la Repubblica: Linksliberales Vorzeige-Blatt vor ungewisser Zukunft

Ein Mann sitzt auf einer Parkbank und liest die Zeitung "La Repubblica".

Stand: 14.01.2026 17:28 Uhr

Die italienische Tageszeitung la Repubblica wird 50 Jahre alt. Doch statt zu feiern, sorgen sich die Redakteure um ihre Zukunft und fürchten politische Einflussnahme – denn die Zeitung soll verkauft werden.

Von Anna Giordano, ARD Rom

An der Via Cristoforo Colombo im Süden Roms steht ein gläsernes, lichtdurchflutetes Gebäude. Einst sollte dieses Hochhaus für Moderne und Transparenz stehen, mittlerweile ist es etwas in die Jahre gekommen. Doch noch immer gilt es in Rom als Wahrzeichen des italienischen Linksliberalismus, hier sitzt die Redaktion von la Repubblica.

Pünktlich zum 50. Geburtstag steht das Blatt vor einem historischen Umbruch. Der Mutterkonzern GEDI, kontrolliert von der Industriellenfamilie Agnelli, die als Gründerin des Fiat-Konzerns bekannt ist, hat den Verkauf der Zeitung an das griechische Medienkonsortium Antenna Group besiegelt. Damit übernimmt erstmals in ein nicht-italienisches Unternehmen die Trägerschaft der Zeitung.

Redaktion nicht informiert

Die Journalisten blicken in eine ungewisse Zukunft, auch, weil niemand mit ihnen geredet habe, wie die Redakteurin Alessandra Ziniti betont: Die Information, dass es Gespräche zwischen den Verlagshäusern gegeben habe, habe sie über eine Nachrichtenagentur erfahren. Damit seien Arbeitnehmerrechte missachtet worden.

In Italien haben die Redaktionen ein vertraglich verankertes Recht, über Eigentümerwechsel informiert zu werden. Zumindest, wenn ein solcher redaktionelle Auswirkungen haben könnte. Nun stehe die la Repubblica-Redaktion allein da, weder die Verantwortlichen der GEDI-Gruppe noch der neue Eigentümer wollten mit ihnen reden, sagt Ziniti.

Auch Gründe für den Verkauf seien nicht genannt worden – sie habe den Eindruck, GEDI habe schlicht „keine Lust mehr“ auf das schwierige Geschäft mit der Meinung, erklärt die Redakteurin.

Käufer bereitet „schlaflose Nächte“

Die Antenna Group gilt als profitorientiert, viele der Journalisten würden sich nun um ihre Arbeitsplätze sorgen, sagt Ziniti im Namen der Redaktion. Dabei hatte sich zu dem Thema sogar schon Italiens Ministerpräsidentin eingeschaltet.

Regierungsvertreter seien in Gesprächen mit Verkäufer und Käufer – man werde sich um die Arbeitsplätze der Angestellten kümmern, versicherte Giorgia Meloni auf ihrer Jahrespressekonferenz in der vergangenen Woche.

Doch die Redaktion bleibt misstrauisch. Zumal auch die Identität des neuen Käufers verunsichert: Rund 30 Prozent der Anteile an Antenna werden von der MBC Group gehalten – einem Medienriesen aus dem Nahen Osten, der mehrheitlich vom saudischen Staatsfonds kontrolliert wird.

Damit steht indirekt Mohammed bin Salman, der saudische Kronprinz, im Grundbuch der italienischen Traditionszeitung. „Wir kennen die Geschichte, und das lässt uns nicht ruhig schlafen“, sagt Redakteurin Ziniti. Saudi-Arabien rangiert auf der Weltrangliste der Pressefreiheit traditionell auf den hintersten Plätzen; das Regime steht international in der Kritik, kritische Stimmen im In- und Ausland systematisch zu unterdrücken.

Identität der Repubblica steht auf dem Spiel

Auch Ezio Mauro, der zwei Jahrzehnte lang Redaktionsleiter des Blattes war, stellt sich hinter die Redakteure. Hier stehe das teuerste Gut der Zeitung auf dem Spiel, nämlich ihre Identität als ein Blatt, das von Anfang an kritisch gegenüber den rechten Regierungen Italiens gewesen sei. „Ich hoffe, dass der neue Eigentümer weiß, dass er hier nicht einfach ein Unternehmen kauft, sondern, eine Kultur, eine bestimmte Art zu Denken und zu Sein“, sagt Mauro.

Der Journalist führte die Repubblica einst durch die Ära von Silvio Berlusconi, der zwischen 1994 und 2011 vier Mal Ministerpräsident war und dessen Familie ein großes Medienunternehmen kontrollierte. In einer Zeit der geschwächten Opposition fuhr die Zeitung scharfe publizistische Kampagnen. Wie etwa die „zehn Fragen“ an den damaligen Ministerpräsidenten, die monatelang auf der Titelseite des Blattes prangten.

„Sie wollten Klarheit schaffen angesichts von Gerüchten um Beziehungen Silvio Berlusconis zu Minderjährigen, die sich später als wahr erwiesen haben“, erzählt Mauro: „Der Journalismus darf nie aufhören, die Mächtigen zu fragen, wenn er einen Widerspruch sieht.“

Gibt es eine Zukunft für die Zeitung?

Mauro sieht die Zeitung noch nicht am Ende ihrer Ära angelangt, trotz des Umbruchs, der gerade bei la Repubblica stattfinde. In einer Zeit, in der es eine immer größere Informationsflut gebe, sei die Stimme einer unabhängigen Tageszeitung so wichtig wie nie, so Mauro. Die Zeitung sei die Stimme, die die Informationen auswähle und einordne, die die öffentliche Meinung präge, im Sinne der Demokratie.

Die Journalistin Alessandra Ziniti ist weniger optimistisch: Sie warnt vor einer drohenden Monokultur in der italienischen Medienlandschaft. „Außer der Repubblica und der Zeitung La Stampa, deren Zukunft ebenfalls ungewiss ist, gibt es keine echte Gegenmeinung zur Regierung Meloni in der italienischen Zeitungswelt“, betont sie.

Ob nun gerade diese kritische Haltung ein Grund für den Verkauf ist, das glaubt Ezio Mauro nicht. Er sehe diesen eher als Folge einer allgemeinen Krise des Zeitungsjournalismus – und als Folge einer wirtschaftlichen Umorientierung vieler Unternehmen.

Source: tagesschau.de