einen entscheidenden Dreh gibt. Auf die zweite Staffel, deren Produktion in diesem Frühjahr beginnt, darf man gespannt sein.
The Lowdown läuft bei Disney Plus.
Source: faz.net